Der Oktober dürfte erneut dazu beigetragen haben, dass kein Mensch mehr zwei der Lieblingsvokabeln der im Wesen ähnlichen Regierungschefs aus den USA und Großbritannien hören kann: Deal und Deadline. Denn der vergangene Monat war einmal mehr gespickt von angekündigten Deals als auch angedrohten und folgenlos verstrichenen Deadlines.

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Auf der einen Seite des Atlantiks geht es dabei immer noch um den Wirtschaftskrieg zwischen den USA und China, in welchem es immerhin beim Thema Zölle noch Hoffnung gibt. Die Zeit drängt jedoch, denn zum 15. Dezember greift schon die nächste Stufe amerikanischer Strafzölle auf Importwaren aus China. Es handelt sich dabei vornehmlich um Konsumgüter, deren Verteuerung dem Wahlvolk kurz vor, aber auch generell nach Weihnachten nicht schmecken dürfte. Daher ist es verständlich, warum auch die US-Seite Interesse an einer Lösung des Handelskonfliktes hat. Und wenn es sich auch nur noch um "Phase 1" einer weiterreichenden Vereinbarung, also eines "Deals", handeln sollte. Was darüber hinaus noch vereinbart werden wird, wird immer fraglicher. Zumal die chinesische Seite sich kaum noch Mühe gibt, die Lage schön zu reden. Man zweifle daran, dass mit Trump eine langfristige Einigung im Handelsstreit machbar sei, ließen sich hochrangige chinesische Minister zitieren. Ihre Zweifel dürften auch nicht geringer werden, wenn das Amtsenthebungsverfahren gegen Trump an Fahrt gewinnt.

Auf der anderen Seite des Atlantiks hält Boris Johnsons Auseinandersetzung mit der Europäischen Union (EU) und seinem Parlament die Investoren auf Trab. Ob die noch für die im Dezember angesetzten Neuwahlen ihm oder auch der Brexit-Causa letztlich dienen werden, ist völlig offen. Die neuen Mehrheitsverhältnisse im Parlament könnten den Brexit-Fortgang noch komplizierter machen. Mag der Ermü-dungsfaktor dieser unberechenbaren und kurzfristig angelegten Politik auf beiden Seiten des Atlantiks für die Investo-ren noch überschaubar sein (was letztlich die Rekordstände an einigen Börsen suggerieren), so schädigend sind sie jedoch für die Investitionsneigung der Unternehmen.

Neben erneut schwachen (aber sich zumindest auf niedrigem Niveau stabilisierenden) Einkaufsmanagerindizes in vielen Regionen zeugen davon insbesondere die Zahlen zu den Anlageinvestitionen in Europa, den USA und China. Darüber hinaus haben die Firmen noch an anderer Front zu kämpfen, wie langjährige (US) volkswirtschaftliche Zahlen und auch aktuelle Firmenzahlen belegen: Margendruck. Die US-Firmen berichten bisher für das dritte Quartal von steigenden Umsätzen im Jahresvergleich, aber sinken-den Gewinnen. Geringere Unternehmensinvestitionen, Mar-gendruck und ein an Dynamik verlierender Arbeitsmarkt – das Jahr 2020 wird herausfordernd.

Den Börsen merkt man das nicht an, was einmal mehr den Zentralbanken geschuldet sein dürfte. Die US Federal Reserve (Fed) hat im Oktober zwar "nur" einen Zinsschritt vorgenommen und ansonsten deutlich gemacht, weitere Zinssenkungen erst bei Verschlechterung der Rahmendaten zu erwägen. Aber dafür bläht sie ihre Bilanz nun stärker als erwartet auf. Man solle es jedoch nicht quantitative Locke-rung (oder “QE“) nennen, sagt sie. Schließlich kaufe man nun nur Anleihen mit kurzer Restlaufzeit, unter anderem da es im Geldmarkt zuletzt aufgrund von Turbulenzen am Repomarkt ordentlich ruckelte. In Europa läuft per Anfang November ganz offiziell wieder das Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB). Zunächst mit einem Volumen von 20 Milliarden Euro pro Monat, aber die neue EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat schon erkennen lassen, wenn nötig noch eine Schippe draufzulegen. Diese Umtriebigkeit ihrer Kollegen ließ der Mutter aller QE-Programme, der Bank of Japan, keine Ruhe, und so kündig-te auch sie noch Ende Oktober an, gegebenenfalls "zusätzliche Lockerungsschritte einzuleiten".

Mit Blick auf die Marktentwicklungen im Oktober zeigt sich einmal mehr, dass die Rentenmärkte solche Geschenke der Zentralbanken spätestens bei der Ankündigung schon einpreisen, während es zu Beginn der Käufe dann sogar zu Preisrückgängen kommen kann. Von ihren Zinstiefs verabschiedeten sich die Rentenmärkte bereits Ende August. Die Aktienmärkte jedoch feiern diesen Geldsegen gebührend und eilen von Rekord zu Rekord. Dank des starken Oktobers findet man nun kaum noch eine Vermögensklasse, die seit Jahresanfang keine positive Gesamtrendite erzielt hat.

AUSBLICK UND ÄNDERUNGEN
Der Monat beginnt nicht nur mit dem Amtsantritt von EZB Präsidentin Christine Lagarde, sondern auch mit dem Karriereende des über seine Rolle hinausgewachsenen Sprechers des britischen Unterhauses, John Bercow. Seine sekundäre Funktion, beim breiten Publikum das Interesse für Parlamentsarbeit aufrecht zu erhalten, könnte nun, in den Staaten, vom Demokraten Adam B. Schiff, dem Vorsitzenden des Geheimdienstausschusses übernommen werden, der die Untersuchungen im Fall Donald Trump/Ukraine leitet. Nachdem das Repräsentantenhaus die Impeachment-Ermittlungen gebilligt hat, dürften schon bald erste Zeugenvernehmungen live im Fernsehen zu verfolgen sein. Ähnlich wie bei den Brexit-Unterhausdebatten dürften sich auch viele Finanzmarktteilnehmer für diese Übertragungen inte-ressieren und in Folge für Volatilität an den Märkten sorgen. Als Unruheherd wird dieses Thema aber vom Fortgang des Handelsdisputs übertroffen werden. Nachdem zumindest anhand der vorigen Erwartungen eine Entspannung bei Brexit und Handel für die gute Marktverfassung sorgte, könnte im November wieder etwas Ernüchterung einkehren.

Ohne eine spürbare Verbesserung der makroökonomischen Rahmendaten erwarten wir daher keine Fortsetzung der Aktienrally in der zuletzt gesehen Geschwindigkeit. Aus taktischer Sicht haben wir im vergangenen Monat keine Veränderungen unserer regionalen und sektoralen Präferenzen vorgenommen. Auch wenn die Berichterstattung der laufenden Berichtsaison recht positiv erfolgte, sollte man nicht vergessen, dass etwa die Firmen aus dem S&P 500 im Schnitt nunmehr das dritte Quartal in Folge mit Ergebnisrückgängen aufwarten. Zudem werden die Gewinnerwartungen seitens der Analysten sowohl für 2019 als auch für 2020 weiterhin nach unten revidiert. Im Rentenbereich kam es zu zwei wichtigen Signaländerungen. Bei US-Treasuries sind wir in allen Laufzeiten auf "Neutral" zurückgegangen und warten wieder auf bessere Einstiegszeitpunkte, da wir insgesamt mit einer Fortsetzung des Niedrigzinsumfelds rechnen. Eine weitere Veränderung gab es bei Euro-Unternehmensanleihen im Investmentgrade-Bereich, für die wir nun erneut positiv sind. Die ohnehin rege Nachfrage angesichts weitverbreiteter Negativzinsen bei europäischen Staatsanleihen wird durch das wieder aufgenommen Anleihekaufprogramm der EZB zusätzlich gestützt.

DIE MULTI-ASSET-PERSPEKTIVE
Relativ zu den niedrigen Erwartungen noch zum Monatsbe-ginn haben sich einige Daten zumindest stabilisiert, vor allem in China und Europa. Während der Verbraucher weiterhin in guter Verfassung ist, zeigen die Unternehmen klare Anzeichen von Investitionsmüdigkeit. Von den Zentralbanken kommt weiter Unterstützung, allerdings hat vor allem die Fed signalisiert, ihre Unterstützung vorerst nicht ausweiten zu wollen. Die üppige Liquidität stützt alle Vermögensklassen, weshalb wir insgesamt die Investitionsquote in riskantere Anlagen erhöht haben. Zudem zeigt sich eine aus Multi-Asset-Sicht willkommene Entwicklung bei der Korrelation zwischen Renten und Aktien: Sie hat zuletzt abgenommen, was die Diversifikationseffekte einer breiten Aufstellung erhöht.

Aus relativer Bewertungssicht präferieren wir Aktien gegenüber Anleihen. Die Berichtssaison betrachten wir insgesamt als positiv, vor allem für viele zyklische Unternehmen, ge-messen an den niedrigen Erwartungen. Allerdings zeigen die Indexstände, dass eine zyklische Stabilisierung schon weitgehend eingepreist ist. Aufgrund dieser Stabilisierung befürchten wir aber auch keine größeren Kursrückschläge, sondern würden Korrekturen als temporär betrachten.

Innerhalb des Rentenuniversums präferieren wir grundsätzlich Schwellenländeranleihen in Hartwährung gegenüber Industrieländeranleihen. Bei letzteren gefallen uns jedoch weiterhin Euro-Unternehmensanleihen, mit besonderem Augenmerk kurzfristig auf bestimmte Bereiche im Hochzinssegment. Aus Portfoliosicht sehen wir aber auch US-Staatsanleihen als gute Ergänzung, zumal wir weiteres Potenzial für rückläufige Zinsen sehen.