Tobias Jauck hat die Redaktion von GodmodeTrader überzeugt – mit seiner Bewerbung für einen Gastbeitrag auf GodmodeTrader. Im Rahmen unserer Adventskalender-Aktion erreichten uns zahlreiche hochwertige Artikel, die wir bedauerlicherweise nicht alle veröffentlichen können. Wir möchten an dieser Stelle noch einmal allen Teilnehmer für Ihr Engagement danken und gratulieren dem Autor zu seinen gelungenen Ausführungen zum Thema „Hedging – aber richtig!“.

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Das Börsenjahr 2015 war geprägt von vielen Ereignissen. Neue Rekordhochstände in den Indizes, die Notenbanken im Blickpunkt und signifikante Preisrückgänge in Aktien und Anleihen. Das Bedürfnis sein eigenes Wertpapierdepot für 2016 gegen diese Unannehmlichkeiten abzusichern - wenngleich sie völlig normal sind -, erscheint mir so hoch wie nie zuvor. Neue Fonds, die mit ihren Absicherungen werben, gehen auf den Markt. Das Thema Hedging ist im vollen Gang.

Doch stiftet ein Portfolio Hedging überhaupt einen Nutzen? Hedging kostet doch Geld? Das Geld das sinnvoll in andere Investitionen eingesetzt werden kann. Eine sehr einfache Möglichkeit sein Portfolio gegen Preisrückgänge abzusichern besteht darin, dies über die Future Märkte zu handhaben. Zum Absicherungszeitpunkt fallen an dieser Stelle keine Geldströme an, ich friere sozusagen mein Portfolio ein.

Die andere Möglichkeit wäre sein Portfolio mit Hilfe von Optionen abzusichern. Das hat den Vorteil, dass ich abgesichert bin. Denn wenn die Kurse steigen habe ich keinen Nachteil und mein Portfolio kann weiter vom Kursanstieg profitieren. Allerdings muss ich an dieser Stelle Geld aufwenden. Dieses Prinzip ist vergleichbar mit einer Versicherung, wie z.B. einer Versicherung gegen Hausbrand, wobei das Haus das eigene Wertpapierdepot darstellt.

Üblicherweise findet man in einschlägiger Börsenliteratur oder auf diversen Seiten im Internet die Empfehlung, eine Put Option zu kaufen die ca. 20 % vom aktuellen Indexstand entfernt ist. Denn als Aktieninvestor sollte ich ja 20 % Draw Down akzeptieren können. Darüber hinaus möchte ich abgesichert sein um nicht mein ganzes Vermögen zu verlieren. Das klingt ja erst mal gut, jedoch müssen wir an dieser Stelle Geld aufbringen. Die Größenordnungen liegen je nach Volatilität bei ca. 2-10 % des Portfolio Wertes bei einer Laufzeit von ungefähr einem Jahr. Das ist ganz schön viel. Fällt der Markt in dieser Zeit nicht um mindestens diesen Wert wird die Option am Ende der Laufzeit wertlos. Allerdings verliert sie ohnehin schon tagtäglich an Wert. Man spricht hier von dem sogenannten Zeitwert der verfällt. Eine Option die 20 % vom aktuellen Preisniveau entfernt ist, ist eine Out of the Money Option. Diese hat nur einen Zeitwert und keinen inneren Wert. Es ist eine reine Wette ohne dabei etwas Greifbares zu haben.

Schauen wir uns das ganze nun auf einen Chart an, denn ein Bild sagt hier mehr als tausend Worte.

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Aktuell kostet eine Put Option auf den S&P 500 mit einer Laufzeit von ca. 1 Jahr und einem Abstand von ca. 20 % zum aktuellen Preisniveau knapp $50 (- die Multiplikation für Optionen lasse ich an dieser Stelle unberücksichtigt). Bezogen auf den aktuellen Wert des S&P 500 ergibt sich hier eine Kostenbasis von ca. 2,40 %. Klingt vielleicht nicht viel, aber die erste Frage ist jedoch; wie wahrscheinlich ist das Szenario, dass der S&P 500 in einem Jahr um jetzt nach Kosten mehr als 20 % + 2,40 % fällt? Die zweite Frage muss lauten, wie schnell fällt der S&P 500 um diesen Wert, denn die Option besitzt schließlich nur Zeitwert und dieser wird jeden Tag, auch an handelsfreien Tagen, geringer.

Um die erste Frage zu beantworten. Der S&P 500 hat seit 1950 (65 Jahre) ganze dreimal dieses Kriterium erfüllt. Nämlich im Jahr 1974, 2002 und 2008. Also in etwas weniger als 5 % der Fälle. Nur einmal in dieser Zeit ist der Index in einem Monat um knapp 22 % gefallen, nämlich im Oktober 1987(!). Damit haben wir die zweite Frage auch beantwortet.

Wir können aber auch eine Standardabweichung des Index berechnen, um somit die Wahrscheinlichkeiten dieses Preisrückgangs zu kalkulieren. Das müssen wir allerdings nicht selber machen, sondern das erledigen andere für uns.

Die Market Maker der Optionsbörsen. Diese berechnen wie der Preis der Option sich bei einer Preisveränderung des Underlyings (S&P 500) verändert. Mathematisch ausgedrückt: Die Ableitung der Black-Scholes Formel nach dem Preis. Das Ergebnis ist das „Delta“. Dieses kann man näherungsweise auch als Wahrscheinlichkeitsindikator interpretieren. Die oben genannte Put Option hat ein Delta von -0,14 (dies entspricht einer Wahrscheinlichkeit von ca. 14 %). Es ist also eher unwahrscheinlich, dass genau das passieren kann. Anderes ausgedrückt: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 86 % steht der Index im Jahr 2017 nicht(!) um mehr als 20 % tiefer.

Das bedeutet die OTM (Out of the Money) Option ist nur effizient, wenn der Markt, - von jetzt auf gleich-, um über 22,40 % fällt. Ansonsten verlieren wir Geld. Selbst dann wenn wir mit unserer Einschätzung richtig liegen, der Markt aber nur um 20 % fällt, ist die gezahlte Optionsprämie weg und es steht ein Verlust von -20 % zu Buche. Da niemand an der Börse eine Glaskugel besitzt, macht es mehr Sinn an dieser Stelle in Wahrscheinlichkeiten zu denken. Mit den Wahrscheinlichkeiten ist es natürlich immer so eine Sache. Denn auch wenn wir diese auf unserer Seite haben, gibt es immer noch das berühmte „Aber was ist wenn…“. Und das ist nicht von der Hand zu weisen.

Hier müssen wir uns aber die Frage stellen welche Ziele verfolgen wir mit unserer Absicherungungsstrategie? Wollen wir unsere „normalen“ Portfolioschwankungen reduzieren oder wollen wir gegen den Crash gewappnet sein? Die meisten unter uns wollen sich wohl gegen den Crash schützen, denn Schwankungen gehören dazu. Hier liegt es meistens an der Auswahl der Einzeltitel wie schwankungsfreudig unser Depot ist.

Aber eins kann ich schon vorweg sagen: Ein Crash kommt nie über Nacht und von Heute auf Morgen. Es gibt bereits im Vorfeld Anzeichen wie es um die „Marktgesundheit“ steht. Das Erkennen dieser Anzeichen muss man sich aneignen. Es können beispielsweise ganz banale Indikatoren sein: Moving Averages, Sentimentanalyse, steigender Volatilitätsindex etc.

Haben wir also eine „ungesunde“ Marktphase eindeutig und nicht interpretierbar ausgemacht und sind damit die Wahrscheinlichkeiten für einen Preisrückgang erhöht. Dann und nur dann können wir uns über effiziente Absicherungen Gedanken machen.

Ich nannte bereits den Zeitwert der Option. Eine Option die einen möglichst kleinen Zeitwert hat und einen hohen Inneren Wert ist effizient. Diese Eigenschaft haben nur „deep in the Money“ Optionen. Chuck Hughes, einer der renommiertesten Trader der Welt und mehrfacher Tradingweltmeister, nutzt in seinem Optionshandel das 1 % Kriterium. Damit meint er, dass der Zeitwert der Option nicht viel größer sein darf als 1 %.

Eine ITM (In the Money) Option kostet mit Laufzeit Januar 17` und Basispreis 2500 aktuell ca. $465. In dieser Option sind aber bei einem Indexstand von 2060 ganze $440 innerer Wert verbrieft. Der Zeitwert beläuft sich nun auf nur noch $25 (1,2 %).

Was auf den ersten Blick irrsinnig teuer aussieht, ist es auf den zweiten Blick gar nicht mehr. Fällt jetzt der Markt bis Laufzeitende um mehr als 25 Punkte, dann verdient man mit der Option Geld. 25 Punkte sind nur ca. 1,2 %. Steigt der Markt hingegen über seinen aktuellen Wert, steigt auch der Wert meines Portfolios und ich kann nicht mehr als 1,2 % verlieren. Das ist ganz wichtig, denn regelmäßig auf ein Ereignis zu wetten welches nur in ca. 5 % der letzten 65 Jahre aufgetreten ist, wird auf Dauer kaum Erfolg bringen. Wenn ich aber nun falsch liege ist es sehr wichtig möglichst wenig zu verlieren und möglichst effizient zu arbeiten. Mit dieser Absicherungsmethode muss der Index nur noch 1,2 % fallen, um am Ende etwas zu verdienen. Darüber hinaus habe ich so gut wie keinen Zeitwertverfall. Entwickelt sich der Markt jetzt doch wieder nach oben kann ich problemlos aus der Position wieder aussteigen.

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An der Börse heißt es, die Bullen gehen die Treppe hinauf und die Bären stürzen sich aus dem Fenster. Sprich; Kursrückgänge verlaufen meist schnell und kurz. Für unsere Absicherungsstrategie bedeutet das, dass wir uns eben nicht ständig absichern müssen, sondern nur partiell und kurzfristig. Aus diesem Grund macht es Sinn sich kurzlaufende Optionen zu kaufen (3-4 Monate). Diese sind aufgrund der kürzeren Laufzeit nominal günstiger, aber auch hier muss ich die Option gar nicht bis zum Ende der Laufzeit halten, somit kann ich die Absicherung auch schon vorzeitig auflösen und weniger Verlust realisieren.

Wenn man ein wenig geübter im Optionshandel ist und ein feineres Marktgespür entwickelt hat, besteht die Möglichkeit die Finanzierungskosten der Absicherung weiter zu drücken indem man zusätzlich Call Optionen auf sein bestehendes Portfolio verkauft. Man agiert an dieser Stelle dann als Stillhalter.

Auf diese Weise würde man seinen Gewinn bis zu einem Indexstand von 2500 Punkten durch den Verkauf einer Call Option limitieren, reduziert dadurch seine Finanzierungskosten aber um $3,8 die man durch den Verkauf einer Call Option erhält. Somit hat man effektive Finanzierungskosten von $21,20 was bei einem aktuellen Indexstand von ca. 2060 1,03 % bedeutet.

Anhand dieses Beispiels möchte ich zeigen, dass es nicht sinnvoll ist sich blind im Markt abzusichern, sondern neben einer Investitionsstrategie auch eine Strategie für die Absicherung von Nöten ist. Ich hoffe ich habe hiermit zum Nachdenken angeregt und jeder der sich ernsthaft mit diesem Thema beschäftigt einen neuen Ansatz aufgezeigt.

Weiterhin gute Investitionen wünscht,

Tobias Jauck

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