Das Theaterstück um den Austritt Großbritanniens aus der EU nimmt allmählich derart groteske Züge an, dass sich selbst hartgesottene Beobachter ungläubig die Augen reiben.

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Die neueste Posse in Sachen Brexit:

Am Mittwoch hatte das britische Parlament einen ungeregelten Brexit grundsätzlich und nicht nur für den 29. März mit klarer Mehrheit abgelehnt. Nicht einmal 24 Stunden später heißt es nun in einer Mitteilung der britischen Regierung, dass es eine Verschiebung des Austrittstermins nur dann geben solle, wenn das Parlament dem Brexit-Deal nachträglich doch noch zustimmt.

Das klingt nicht nur nach Erpressung, das ist Erpressung. Hat da jemand womöglich gesteigertes Interesse an einem Scheitern der Verhandlungen und einem harten Brexit?

Genau dieser Eindruck entsteht nämlich, wenn man sich eine weitere Meldung vom Vortag ansieht:

Zuvor hatte Downing-Street verlauten lassen, man werde 87 Prozent der Importzölle streichen, sollte Großbritannien am 29. März ohne weitere Regelungen aus der EU austreten.

Das klang beinahe so, als wolle man es den Parlamentariern erleichtern, den harten Brexit jetzt um jeden Preis durchzuziehen…

Die Kollegen vom Smart Investor schreiben dazu:

"87 % aller Importe sollen zollfrei in das Vereinigte Königreich gelangen können. Damit sollen drastische Preisanstiege vermieden und die britische Wirtschaft gestützt werden. Zugleich soll eine „harte Grenze“ zwischen dem EU-Mitgliedsland Irland und Großbritannien verhindert werden. Es zeigt eindeutig, wohin die Reise gehen dürfte. Zwar hat Großbritannien die Zölle auf die umgekehrten Handelsströme – also aus UK in die EU – nicht in der Hand. Hier werden nach einem harten Brexit die Standard-WTO-Sätze gelten (im Durchschnitt ca. 2,8 % auf Nicht-Agrar-Güter). Die eigenen Einfuhrzölle kann London jedoch ohne EU-Mitgliedschaft selbst gestalten.

Und plant ganz offensichtlich damit, das Land als eine Oase des Freihandels zu positionieren. Gut möglich, dass es mit massiven Steuersenkungen nach dem Brexit einen zweiten Impuls geben wird.

Das „Singapur Europas“, direkt vor dessen Haustüre, scheint alles andere als unrealistisch. Temporär dürfte es Sand im Getriebe der britischen Wirtschaft geben, keine Frage. Das langfristige wirtschaftliche Schicksal des vereinigten Königreichs dürfte jedoch weit weniger düster aussehen als von vielen Brüsseler Bürokraten skizziert".

Wagen wir einmal folgendes Gedankenexperiment:

Man stelle sich vor, es kommt tatsächlich zu einem mehr oder weniger "harten Brexit". Die Option rückt allmählich ja immer mehr in den Bereich des Möglichen.

Man stelle sich weiterhin vor, die Katastrophe, die daraus angeblich postwendend folgt, tritt überhaupt nicht ein.

Man stelle sich nun noch vor, dass Großbritannien "ganz unerwartet" weiterhin erfolgreich Handel mit seinen Geschäftspartnern auf der ganzen Welt betreibt und womöglich aufblüht, weil es nicht mehr unter der Bevormundung europäischer EU-Sozialisten leidet.

Das wäre dann tatsächlich eine Katastrophe.

Und zwar für die Europäische Union. Denn natürlich würden postwendend Nachahmer auf den Plan treten und den Briten folgen…

Könnte dies womöglich der eigentliche Grund für das beispiellose Mediengetöse in diesen Tagen sein?

Bloß kein Brexit, von dem Großbritannien profitiert. Denn das wäre der Super-GAU, wie das ja auch die "Kanzlerin der Herzen" sinngemäß gegenüber dem britischen Brexit-Unterhändler David Davis schon einmal formuliert haben soll.

Haben Kanzlerin und EU die Rechnung dabei womöglich ohne einflussreiche Kreise in Großbritannien gemacht, die unter der Hand den Zerfall der EU vorantreiben?

Die einzige sichere Brexit-Prognose in diesen Tagen lautet daher wohl:

Die ganze Sache könnte noch weitaus turbulenter werden, als viele sich das im Moment vorstellen können.

Und das letzte Wort ist auch nach den in Kürze anstehenden neuerlichen Abstimmungen im britischen Unterhaus mit Sicherheit noch nicht gesprochen…

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Zum Autor:

Andreas Hoose ist Chefredakteur des Antizyklischen Börsenbriefs, einem Service der BörseGo AG. Weitere Informationen finden Sie unter www.antizyklischer-boersenbrief.de


Andreas Hoose vertritt mit diesem Artikel seine eigene Meinung. Diese muss sich nicht zwangsläufig mit der Meinung von GodmodeTrader decken. Es erfolgt keine Prüfung durch eine Schlussredaktion.