In der englischen Sportberichterstattung ist immer vom Underdog die Rede, wenn es darum geht, ein Team zu bezeichnen, das dem anderen vollständig unterlegen ist. Würde man dieses Wort einem Industriemetall zuordnen wollen, dann wäre das sicherlich Zink. Doch was wären die Märkte und der Sport, wenn es nicht ab und zu faustdicke Überraschungen gäbe! Zink könnte im nächsten Jahr in einen neuen Bullenmarkt eintreten, weil China bald sehr große Mengen benötigt.

    Was dieses Metall seit Beginn der Finanzkrise, und auch während der Zeit der allgemeinen Kurserholung in den Jahren 2009 und 2010 aufs Parkett gelegt hat, ist überhaupt nicht sportlich. Zink verlor zeitweise fast zwei Drittel an Wert und konnte die Verluste aus dem Crash von 2008 nicht einmal annähernd wieder aufholen. Diese Ehre wurde etwa Kupfer und Aluminium zuteil, während Zinn sogar um fast 120% über seine Hochs vom Oktober 2007 ansteigen konnte – dem ehrwürdigen Monat, an dem alles begann: Der Crash, die Bailouts, die Neuschreibung der Finanzgeschichte.

    Doch jetzt könnte Zink wieder interessant werden: Die Zinklagerbestände an der LME nehmen wieder ab. Von einem Rekordstand von 894.000 Tonnen am 11. Juli sind jetzt nur noch 780.875 Tonnen übrig – das ist zwar immer noch 1350% mehr als im Oktober 2007, relativ zum Jahresverbrauch von 11,7 Millionen Tonnen kann man aber schnell auf die Idee kommen, dass das ziemlich schnell knapp werden könnte, wenn der Bedarf wächst.

    Das ist genau die Situation, die von verschiedenen Analystenhäusern jetzt erwartet wird. Rund die Hälfte der Zinkproduktion der Welt wird verwendet, um Stahl rostfrei zu machen, und dank China erreichte die Produktion der Legierung im zweiten Quartal ein Rekordhoch von 31,7 Millionen Tonnen, zeigen Zahlen von Macquarie. Damit wächst die Nachfrage und das Überangebot, das die Tonnenpreise seit einem historischen Höchststand von 4.580 Dollar im Jahr 2006 um 58% fallen ließ, könnte abnehmen. Analysten von Morgan Stanley glauben sogar, dass das Überangebot auf den niedrigsten Stand seit 2007 fallen wird. Die ersten Verknappungen seien dann im Jahr 2014 zu erwarten.

    Der Zinkpreis fiel in drei der vergangenen vier Jahre und legte damit die schlechteste Performance aller an der Londoner LME gehandelten sechs Industriemetalle hin. Eine Tonne kostet nur noch 1.938 Dollar, während im Jahr 2006 noch 4.580 Dollar gezahlt wurden. Der letzte Bullenmarkt bei Zink ereignete sich in den Jahren 2004 bis 2007. In diesen drei Jahren sprang der Zinkpreis von 800 Dollar auf fast 4600 Dollar – eine Steigerung um 475%.

    Ein Grund, optimistisch zu sein, sind die Grenzkosten der Produktion. Darauf weist Macquarie hin. Einige Minen brauchen Preise um 2.200 Dollar pro Tonne, um profitabel arbeiten zu können. Das gilt vor allem für die chinesischen Minen, die für 29% des globalen Angebots stehen. Viele stellen ihre Produktion jetzt ein, was das Angebot verknappe und die Lagerbestände an der LME zusätzlich sinken lasse.

    Dabei darf man aber auch nicht vergessen, dass man, wenn es um die Beschreibung der Wachstumserwartungen der Weltwirtschaft geht, nicht mit den rosigsten Vokabeln um sich werfen darf. Der Internationale Währungsfonds IWF senkte jüngst seine Wachstumserwartungen für die Weltwirtschaft für dieses und nächstes Jahr auf 4% glatt, nach 4,3% beziehungsweise 4,5% zuvor. Freilich wird ein Beginn des Bullenmarktes bei Zink auch davon abhängen, dass die Nachfrageschätzungen für rostfreien Stahl zutreffend sind. Auch charttechnisch sieht Zink nicht schön aus. Angesichts der Tatsache, dass gleich zwei namhafte Analystenhäuser überaus positiv vom Zinkmarkt beginnen zu schreiben, werden wir die Entwicklungen an diesem Markt in den nächsten Monaten verstärkt im Blick behalten.

    Autor: Jochen Stanzl, Chefredakteur Rohstoff-Report

    Der Rohstoff-Report ist eine Publikation der BörseGo AG