"Politische Börsen haben kurze Beine", lautet ein inzwischen schon recht antiquiertes Börsianer-Sprichwort, das die Beziehung zwischen Politik und den Finanzmärkten beschreibt. Gemeint ist mit diesem Sprichwort, dass sich politische Entscheidungen in der Regel nur vorübergehend auf Börsenkurse auswirken, nicht aber längerfristig. Ob diese Behauptung heute noch stimmt (oder ob sie jemals gestimmt hat), kann aber kritisch hinterfragt werden. Politische Entscheidungen können sich schließlich stark auf die künftigen Gewinnaussichten von Unternehmen auswirken, was wiederum die Investitionsentscheidungen von Anlegern und damit die Kurse beeinflusst. Man denke nur an die Corona-Maßnahmen, die ganze Branchen vorübergehend lahmgelegt haben, während Onlinehändler wie Amazon davon stark profitierten.

Politik spielt oft eine wichtige Rolle, nicht nur, aber auch an der Börse. Für die Bundestagswahl am kommenden Sonntag könnte das ganz besonders gelten. Schließlich sehen nicht wenige Menschen in der Wahl eine Richtungsentscheidung, die die politischen Weichen in Deutschland letztlich völlig neu stellen könnte.

Wie sich die neue Regierung auf die Märkte insgesamt auswirken könnte

Die letzten Meinungsumfragen lassen einen moderaten "Linksruck" bei der kommenden Wahl wahrscheinlich werden. Die SPD könnte die Union als stärkste Kraft ablösen und im Bundestag könnten die Parteien links der Mitte (SPD, Grüne, Linke) eine kleine Mehrheit gegenüber den Parteien rechts der Mitte (Union, FDP, AfD) haben. Es ist auch relativ wahrscheinlich, dass die SPD als nach den Umfragen stärkste Kraft und vermutlich auch die Grünen die kommende Regierung dominieren werden.

Eine wichtige Folge einer moderat linken Bundesregierung dürfte sein, dass eine solche Regierung eher zu einer "lockeren Fiskalpolitik" (hohe Staatsausgaben) neigen dürfte als eine liberal-konservative Regierung. Während Union und FDP etwa betonen, die Schuldenbremse einhalten zu wollen, betonen SPD und Grüne eher die Notwendigkeit von Investitionen.

Eine Regierung unter SPD und Grünen könnte zu höheren Staatsausgaben neigen, was vom Aktienmarkt häufig mit Kursgewinnen quittiert wird. Denn die Ausgaben der Regierung im Zuge der öffentlichen Auftragsvergabe sind zugleich Einnahmen von Unternehmen, so dass Unternehmensgewinne steigen könnten. Das gilt natürlich ganz besonders in Sektoren, die direkt von höheren staatlichen Investitionen profitieren könnten (siehe unten).

SPD und Grüne dürften auch eher bereit sein, konjunkturell angeschlagene Staaten in der Eurozone finanziell zu unterstützen, was sich wohl ebenfalls positiv auf die Konjunktur auswirken würde, weil die finanziell angeschlagenen Euro-Staaten das Geld ebenfalls ausgeben und damit die Konjunktur ankurbeln. Der weltgrößte Vermögensverwalter BlackRock warnte in diesem Zusammenhang bereits davor, dass eine Regierungsbeteiligung der FDP ein Risiko für die Euro-Anleihenmärkte darstellen könnte, weil die FDP die Rettung maroder Euro-Staaten mit deutschen Steuergeldern eher ablehnen dürfte als andere Parteien.

An den Anleihemärkten könnte sich eine "lockere Fiskalpoltik" (höhere Staatsausgaben) ohnehin noch stärker als am Aktienmarkt auswirken und zu etwas höheren Renditen bei deutschen Staatsanleihen führen. Einerseits, weil die Fiskalpolitik des deutschen Staates damit weniger solider wäre, was eine höhere Rendite rechtfertigt und andererseits, weil eine lockere Fiskalpolitik die Wachstumserwartungen ankurbelt. Beides sollte sich theoretisch in höheren Anleiherenditen (und sinkenden Anleihekursen) der Bundesanleihen niederschlagen. Bei Anleihen anderer Euro-Staaten, besonders der finanziell eher angeschlagenen in Südeuropa, könnte es aber den gegenteiligen Effekt geben: Höhere deutsche Staatsausgaben könnten dort die Risikoaufschläge abschmelzen lassen, so dass sich die Spreads zwischen deutschen Bundesanleihen und den Anleihen anderer Euro-Staaten verringern könnten. Das gilt ganz besonders, wenn die neue Bundesregierung auch höhere Ausgaben auf EU-Ebene befürworten sollte.

Das Risiko einer deutlich "linkeren" Politik in den kommenden Jahren für die Wirtschaft und die Finanzmärkte besteht vor allem in einer höheren Besteuerung und einer stärkeren Regulierung der Wirtschaft, was sich beides langfristig negativ auf den Aktienmarkt auswirken könnte. Anders als der Konjunktureffekt, der sich häufig sofort auf die Wirtschaft auswirkt, zeigen sich die negativen Folgen einer zu starken Regulierung und einer höheren Besteuerung allerdings oft nicht sofort, sondern erst zeitverzögert.

Ideal aus Sicht des Marktes wäre womöglich eine moderat linke Regierung (vielleicht unter Beteiligung der FDP), die einerseits für höhere Staatsausgaben sorgt und damit mehr Geld in die Wirtschaft pumpt, andererseits aber die Steuern nicht erhöht und auch die Regulierungslast nicht erhöht, sondern vielleicht sogar abbaut.

Welche Branchen profitieren vom Wahlausgang?

Eigentlich alle Parteien, die eine realistische Chance auf eine Regierungsbeteiligung in den kommenden vier Jahren haben, sehen den Kampf gegen den Klimawandel und die Digitalisierung als wichtige bzw. wichtigste Themen für die kommende Legislaturperiode an. Die künftige Bundesregierung dürfte die staatlichen Investitionen in diesen Bereichen mit hoher Wahrscheinlichkeit erhöhen.

Von einer stärker forcierten Digitalisierung könnten insbesondere Halbleiterhersteller wie Infineon und weltweit die IT-Industrie insgesamt profitieren.

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Infineon-Aktie

Sollte die neue Bundesregierung mehr staatliches Geld in die Hand nehmen, um die Mobilfunknetze auch in den eher strukturschwachen Regionen Deutschlands auszubauen und die "weißen Flecken" bei der Breitbandversorgung zu beseitigen, könnten davon Telekomunternehmen die Deutsche Telekom oder Vodafone profitieren.

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Deutsche-Telekom-Aktie

Höhere Investitionen im Bereich der erneuerbaren Energien könnten zu steigenden Gewinnen bei Unternehmen wie Siemens Energy und Nordex führen. Auch insgesamt könnte die Branche der erneuerbaren Energie, wie sie etwa vom iShares Global Clean Energy ETF abgebildet wird, von steigenden Investitionen in die saubere Energieerzeugung möglicherweise profitieren. (Der ETF ist seit Januar 2020 im Investment Depot von Guidants PROmax enthalten und befindet sich dort derzeit mehr als 65 Prozent im Plus. Der Autor dieses Artikels ist außerdem privat in dem ETF investiert.)

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ishares Global Clean Energy UCITS ETF

Klassische Industriebranchen, die ohnehin zu den Verlierern des Strukturwandels gehören, könnten hingegen unter einer Politik, die den Fokus vor allem auf die Bekämpfung des Klimawandels legt, leiden. Dazu gehören etwa die Autoindustrie und die Chemiebranche, die beide in Deutschland einen vergleichsweise hohen Anteil an der Wertschöpfung haben. Andererseits könnten Staatsausgaben zur Beförderung des Strukturwandels in diesen Branchen helfen, die Folgen abzumildern und die Investitionskosten für einen Umstieg auf "saubere Technologien" reduzieren helfen. Aus Sicht des Marktes würde die künftige Bundesregierung idealerweise also viel Steuergeld in die Hand nehmen, um den Strukturwandel in den klassischen Industriebranchen zu beschleunigen, gleichzeitig aber diesen Branchen keine zu hohen Auflagen machen.

Auch die Luftfahrbranche in Deutschland könnte durch einen forcierteren Kampf gegen den Klimawandel zusätzlich belastet werden, zum Beispiel über steigende Preise für Kohlendioxidemissionen oder durch ein Verbot von Kurzstreckenflügen. Unternehmen wie die Lufthansa und Fraport wären davon vermutlich betroffen.

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Fraport-Aktie

Weiter steigende Sozialausgaben in Deutschland könnten vor allem der Gesundheitsbranche und der Konsumgüterbranche zugutekommen. Haben ärmere Menschen mehr Geld in der Tasche, so geben sie in der Regel einen Großteil dieses Geldes für zusätzlichen Konsum aus. Bei wohlhabenderen Menschen führt ein höheres Vermögen oder Einkommen in der Regel hingegen kaum noch zu einem steigenden Konsum.


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