Die Trendlinien-Differenz-Methode basiert auf einem Ansatz von Tom DeMarkt. Sie beruht auf folgendem Grundprinzip:

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Trendlinien stellen den Charakter eines „fairen Wertes" für einen Markt oder Einzeltitel dar. Dies gilt insbesondere für langfristige Trendlinien. Stellen Sie sich eine lange aufwärts tendierende Preisbewegung vor. Mal übertreibt der Preis nach oben, mal übertreibt er nach unten. Diese Übertreibungen in beide Richtungen des Trends werden immer wieder korrigiert. Die Pikanterie der Übertreibungen in beide Richtungen des Trends besteht darin, dass die maximale Abweichung beziehungsweise Übertreibung vom „fairen Wert" (Trend) eine Spanne besitzt, die wir für die entsprechende Gegenbewegung annehmen können.

Versinnbildlicht handelt es sich um jenes Prinzip, dass Sie von einem Gummiband kennen. Zupfen Sie daran, dann legt es - ausgehend von seinem Ruhezustand („fairen Wert") - eine bestimmte Strecke zurück und anschließend wird es dann normalerweise - wie die Finanzmärkte oftmals auch - die gleiche Strecke in die andere Richtung zurücklegen. Schwung und Gegenschwung sind also ungefähr gleich.

Finanzmärkte sind tatsächlich von einem derartigen Prinzip betroffen. Sie unterliegen nämlich auf der stetigen Suche nach dem Equilibrium (lat.: Gleichgewicht) stetigen Anpassungsprozessen zwischen Übertreibungen in die eine oder andere Richtung. Ähnlich dem Beispiel eines Gummibandes pendeln sich diese Übertreibungen in den Finanzmärkten per saldo aus. Auf diese Weise findet ein stetiges Auf und Ab der Kurse statt, das häufig symmetrische Preisanpassungen hinterlässt. Mit anderen Worten: Der Preis entfernt sich häufig vom Trend nach oben hin genauso weit, wie er es zuvor nach unten getan hat und umgekehrt. Dies ist das Prinzip, von dem wir profitieren wollen, wenn wir potenzielle Kursziele mittels der Trendlinien-Differenz-Methode bemessen.

Eine mögliche Trendwende steht normalerweise dann bevor, wenn eine Trendlinie signifikant durchbrochen wird. Doch wie sollte diese Trendlinie bestenfalls beschaffen sein? Nun, eine Trendlinie ist charakterisiert durch die Steigung, die Länge und die Häufigkeit der Bestätigung durch den Kurs. Die Trendlinien-Differenz-Methode funktioniert umso besser, je bedeutender eine Trendlinie ist, das heißt, je flacher ihr Winkel ist, je länger sie ist und je häufiger sie vom Kurs bestätigt wurde.

Vorgehensweise bei der Trendlinien-Differenz-Methode

Wird eine Trendlinie gebrochen, so lässt sich dadurch, wie bei den Chartformationen auch, ein Preisziel ermitteln. Denken Sie nur einmal an die Kopf-Schulter-Formation und ihre Nackenlinie. Ähnlich geht der Anleger bei der Trendlinien-Differenz-Methode vor.

Es ist recht einfach. Betrachten Sie bitte parallel zur Erläuterung die Abbildung 1, in der das Procedere für eine einzige Kurszielprojektion enthalten ist.

  • Zunächst zeichnet man in ein Chart markante Trendlinien ein.
  • Danach sucht man nach denjenigen Extremkursen, die am weitesten von der Trendlinie entfernt sind.
  • Anschließend wird die vertikale Distanz zwischen dem entferntesten Extremkurs zur Trendlinie bemessen.
  • Die berechnete Strecke wird dann an der Stelle, wo der Trend gebrochen wurde, in die entgegengesetzte Richtung projiziert.

Auf diese Weise wird ein Kursziel bemessen. Wenn Kurse also beispielsweise ihren Aufwärtstrend durchbrechen, dann sollten Sie den vertikalen Abstand von der Trendlinie zum letzten Kurshoch messen und ihn vom Punkt des Durchbruchs aus abwärts noch einmal abtragen.

Abbildung 1

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Die Philosophie, die dahinter steckt, ist folgende: Wenn die Masse der Anleger so optimistisch oder euphorisch war, dass sie die Kurse in einem bestimmten Maß über die Trendlinie hat steigen lassen, dann besteht aufgrund der Anlegerpsychologie eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Masse ebenso pessimistisch oder panisch werden und dementsprechend die Kurse in die gleiche Entfernung von der Trendlinie fallen lassen kann.

In Abwärtstrends muss diese Prozedur natürlich spiegelbildlich vorgenommen werden. Wird nämlich ein Abwärtstrend nach oben durchbrochen, addiert man die maximale Trendabweichung von markanten Extrempunkten ab dem Trendbruch auf die Bruchstelle. Auf diese Weise erhält man eine potenzielle Zielzone für den sich anschließenden Aufwärtstrend.

Die jeweiligen Differenzen, also die Abstände der extremsten Kursentfernungen von der Aufwärts- beziehungsweise Abwärtstrendlinie, stellen, um noch einmal auf das Beispiel des Gummibandes zu kommen, die extremsten Ausschläge des Gummibandes dar.

Ist das ermittelte Kursziel „ultimativ"?

Die Annahme, dass man mit Hilfe der Trendlinien-Differenz-Methode ein „ultimatives" Kursziel projizieren kann, entspricht den tatsächlichen Kursextremen eher selten. In der Abbildung 2 sehen Sie ein Musterbeispiel bei der Aktie von Gilead Sciences mit einem ultimativen Kursziel, das mit Hilfe der Trendlinien-Differenz-Methode ermittelt werden konnte. Dieses Tief hat der Biotech-Titel seitdem auch nicht wiedergesehen.

Abbildung 2

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Der Begriff „Kursziel" führt bei der Trendlinien-Differenz-Methode möglicherweise in die Irre. In der Regel werden nämlich Kursziele nach der Trendumkehr erreicht und später überschritten. Insofern haben Kursziele der Trendlinien-Differenz-Methode, ähnlich den Preiszielen von Kursformationen, eher den Charakter eines Minimalkursziels. Fallen die Preise signifikant unter das projizierte (Minimal-)Kursziel, wird der projizierte Preis bei der nächsten größeren Rally oder einer folgenden Korrekturbewegung oft zu einem Widerstandslevel. Entfernen Sie also diese Kurszielprojektionen nicht endgültig aus Ihren Charts. Bei einer fallenden Trendlinie werden diese Prinzipien natürlich umgekehrt: Steigt der Preis über das projizierte (Minimal)Kursziel, fungiert es bei der nächsten Korrekturbewegung oft als Unterstützungslevel.

Welche Chartskalierung soll verwendet werden?

Hier gibt es kein klares Für und Wider. Sie sollten ein Chart grundsätzlich in beiden Skalierungen analysieren. In vielen Fällen liegen die ermittelten Mindestkursziele für die logarithmische und lineare Skalierung auf ungefähr gleichem Niveau. Dies gilt insbesondere für kurzfristigere Trends. Für längerfristige Trends sollte auf jeden Fall auch die logarithmische Skalierung betrachtet werden.

Sollte ich bestimmte Zeitintervalle und Märkte bevorzugen?

Die Methode ist prinzipiell auf alle Zeitintervalle anwendbar. Sogar im Intraday-Zeitfenster funktionieren die projizierten Zielzonen recht gut.

Cluster verschiedener Kursziel-Projektionen

Oftmals liegen innerhalb eines Trends mehrere markante Schwunghoch- beziehungsweise Schwungtief-Punkte vor, insbesondere in leicht aufwärts- beziehungsweise leicht abwärts gerichteten Märkten mit einer gemeinsamen längerfristigen Trendlinie. In solchen Fällen empfiehlt es sich, die einzelnen Kursziele zu ermitteln und darauf zu achten, ob sie relativ nahe beieinander liegen. Liegen sie nahe beieinander, spricht man von „Clusters" (svw. Überlappungen verschiedener Kurszielprojektionen). Diese repräsentieren wichtige potenzielle Zielzonen.

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Wir können noch einen Schritt weiter gehen, indem wir nicht nur einen leicht aufwärts beziehungsweise leicht abwärts trendierenden Markt auf „Clusters" untersuchen, sondern verschiedene Trendlinien auf ihre Differenzwerte prüfen. Die Abbildung 3 verdeutlicht die Vorgehensweise. Hier liegen uns nicht überall direkt Trendlinien im herkömmlichen Sinne vor, sondern Verbindungen wichtiger Schwungextreme, was den Demonstrationszweck allerdings keineswegs eintrübt.

Sie erkennen, dass sich mehrere Preis-Zielwerte gegenseitig bestätigen und einen „Cluster" bilden. Grundsätzlich lässt sich festhalten: Je mehr Zielwerte sich gegenseitig auf diese Art bestätigen, desto signifikanter wird der Bereich als potenzielle Zielzone. Bedenken Sie, dass der Markt fraktale Gesetzmäßigkeiten aufweist. Mittels dieser Betrachtungsweise ist es nicht verwunderlich, dass sich Zielzonen, die sich aus verschiedenen Trendlinien, deren Differenzen sowie den unterschiedlichen Preisniveaus der Trendlinienbrüche ergeben haben, dennoch letztendlich gegenseitig bestätigen.

Fazit

Die Trendlinien-Differenz-Methode stellt ein einfach anzuwendendes Instrument der Kurszielbestimmung dar. Projizierte Kursziele werden teilweise sehr genau erreicht. Kursziele sind jedoch tendenziell eher als Minimalziele zu verstehen. Die Methode kann in allen Zeitfenstern und auf allen Märkten angewendet werden. Besonders gut funktioniert sie dort, wo Massenphänomene eine entscheidende Rolle spielen, so zum Beispiel in den großen Aktienindizes. Achten Sie auf „Clusters" verschiedener Projektionen, denn diese

weisen auf markante Kurszielzonen. Achten Sie auch auf weitere bestätigende Widerstände beziehungsweise Unterstützungen, Umsätze und Kurslücken in Ihren Charts; diese erhöhen die Aussagekraft einer potenziellen Zielzone.