Ich habe mich noch nicht endgültig entschieden, auf welche Seite ich mich schlage. Derzeit gibt es vor allem zwei Lager, wenn es um den Wirtschaftsausblick geht. Die einen befürchten, dass die Wirtschaft noch sehr lange staatliche Unterstützung brauchen wird. Die anderen sehen ab Sommer einen enormen Wachstumsschub, der sogar zur Überhitzung führen kann.

Beide Varianten sind für Anleger problematisch. Wieso eine schleppende Erholung schwierig ist, ist klar. Unternehmensgewinne wachsen nur langsam und können die hohen Erwartungen nicht erfüllen. Eine Korrektur wäre angebracht.

Auch bei einer Überhitzung kann man sich nicht freuen. Es kommt zur Inflation. Preissteigerungen können nicht von allen Unternehmen erfolgreich weitergegeben werden. Die Margen sinken. Zudem ruft eine Überhitzung die Notenbank auf den Plan. Ein Ende von QE und Zinserhöhungen drohen früher zu kommen als erwartet.

Im Idealfall gelingt der Mittelweg. Danach sieht es momentan nicht aus. Eines der beiden Extreme ist wahrscheinlicher. Für eine Überhitzung sprechen die zuletzt veröffentlichten Daten. In den USA (Grafik 1), aber auch in Deutschland war zum Jahresende eine interessante Tendenz zu erkennen. Der Arbeitsmarkt war relativ stabil.


In den USA wurden Stellen abgebaut. Das lag allerdings vor allem am Gastgewerbe, das von der neuen Infektionswelle besonders betroffen ist. In anderen Wirtschaftszweigen war weiterhin Wachstum zu verzeichnen und Jobs wurden geschaffen. Damit scheint die Pandemie nun nur noch einen kleinen Teil der Wirtschaft zu beeinträchtigen.

Im Gastgewerbe arbeiten viele Menschen. Der Beitrag zur Wirtschaftsleistung ist allerdings im Vergleich überschaubar. Besser ist es natürlich, wenn alle Sektoren wachsen, doch wenn die Pandemie nun an den meisten Sektoren vorbeigeht, ist das das zweitbeste Ergebnis. Vom Spezialfall des Gastgewerbes und des Tourismus inkl. Airlines abgesehen, scheint die Wirtschaft weiterhin zu wachsen, Lockdown hin oder her. Ist die Bevölkerung erst geimpft, kann die Wirtschaftsleistung raketenhaft zulegen.

Es gibt freilich auch andere Perspektiven. Berücksichtigt man die vielen Fehlerquellen in den Daten, kommt man zu einer anderen Schlussfolgerung. Die Anzahl an Arbeitslosen wird aufgrund von Erhebungsmängeln vermutlich unterschätzt und viele Menschen haben sich vorerst aus dem Arbeitsleben verabschiedet. Sie sind nicht nur arbeitslos, sie suchen auch nicht nach Arbeit. Sie haben die Hoffnung bereits aufgegeben.

In diesem Fall sieht die Erholung der Beschäftigung (Grafik 2) ganz anders aus. Aus der V-förmigen Erholung wird ein zaghafter Aufschwung, der schon wieder zu versiegen droht. Da braucht die Wirtschaft noch deutlichen Anschub, um einer langen Stagnation zu entgehen.


Es ist zu früh, um aufgrund der Datenlage einen klaren Favoriten zu benennen. Die Politik versucht mit aller Macht dieses zweite Szenario (Aufschwung kommt nicht) zu verhindern. Genau dadurch provoziert sie eine Überhitzung, wenn alles gut läuft. Derzeit sind beide Szenarien absolut vorstellbar.

Clemens Schmale


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