Die US-Wirtschaft ist der europäischen um einige Monate voraus. Gemessen an praktisch allen Indikatoren, die einem zur Verfügung stehen, befindet sich die US-Wirtschaft in einem historischen Boom. Im ersten Quartal wuchs die Wirtschaft trotz schwieriger Bedingungen um annualisiert 6,4 %. Für das laufende Quartal werden 9 % erwartet.

Das höchste der Gefühle nach der Finanzkrise waren 4,4 %. Die Wirtschaft steht also richtig unter Dampf. Mit der Öffnung von Betrieben überall im Land kann auch der Dienstleistungssektor wieder Fahrt aufnehmen. Der Sommer steht bevor, Hotels sind teils ausgebucht, die Preise für Hotelzimmer und Ferienwohnungen steigen kräftig.

Es gibt viel nachzuholen und Verbraucher wollen es möglichst bald nachholen. Das dürfte auch in Europa gelten. Überraschend ist das nicht. Nach einem erzwungenen Stillstand und Verzicht ist das Zurückschnappen der Wirtschaft normal. Was danach kommt, ist relevanter. Nur was danach kommt, weiß niemand.

Ist der Sommer erst vorüber und haben sich Verbraucher in Restaurants und Vergnügungsparks ausgetobt, kann grundsätzlich alles geschehen. Die Konsumlaune kann anhalten und der Wirtschaft auch 2022 traumhafte Wachstumsraten bescheren. Es kann aber auch ganz anders kommen.

Ein Boom wie jetzt setzt sich selten fort. Gemessen an den Erwartungen und der Lage, finden sich in den letzten 60 Jahren kaum vergleichbare Situationen. Vor der Finanzkrise war die Perspektive noch besser als jetzt und 1972. Das gilt sowohl für die Wahrnehmung unter Unternehmen, als auch unter Konsumenten. Sie sind sich so sicher wie lange nicht, dass die Arbeitslosigkeit zurückgehen wird.

Unternehmen suchen händeringend nach Arbeitnehmern. Arbeitskraft ist knapp. Zusammen sind beide Indikatoren sehr hoch, fast historisch hoch (Grafik 1). In dieser Zusammensetzung gab es das so noch nie. Besser geht also kaum. Bei ähnlich hohen Werten wie jetzt war der Boom in der Vergangenheit praktisch vorbei.


Spielen die Verbraucher nicht mit, hat es auch der Aktienmarkt schwer. Wenn Unternehmen die Aussichten plötzlich weniger gut einschätzen als die Lage, tendiert der Aktienmarkt zu Korrekturen (Grafik 2). Bei ähnlich hohen Werten wie jetzt folgte ein Bärenmarkt. Dieser folgte 1972 sofort. 1998 und 2006 dauerte es noch zwei Jahre, bis auch Anleger begriffen, dass die Lage nicht mehr gut ist.


Zunächst muss sich die Einschätzung ändern. Soweit ist es noch nicht und das sind gute Neuigkeiten. Vermutlich gleicht der Markt auch eher dem aus 2006 oder 1998. An Optimismus mangelt es nicht. Es braucht lange und viel, bis problematische Daten von Anlegern wirklich wahrgenommen werden.

Wenn es nicht zu einer ungünstigen Mischung an Umständen kommt, sollte der Aktienmarkt auf absehbare Zeit hoch bewertet bleiben. Anders sähe es aus, wenn der Boom aufgrund gesättigter Verbraucher im Herbst plötzlich stockt, nachdem Notenbanken kurz zuvor über den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik entschieden haben.

Wägt man all diese Punkte ab, lohnt es sich investiert zu bleiben. Persönlich bleibe ich größtenteils investiert, verkaufe aber in den nächsten Wochen die eine oder andere Position, die ausgereizt erscheint.

Clemens Schmale


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