Die große Entkopplung wird schon seit Jahren diskutiert. Dabei geht es um die Entkopplung von Produktivität, Beschäftigung und Einkommen. Am besten lässt sich der Fall durch eine Grafik beschreiben. Diese zeigt die Entwicklung der Produktivität, des realen Pro-Kopf-Einkommens, des Median-Haushaltseinkommens und der Beschäftigung in den USA.


Die Daten sind US-bezogen, gelten aber für weite Teile der Welt, auch Deutschland, Österreich oder die Schweiz. Mit anderen Worten: wir sehen global zunehmende Produktivität (mehr Güter werden mit weniger produziert), aber nicht im gleichen Ausmaß wachsende Einkommen. Das gilt sowohl auf der Haushaltsebene wie auch auf der individuellen.

Produktivität und Einkommen liefen lange Zeit Hand in Hand. Seit den 80er Jahren kann man eine zunehmende Divergenz beobachten. Diese Divergenz wurde von McAfee und Brynjolfsson (MIT Sloan School of Management) mit einer gewissen Sorge diskutiert.

Die Sorge ist absolut berechtigt, denn der Trend, den wir sehen, bedeutet vor allem, dass für Output immer weniger Arbeit benötigt wird. Das ist ein großer Unterschied zu früher. Früher wurden Arbeitnehmer durch Technologie produktiver. Heute steigt die Produktivität immer noch, allerdings immer mehr ohne Arbeitnehmer. Arbeitnehmer werden zunehmend ersetzt.
Das unterscheidet den heutigen technologischen Fortschritt von früheren Innovationszyklen. Frühere Zyklen brachten Innovationen hervor, die den Menschen vor allem unterstützten. Bis ins 20. Jahrhundert nahm der Fortschritt dem Menschen vor allem manuelle Arbeit ab. Die Beschäftigung wuchs trotzdem, obwohl einige Berufsgruppen vollkommen verschwanden.

Es war möglich diese Jobs zu ersetzen. Vereinfacht ausgedrückt wurde manuelle Arbeit durch geistige Arbeit ersetzt. Doch was geschieht, wenn der Fortschritt dem Menschen geistige Arbeit abnimmt? Was hat der Mensch denn noch zu bieten, außer Kraft und Geist?

Die Antwort liegt eigentlich auf der Hand: nichts. Werden Bürojobs durch Maschinen ersetzt, gibt es so gut wie keine Ausweichmöglichkeiten. Nicht alle Jobs werden ersetzt werden, zumindest nicht so bald. Einige werden durch Maschinen vorerst nur unterstützt werden, z.B. durch Datenanalyse. Die Interpretation der Daten wird immer noch vom Menschen vorgenommen.

Unterm Strich dürften in diesem Innovationszyklus sehr viel mehr Jobs wegfallen als neue geschaffen werden. Menschen haben neben Kraft und Intelligenz noch ein Talent, welches nicht so schnell durch Maschinen ersetzt werden kann: die Menschlichkeit (Emotion, Empathie usw.). Vor allem hier werden neue Jobs entstehen. Doch reicht das?

Betrachtet man die Entkoppelung der letzten Jahrzehnte, scheint auch hier die Antwort auf der Hand zu liegen: Nein. Schon jetzt geht überproportional viel Einkommen an den Faktor Kapital (alles außer menschlicher Arbeit). Dieser Trend wird sich weiter verschärfen.

Innovation vergrößert den ökonomischen Kuchen, aber nicht alle bekommen davon etwas ab. Viele Jobs werden ersetzt bzw. es entsteht ein hoher Lohndruck. Entweder sinken die Löhne oder sie steigen nicht oder die Jobs fallen einfach weg. Nicht zuletzt der Trend hin zu Automatisierung hält das Lohnwachstum gering.

Es ist ein langsamer und schleichender Prozess. Es bedeutet nicht, dass die Löhne gar nicht mehr steigen oder kurzfristig nicht einmal sogar richtig ordentlich zulegen können. Abweichungen vom Trend gibt es immer. Langfristig droht die Rückkehr zum Trend. Das bedeutet im Klartext: weniger für Arbeiter, mehr für das Kapital.

Die Politik schaut nicht einmal zu. Es ist einfach kein Thema. Dabei drohen immer mehr Menschen in niedrigere Einkommensschichten abzurutschen, wenn sie überhaupt noch einen Job haben werden. Eine politische Lösung für das Problem lässt sich nicht von heute auf morgen umsetzen. Umso wichtiger ist es, das Thema jetzt anzupacken. In 10 Jahren ist es zu spät.

Clemens Schmale

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