Das Prinzip ist relativ simpel: Ein Wertpapier steigt, fällt oder verharrt in seinem Kurs. Die offensichtlichen Gründe für das jeweilige Verhalten des Wertpapiers können vielfältiger Natur sein. Ebenso vielfältig kann auch die Vorgehensweise bei der Analyse eines Wertpapiers sein.

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Ein fundamental orientierter Analyst untersucht die Berichte der Prüfgesellschaften, die Gewinn- und Verlustrechnungen, die regelmäßig veröffentlichten Bilanzen, die Fähigkeit des Managements, die Dividendenpolitik, die Umsätze, die Wettbewerbssituation, die Auslastung der Produktion. Und das ist nicht alles. Er verfolgt auch die Erlasse und Mitteilungen des Wirtschafts- und Finanzministeriums, er beobachtet Preisstatistiken, Produktionsindikatoren und vieles mehr. Es ist eine ganze Menge Arbeit, die viel Diskussionsstoff bietet. Sehr viel Diskussionsstoff. Oft so viel, dass die Köpfe der der Fundament-Analysten rauchen. Zugegeben, jene der Techniker rauchen auch schon mal, aber relativ selten. Unter Berücksichtigung des eben Angeführten und noch vieler anderer Faktoren bewertet der Fundamental-Analyst sein Wertpapier. Notiert das Wertpapier unter dem von ihm geschätzten Wert, betrachtet er dies als Kaufgelegenheit. Nehmen wir an, er erwirbt sein Wertpapier, weil er es für unterbewertet hält. Nehmen wir weiter an, dass es trotz der vielfältigsten Argumente für steigende Kurse fällt. Und fällt. Und weiter fällt. Warum nur?

Lassen Sie uns gemeinsam eine Erklärung suchen: Gewiss, die fundamentalen Daten spielen eine Rolle hinsichtlich der Angebots- und Nachfrage-Konstellation. Unbestritten. Aber es gibt auch viele andere Faktoren, die diese Konstellation beeinflussen. Sehr oft sogar gewaltig beeinflussen. Sie können sich bestimmt schon denken, welche Faktoren den Kurs so aus seinen Fugen geraten lassen. Richtig, es ist das Anlegerverhalten. Das Anlegerverhalten bestimmt den Kurs. In unserem Beispiel wird die Aktie von den Anlegern überwiegend verkauft und der Börsenkurs reflektiert die Befürchtungen, Vermutungen und Stimmungen jener Anleger. Daran ändert auch die Analyse des Börsen-Fundamentalisten nichts, auch wenn sie noch so rational war. Denn Börse ist nicht rational. Ein Börsenkurs reflektiert Stimmungen von hunderttausenden Menschen. Rationale Stimmungen, irrationale Stimmungen. Ein Börsenkurs reflektiert Bedürfnisse der Anleger, sie sich der rationalen Analysemöglichkeit entziehen.

Und dennoch: All diese Faktoren äußern sich dann schlussendlich in einem rationalen Ereignis: dem Kurs.

Und zwar der Kurs, auf den sich Käufer und Verkäufer einigen und eine Transaktion in dem betreffenden Wertpapier tätigen. So schlicht ist das, was am Ende aus einem so komplexen Prozess herauskommt. Und nur das ist es, was zählt: der Kurs. Im Kurs sind alle für uns entscheidenden Informationen enthalten. Man sagt auch, der Kurs habe alle relevanten Informationen „eskomptiert“ (vorweggenommen). Dazu zählen auch die glänzenden Bilanzen, die positiven Produktionsindikatoren, die Auslastung der Produktion, das fähige Management, die günstige Wettbewerbssituation. Alles Schnee von gestern. Denn all diese Informationen sind in unserem Beispiel schon lange im Kurs enthalten gewesen. Die Börse schaut in die Zukunft und bildet ihren Kurs auf der Grundlage der Erwartungen der Anleger. Während der Fundamental-Analyst sehr wahrscheinlich noch damit beschäftigt ist, den aktuellen Ist-Zustand eines Unternehmens zu analysieren, bewertet derjenige mit dem technischen Ansatz die Erwartungen der Anleger. Der Fundamental-Analyst geht wahrscheinlich in dieser Minute noch einmal die Bilanzen durch, irgendwas muss er seiner Meinung nach übersehen haben. Die Börse macht es sich da viel, viel leichter: Sie hat schon alle fundamentalen Informationen, die der Fundamental-Analyst überhaupt berücksichtigen konnte, eskomptiert.


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Als Beispiel kann hier die Aktie von Google genannt werden. Über Jahre hinweg wurde seitens fundamental ausgerichteter Kommentatoren zurecht auf die exorbitant hohe Bewertung der Google-Aktie hingewiesen. Google war im Jahr 2006 beispielsweise so viel wert, wie die DAX-Konzerne BMW, Bayer, Commerzbank, Lufthansa und Infineon zusammen. Nach fundamentalen Bewertungskriterien zum damaligen Zeitpunkt eine Bewertung jenseits von Gut und Böse, auch wenn man eine sehr hohe Erwartungshaltung bezüglich der weiteren Geschäftsentwicklung einkalkuliert hatte. Das Pricing des Google-IPOs im 100-$-Bereich galt bereits als überzogen. Das hinderte das Papier aber nicht, damals innerhalb von weniger als zwei Jahren um 375 % auf 475 $ im Hoch zu ansteigen. Bereits bei 100 $ war die Google Aktie für viele Fundamental-Analysten ein Short, ebenso bei 200 $, bei 300 $ und 400 $. Der Aktienkurs stieg aber immer weiter. In nicht einmal zehn Jahren seit dem Börsengang hat sich die Aktie sage und schreibe verzwölffacht. Und ein Ende der Rally ist nicht in Sicht.

Sollte man die Aktie alleine wegen des Arguments der fundamentalen Überbewertung shorten, also leerverkaufen? Auf gar keinen Fall. Das zeigt dieses Beispiel. Nahezu während der gesamten bisherigen "Lebenszeit" der Aktie hätte man sich als Shortseller die Finger verbrannt. Den Fehler des "Value-Shortens" hat während der Internethausse Ende der 90er Jahre so manch fundamental ausgerichteter Marktteilnehmer gemacht und dabei gehörig Schiffbruch erlitten. Ganz einfach deswegen, weil die kursbewegende Wirkung der "nicht" fundamentalen Faktoren unterschätzt wurde. Wieso kommt es zu dieser Überbewertung? Sind das alles "Idioten", die die Google Aktie von einem Allzeithoch zum nächsten getrieben haben? So muss es aus Sicht des Value-Investors aussehen.

Soweit so schön, aber wie bringt uns das nun weiter in diesem Lehrgang? Nun, es gibt ein unbestreitbares Phänomen. Und das lautet: Kurse bewegen sich in Trends. Und diese Trends besitzen die Tendenz, sich solange fortzusetzen, bis sich die Angebot-Nachfrage-Konstellation ändert. Und noch mehr: Die Änderung der Angebot-Nachfrage-Konstellation geht mit bestimmten Mustern einher, so genannten Chartformationen. Und diese Formationen können ebenso wie auch der Trend analysiert werden. Prima! Und das Beste ist: Diese Analysen haben sich immer und immer wieder als relativ verlässlich herausgestellt. Und das werden sie auch zukünftig tun, denn die einzige Konstante an der Börse ist das Anlegerverhalten. Und das wird sich nicht ändern, weil sich der Mensch nicht ändern wird hinsichtlich seiner Stimmungen, seiner Hoffnungen, seinem Zweifel, seiner Gier, seiner Panik und seiner Maßlosigkeit.

Wir besitzen also ein geeignetes Werkzeug, nämlich den Kursverlauf in einem Chart, um Prognosen zu erstellen – Bilder, von denen wir behaupten können, dass sie mehr als tausend Worte sagen. Und diese Bilder, will heißen Kursdiagramme, wollen wir analysieren. Anhand von Konzepten. Bei diesen Konzepten handelt es sich um