Eine der wichtigsten Fragen bei jeder Anlage- oder Tradeentscheidung ist die Frage nach der Marktrichtung. Was für eine Trendphase liegt vor? Läuft der Markt im betrachteten Zeitfenster abwärts oder aufwärts? Dies ist für den Investor, der sich auf Sicht einiger Monate oder Jahre positioniert ebenso wichtig wie für den Trader, der sich gegebenenfalls nur auf Sicht weniger Tage oder Stunden positionieren will.

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Übergeordnet bietet es sich an, Positionen in Richtung des übergeordneten Trends zu eröffnen. Das liest sich einfach, es ist aber die Kunst eben diese übergeordnete Trendrichtung erkennen zu können.

Trends dauern häufig länger an als zunächst vermutet. Darüber hinaus weiß der Trader auch die eigentliche Marktdynamik im betrachteten Zeitfenster auf seiner Seite, was die Chance auf Gewinntrades erhöht. Dass Trends lange andauern und sich dabei durchaus immer weiter verschärfen können zeigt sich an einem einfachen Beispiel, dem Kursverlauf des DAX der vergangenen Jahre. Erkennbar ist hier zum Beispiel eine beginnende Aufwärtstrendphase im Jahr 2003. Zwar war diese durch temporäre, teilweise monatelange Konsolidierungen unterbrochen. Sie hielt aber bis zum Jahr 2007 an. 2007 bis 2009 und das Jahr 2011 waren durch scharfe Korrekturen gekennzeichnet. Die Abwärtsbewegung 2011 begann im Mai noch recht harmlos, verschärfte sich aber in den Sommer hinein massiv. Seit September 2011 steigt der DAX allerdings übergeordnete wieder an.

Ziel ist es, an solchen Trendphasen mit dem Trading zu partizipieren so lange sie anhalten. Dabei lässt sich der eigentliche Wendepunkt, an dem der Trend endet, im Allgemeinen kaum realistisch genau bestimmen. Auf dem Weg dorthin lassen sich allerdings trendfolgend Positionen gewinnbringend aufbauen. Kommt es dann zum Trendwechsel, dann helfen gesetzte und nachgezogene Stopp-Niveaus um den Ausstieg nicht zu verpassen.

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Charttechnisch gibt es diverse Methoden um einen Trend bzw. die übergeordnete Marktrichtung darzustellen und einzuordnen. Eine einfache Methode, um sich einen Überblick über die Marktverfassung stark tendierender Märkte, wie beispielsweise der Aktienmärkte, zu verschaffen, sind gleitende Durchschnitte.

Nach den Trendlinien sind gleitende Durchschnitte (engl.: Moving Averages) die bekanntesten Tools des Technischen Analysten. Diese Tatsache ist darauf zurückzuführen, dass das Konzept der gleitenden Durchschnitte einfach zu verstehen ist und auch aufgrund der Nützlichkeit in trendierenden Märkten einfach demonstriert werden kann. Ein gleitender Durchschnitt ist eine Methode der Berechnung des durchschnittlichen Wertes eines Wertpapiers oder eines Indikators über eine spezifizierte Anzahl von Zeitperioden. Der Begriff „gleitend“ impliziert, dass sich der Durchschnitt verändert.

In seiner grundlegenden Form ist ein gleitender Durchschnitt nicht mehr als eine Glättung des Liniencharts mit seinen Schlusskursen. Gleitende Durchschnitte sind trendfolgende Indikatoren, was zum einen bedeutet, dass sie den Preisen hinterherhinken („trendfolgend“) und zum anderen, dass ihre Richtung die Richtung des Trends anzeigt. Aufgrund dieser Eigenschaft können gleitende Durchschnitte signalisieren, wann ein neuer Trend begonnen hat oder wann ein alter Trend geendet oder sich umgekehrt hat.

Die Berechnung eines einfachen gleitenden Durchschnitts

Bei der Kalkulation eines gleitenden Durchschnittes wird eine mathematische Analyse eines Wertpapierdurchschnittes über eine vorher bestimmte Zeitperiode vorgenommen. Wenn der Preis des Wertpapiers sich im Laufe der Zeit verändert, bewegt sich der Durchschnittspreis nach oben oder nach unten. Ein einfacher gleitender Durchschnitt (engl.: Simple Moving Average) wird durch die Addition der Schlusskurse eines Wertpapiers über eine bestimmte Zeitperiode (z. B. 10 Tage) berechnet. Diese Summe wird dann durch die Anzahl der Zeitperioden geteilt. Das Ergebnis ist der Durchschnittspreis des Wertpapiers über diese bestimmte Zeitperiode. Um beispielsweise einen 10-Tage gleitenden Durchschnitt von Intel zu berechnen, addieren wir zunächst Intels Schlusskurse der vergangenen 10 Tage. Danach dividieren wir diese Summe durch 10. Auf diese Weise erhalten wir den Durchschnittspreis von Intel über die vergangenen 10 Tage. Das Ergebnis können wir dann als ersten Punkt auf dem Chart markieren. Um den zweiten Punkt zu erhalten, würden wir den ersten Tag weglassen und den Durchschnitt vom zweiten Tag bis zum elften Tag bilden. Und so geht es immer weiter. Auf diese Weise entsteht eine gleitende Durchschnittslinie, in der jeweils immer der Durchschnitt der letzten 10 Tage gebildet wird. In der Praxis übernimmt die Charting-Software diese Berechnungen und der gleitende Durchschnitt wird üblicherweise als eine Linie in einem Balkenchart dargestellt.

Es existieren zwei Kritikpunkte an den einfachen gleitenden Durchschnitten:

Zum einen wird moniert, dass nur die vom Durchschnitt abgedeckte Zeitperiode (beispielsweise 50 Tage) berücksichtigt wird. Zum anderen wird kritisiert, dass der einfache gleitende Durchschnitt jeden Tag gleich gewichtet wird. Bei einer 50-Tage-Linie erhält der letzte Tag nämlich das gleiche Gewicht wie der erste Tag des Berechnungszeitraumes. Dementsprechend wird in diesem Beispiel dem Kurs jedes Tages ein Gewicht von 2% zugewiesen. Aus diesem Grunde entstand dann auch die Forderung nach einer höheren Gewichtung der jüngsten Kursbewegungen.

Andere Typen gleitender Durchschnitte

a) Linear gewichteter gleitender Durchschnitt

Um das Problem der Gewichtung in den Griff zu bekommen, verwenden manche Technische Analysten einen linear gewichteten gleitenden Durchschnitt (engl.: Weighted Moving Average). Ein gewichteter gleitender Durchschnitt wird durch die Multiplikation eines jeden vorhergehenden Tages mit einem Gewichtungsfaktor berechnet. Die folgende Tabelle 1 zeigt, wie ein 5-tägiger linear gewichteter gleitender Durchschnitt berechnet wird.

Wie leicht zu erkennen ist, wird auf den heutigen, den letzten Preis, mehr Gewicht gelegt (5 x 30) als auf den Preis fünf Tage zuvor (1 x 20).

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Der linear gewichtete gleitende Durchschnitt berücksichtigt allerdings nicht das Problem, dass nur die zur Berechnungsgrundlage zählenden Kursbewegungen einbezogen werden.

b) Exponentiell geglätteter gleitender Durchschnitt

Diese Art von gleitendem Durchschnitt bezieht sich auf beide Probleme, die im Zusammenhang mit dem einfachen gleitenden Durchschnitt erwähnt wurden.

Ein exponentiell geglätteter gleitender Durchschnitt (engl.: Exponential Moving Average) wird berechnet, um dem Gewicht der älteren Schlusskurse weniger Gewicht und den jüngsten Daten mehr Gewicht zu verleihen. Aus diesem Grund ist er auch ein gewichteter gleitender Durchschnitt.

Der Technische Analyst ist bei dieser Art eines gleitenden Durchschnitts in der Lage, die Gewichtung zu verändern, indem er den jüngsten Kursdaten ein größeres oder ein kleineres Gewicht beimisst. Dies geschieht dadurch, dass dem letzten Tag der gewählten Zeitperiode ein bestimmter Prozentsatz zugewiesen wird. Dieser Wert wird dann zum Wert des vorherigen Tages addiert. Die Summe beider Prozentwerte beträgt 100.

Um beispielsweise einen 10% exponentiell geglätteten gleitenden Durchschnitt von Intel zu berechnen, gehen wir wie folgt vor:

Zunächst nehmen wir den heutigen Schlusskurs und multiplizieren ihn mit 10%. Wir addieren dann dieses Produkt zu dem Wert des gestrigen gleitenden Durchschnitts, multipliziert mit 90 % (100 % - 10 % = 90 %).

Die Formel, mittels derer ein exponentiell geglätteter gleitender Durchschnitt kalkuliert wird, lautet:

EMA = [(heutiger Schlusskurs) x 0.09] + [(gestriger EMA) x 0.91]

Die Befürworter des exponentiell geglätteten gleitenden Durchschnitts argumentieren, dass der exponentiell geglättete gleitende Durchschnitt dem Trend besser folgt als ein einfacher gleitender Durchschnitt. Aber andere Analysten argumentieren, dass dieser Vorteil nur marginal sei und der exponentiell geglättete gleitende Durchschnitt zu schnell sei. In der nachfolgenden Abbildung 1 sehen Sie am Beispiel des S&P 500 (Tagesintervall) und den beiden 50-Tage-Linie den Unterschied. Anzumerken und im Chart zu erkennen ist, dass beide Durchschnitte Vor- und Nachteile besitzen und Sie denjenigen Durchschnitt wählen sollten, der zu dem Markt und ihrem Tradingstil besser passt.

Gleitende Durschnitte als Filter

Der Einfachheit halber soll hier der einfache gleitende Durchschnitt am Beispiel des DAX betrachtet werden. Ein solcher gleitender Durchschnitt ist nichts anderes als die Summe der letzten Schlusskurse geteilt durch die Anzahl der berücksichtigen Schlusskurse. Er bildet also den Durchschnittsschlusskurs der betrachteten Anzahl von Schlusskursen ab. Nun stellt sich die Frage, wie viele Schlusskurse betrachtet werden sollten. Dabei sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt, möglich ist jede Periodenlänge. Häufig beachtet, sind vor allem die gleitenden Durchschnitte mit den Längen 200, 50 und 20. Der 200er gleitende Durchschnitt umfasst vom Zeitraum der berücksichtigten Daten fast den Handelszeitraum eines Jahres, der 20er gleitende Durchschnitt den eines Monats. Bei der Betrachtung bietet es sich an, den gleitenden Durchschnitt gegebenenfalls an die Zyklik des Basiswertes anzupassen.

Am Beispiel soll diese einfache Wirksamkeit vorgestellt werden. Sie sehen hier einen Tageschart seit 2009 vom deutschen Aktienindex DAX. Darunter gelegt, sind der 200er gleitende Durchschnitt in rot sowie der 50er gleitende Durchschnitt in blau. Für den mittelfristigen orientierten Anleger zur Investition bietet es sich an, den 200er Durchschnitt zu betrachten. Solange der Index sich oberhalb des gleitenden Durchschnitts befindet und dieser steigt, wird investiert. Fällt der Kursverlauf darunter ab, endet das Investment. So ließ sich mit sehr einfachen Mitteln die Aufwärtsbewegung von rund 1.000 Punkten von 2009 bis 2010 mitnehmen. Kurz vor dem Crash im Jahr 2011 wären Anleger ausgestiegen. Seit rund 6.350 Punkten wäre seit dem Jahr 2012 ein Kaufsignal aktiv. Dieses hat Stand Februar 2014 Anlegern ein Kursplus von 3.300 Punkten beschwert. Charakteristisch bei Seitwärtsphasen ist es, dass diese Methode viele Fehlsignale liefert. Erwischt der Anleger aber eine ausgeprägte Trendbewegung, machen die Gewinne aus dieser Trendbewegung die Verluste aus etwaigen vorangegangenen Fehlsignalen mehr als wett.

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Dieses sehr einfache Prinzip bietet nicht annähernd die Möglichkeit im Bereich von Wendepunkten ein- oder auszusteigen, es genügt dafür aber im Allgemeinen die Beobachtung des Kursverlaufes einmal im Monat aus um bei großen Trendphasen dabei zu sein. Bei Betrachtung des 50er gleitenden Durchschnittes wird erkennbar, dass dieser deutlich näher am Kursverlauf liegt. Hier werden nach der vorgenannten Methode häufiger Ein- und Ausstiege generiert. Diese kommen dafür aber deutlich früher und bieten die Möglichkeit vor allem an starken Trendphasen umfassender zu partizipieren.