Vergangene Woche lieferte Robert Shiller einen prägnanten Beitrag, der die Hintergründe der wirtschaftlichen Stagnation beleuchtet. Die Theorie dahinter ist sehr einfach. Es bleibt jedoch nicht allein bei der Theorie.

Seit der Finanzkrise kommt die Wirtschaft nirgends auf der Welt so richtig in Schwung

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Deutschland galt lange Zeit mit seinem Wachstum von 1,5 % als Konjunkturlokomotive. Wäre es nicht so traurig, müsste man herzhaft lachen. Zumindest aber ist die Lokomotive nicht besonders kraftvoll, wenn es um 1,5 % Wachstum geht oder es ist sehr wenig Dampf im Kessel.

Der Dampf im Kessel fehlt in Europa, in Asien, in Südamerika, aber auch in Nordamerika – praktisch also überall auf der Welt. Zu erklären ist dies mit der Zurückhaltung von Unternehmen und Konsumenten. Diese halten sich mit Investitionen und Konsumausgaben zurück. Wieso aber halten sie sich trotz ultraniedriger Zinsen zurück?

Wirtschaftsakteure halten sich vor allem aus zwei Gründen zurück

Entweder wollen sie nicht investieren oder sie können nicht. Ersteres trifft auf viele Unternehmen zu. Sie könnten investieren, wollen aber nicht. Letzteres trifft mehr auf Konsumenten zu. In vielen Ländern haben Konsumenten nicht die finanziellen Mittel, ihre Ausgaben zu steigern, doch selbst in Ländern, in denen sie es könnten, tun sie es nicht.

Diese Zurückhaltung ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist auf eine erhöhte Unsicherheit zurückzuführen. Wenn die Zukunftsaussichten unsicher sind, hält man das Geld lieber beisammen, anstatt es mit beiden Händen auszugeben. Es herrscht eine hohe Risikoabneigung vor.

Unternehmen halten sich mit Neueinstellungen zurück

Das zeigt sich sogar in Ländern wie Spanien, wo die Wirtschaft mit mehr als 3 % wächst, die Arbeitslosigkeit aber nur sehr zaghaft zurückgeht. Investiert wird wenig. Stattdessen horten Unternehmen Geld oder nutzen die niedrigen Zinsen für Financial Engineering. Das ist vor allem ein US-Phänomen. Dort nehmen Unternehmen Schulden auf, um Aktienrückkäufe und Dividenden zu finanzieren. Die Aktienkurse können so weiter steigen, obwohl die Unternehmen selbst nicht mehr wachsen.Der Auslöser für die Unsicherheit ist schnell identifiziert.

So lange ist es noch nicht her, dass das Weltfinanzsystem vor dem Abgrund stand

Das Weltwirtschaftswachstum brach 2008/09 dramatisch ein, doch dank der Intervention von Notenbanken (Zinssenkungen, QE) und Regierungen (Konjunkturprogramme) gab es einen raschen Rebound in den Jahren 2010 und 2011.

Dem Rebound folgte ein neuerlicher Rückgang des Wachstums. Seitdem siecht das Wachstum auf niedrigem Niveau dahin, obwohl es dafür eigentlich keinen Grund gibt. Vielen Ländern geht es zwar schlecht, doch es gibt ebenso viele, in denen die Lage gut ist (USA, Deutschland usw.). Trotzdem kommt das Wachstum nicht vom Fleck. Unternehmen und Konsumenten halten an ihrer Zurückhaltung fest.

Die Zurückhaltung wird von wahrgenommener Unsicherheit genährt, die man messen kann

Dafür wurde eine Messmethode entwickelt. Das Resultat ist ein Economic Policy Uncertainty (EPU) Index. Er zeigt die Unsicherheit über wirtschaftliche bzw. wirtschaftspolitische Vorkommnisse an.

Der EPU Index (blaue Linie) für die USA ist in Grafik 1 dargestellt. Es zeigt sich tendenziell eine negative Korrelation zwischen hohen EPU-Werten (hohe Unsicherheit) und Wirtschaftswachstum. Da der EPU-Index die Verbreitung von Unsicherheit misst, macht das Sinn. Je mehr in den Medien Unsicherheit gestreut wird, desto eher sind Wirtschaftsakteure bereit, sich in Zurückhaltung zu üben.

Die negative Korrelation ist vor allem seit Anfang der 90er Jahre sehr gut erkennbar. Mit einer gewissen Besorgnis muss man daher auch zur Kenntnis nehmen, dass der Index zuletzt wieder deutlich anstieg. Der Anstieg ist nicht auf die USA begrenzt (s. Grafik 2).

Der Schuldige für den Anstieg in diesem Jahr ist schnell gefunden. Das zeigt Grafik 3. Hier ist der EPU Index für Großbritannien dargestellt. Es ist unschwer zu erkennen, dass das Referendum für extreme Unsicherheit gesorgt hat. Diese Unsicherheit wird sich so schnell nicht wieder verflüchtigen. Zudem erreicht der Index in Großbritannien einen neuen Höchstwert. In den meisten anderen europäischen Ländern werden ebenfalls Höchstwerte gemessen.

Solange die extreme Unsicherheit nicht verschwindet – und sie wird von der Berichterstattung hervorragend genährt – ist nicht mit einem nachhaltigen Turnaround zu rechnen. Die gestiegene Unsicherheit ist übrigens nicht nur auf den Brexit zurückzuführen.

Auch die hyperaktiven Notenbanken sorgen für Unsicherheit

Notenbanken wollen zwar eigentlich das Vertrauen der Menschen stärken, doch durch ihre permanente Präsenz und die Diskussion darüber, wie schlecht die Lage ist und was sie nicht noch alles tun können, wenn sie müssen, nähren sie die Verunsicherung. Medial wird das teilweise auf eine groteske Art und Weise aufbereitet. Hier wird jedes Augenrollen eines Notenbankers durch Sensationsmeldungen aus allen Blickwinkeln beleuchtet.

Theoretisch könnte die Wirtschaft global wieder anspringen, wenn die Verunsicherung nachlassen würde. Realistisch ist das aus zwei Gründen nicht.

Zum einen verkaufen sich Negativschlagzeilen einfach besser. Medien sollen natürlich über alles berichten und negative Nachrichten nicht ausklammern, doch etwas mehr Ausgeglichenheit wäre wünschenswert. Zum anderen tun Notenbanker und Politiker alles in ihrer Macht Stehende, um die Unsicherheit weiter am Leben zu erhalten. Anstatt Reformen anzupacken und durchzuziehen, werden Reformen verschleppt, nur diskutiert und niemals umgesetzt. Das sorgt für einen nie enden wollenden Nachschub an Nachrichten, der die Verunsicherung weiter nährt.

Nimmt man hypothetisch an, dass auf einmal alle negativen Nachrichten verschwinden: Was dann? Explodiert dann das Wirtschaftswachstum? – Eher nein. Es kann sich zwar etwas beschleunigen, sich aber nicht verdoppeln. Dafür haben die meisten Konsumenten einfach nicht das Geld.

Clemens Schmale

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