Menschen sind Sinnsucher. Sie handeln aus Eigenliebe. Viele suchen den Sinn des Lebens in ihrer Arbeit und der damit verbundenen Selbstentfaltung, einige im Glauben, immer mehr in der Maximierung persönlichen Reichtums. Wo bleibt in dieser neuen Welt die Nächstenliebe?

Schon der Schotte Adam Smith erkannte vor bald 250 Jahren, dass vor allem die Eigenliebe Menschen zum Handeln antreibt. Doch damit eine Gesellschaft funktionieren kann, muss es Schranken geben, die diese Eigenliebe in sinnvolle Bahnen lenkt: Mitgefühl, Ethik, Eigentumsordnung und Rechtssystem disziplinieren Mitmenschen, ihre Eigenliebe nicht rücksichtslos auf Kosten anderer auszuleben. Als weitere Schranke gegen eigenliebebedingtes Fehlverhalten schlug Smith den Wettbewerb vor.

Eine wettbewerbliche Gesellschaftsordnung hegt Eigenliebe sinnvoll ein. Wettbewerb lässt Freiraum: Darin wächst der Wille zur Übernahme von Verantwortung – und es entsteht der offene Raum für Nächstenliebe: In unserer Single- und Spaßgesellschaft entdecken Menschen im Wettbewerb Partner und Familie. Und sie werden von ihr magisch angezogen und sie werden glücklich.

In unserer auf offizielle Arbeit kaprizierten Welt gewinnt das Ehrenamt in Vereinen, Kirchen und Gemeinden an Bedeutung.

Natürlich - Nächstenliebe ist nicht das Endprodukt der marktwirtschaftlichen Ordnung. Sie ist aber mehr als ein zufälliges Nebenprodukt einer die Verantwortung stärkenden Ordnung. Sie ist die Wertgrundlage des Christentums und der Kitt unserer Gesellschaft. Daher muss sie auch für einiges herhalten: Alle Jahre wieder wird sie als Leitmotiv des Weihnachtsgeschäfts beschworen.

Gerade in der Politik wollen viele Gutmenschen dem Willen anderer zur Eigenverantwortung nicht recht trauen. Dann wird Nächstenliebe schnell zur Leihmutter für Umverteilung. In tiefster Überzeugung von der Überlegenheit ihrer eigenen Gesinnungsethik wird dann gehandelt und oft faktisch die eigene Klientel bessergestellt – und dies auf Kosten der besonders Schwachen, siehe Mindestlohn für die Post mit seiner Wirkung auf die Arbeitslosigkeit.

Und die Chance auf Exzellenz in der Bildung wird durch die vehemente Ablehnung von Studiengebühren verspielt. Statt durch die Ablehnung von Studiengebühren die wettbewerbliche Organisation von Universitäten zu behindern und die Erhöhung der Abschlüsse in Regelstudienzeit zu torpedieren, sollte durch ein effektives Stipendienprogramm und gute Verfügbarkeit von Studienkrediten der Exzellenz der Bildung und dem Anspruch auf Bildung für alle Qualifizierten und Motivierten entsprochen werden. Gute Vorsätze verzerren die Chancengleichheit im Namen der Nächstenliebe, und Zwangsbeglückung engt Freiräume ein.

Menschen sind Sinnsucher. Umverteilung fördert die Eigenliebe, ohne Verantwortungsbewusstsein einzufordern. Mehr Wettbewerb hingegen fördert Eigenverantwortung. In diesem Freiraum kann Nächstenliebe wachsen.

Autor: Prof. Dr. Norbert Walter

Quelle: Deutsche Bank Research