Mittels Instrumenten der Kurszielbemessung wird versucht, die Größe einer zu erwartenden Kurswertveränderung abzuschätzen. Die Methoden der Kurszielbestimmung nehmen eine zentrale Bedeutung in der Marktprognose und Szenariobildung ein. Sie ermöglichen dem Chartisten, teilweise sehr genaue Zielzonen zu ermitteln. Diese Erwartungswerte besitzen einen strategischen Charakter, indem sie für die fortlaufende Analyse eine zentrale Leitlinie darstellen. Insofern gilt es, sie immer wieder zu überprüfen.

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Zweckmäßig sind Kurszielbemessungen in erster Linie, um auf jene Kurs-Projektionen zu reagieren, bei denen ausreichendes Gewinnpotenzial bei gleichzeitig niedrigem Verlustrisiko vermutet werden darf.

Die Gefahr von Kurszielbemessungen besteht darin, dass der Anleger nur allzu schnell einem Wunschdenken erliegt und infolge dessen die einfachsten Handelsregeln vergisst. So akkurat sich nämlich einige Kurszielbemessungs-Instrumente auch erwiesen haben mögen, kommt es nichtsdestotrotz oft genug vor, dass ein Preis umkehrt, bevor er das Kursziel erreicht. Zum anderen kann der Kurs das Kursziel auch weit übertreffen. Dazu eine einfache Versinnbildlichung: In der Regel wird von Anfängern bei Aktienkäufen ein Kurs „ausgeguckt", zu dem sie wieder verkaufen möchten. Teilweise wird sogar schon gleich nach dem Kauf ein Limit für den Verkauf angegeben. Wenn zum Beispiel ein Anleger Aktien bei einem Kurs von 110 Euro gekauft hat und eine Verkaufsorder von 195 Euro erteilt, der Kurs aber nur auf 194 Euro steigt und dann auf 105 Euro zurückfällt, kommt der Anleger nicht zum Zug und hat einen Buchverlust von 5 Euro pro Aktie erlitten. Fazit: Das Ziel wurde knapp verfehlt, und der Ärger über verpasste und nicht realisierte hohe Buchgewinne ist folglich wahrscheinlich.

Das Ziel der Kurszielbemessung darf aus diesem Grunde nicht sein, einem Wunschdenken Vorschub zu leisten, wonach die gesteckten Kursziele exakt erreicht werden müssen. Im vorigen Beispiel decken sich das bemessene Kursziel und der tatsächliche Kurs noch mehr oder weniger; ein etwas erfahrener Anleger hätte wahrscheinlich bei Annäherung des Kurses an das taxierte Kursziel auf mögliche Umkehrsignale des Preises geachtet, weil er Kursziele als ungefähre Annäherung an ein Preislevel versteht. Aber es kann auch vorkommen, dass der Kurs erst gar nicht in die Region des bemessenen Kurszieles vordringt, sondern weitaus früher abdreht.

Aus diesem Grunde muss das Ziel der Kurszielanalyse lauten, den Vergleich zwischen verschiedenen Indikationen unterschiedlicher Instrumente der Kurszielbemessung zu ermöglichen. Mithilfe des Vergleichs verschiedener Signale unterschiedlicher Kurszielbemessungs-Methoden kann der Anleger nämlich signifikante Kursziele mit einer hohen Wahrscheinlichkeit bestimmen. Signifikante Kursziele ergeben sich durch die Überlagerung von zwei oder mehr Kurszielen meist unterschiedlicher Kurszielbemessung-Instrumente an ungefähr dem gleichen Preislevel. Solche Konstellationen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass die austaxierten Kursregionen auch tatsächlich erreicht werden.

In diesem Sinne sollen dem Anleger in diesem Kapitel verschiedene Instrumente der Kurszielbemessung an die Hand gegeben werden. Die nachfolgenden Kurszielbemessungs-Instrumente können auf Charts verschiedener Wertpapierklassen, wie beispielsweise Aktien(-Indizes), Anleihen oder Futures, und in verschiedenen Intervallen angewendet werden.

Die gängigsten Methoden, mit denen Kursziele bemessen werden können, sind:

  • Charttechnische Formationsziel-Projektionen
  • Trendlinien-Differenz-Methode
  • Fibonacci-Preiskorrekturen und Preisextensionen
  • Projektionen bei Ausbrüchen aus Handelsspannen
  • Projektionen bei Ausbrüchen aus Trendkanälen
  • Point & Figure-Kurszielbestimmung
  • Gann-Fächerlinien

Von diesen gängigen Kurszielbemessungs-Methoden sollen ausgewählte Techniken im Folgenden näher erläutert werden.