Die Bollinger Bänder reihen sich in eine ganze Gruppe von Tradingbändern ein, mit dem Ziel, einen Indikator zu entwickeln, der einerseits dem Preistrend folgt, andererseits aber auch die Schwankungsmöglichkeiten innerhalb dessen erkennen lässt. So wäre mit Hilfe eines solchen Indikators nicht nur die grundlegende Richtung des betrachteten Basiswertes erkennbar, sondern die Bänder würden zudem potentielle Unterstützungs- und Widerstandslinien liefern. Im Groß ging es um die Frage, welcher Trend im Underlying gerade vorherrscht und wann in diesem Trend, der Basiswert günstig bzw. teuer ist.

Die Standardabweichung als Maß für die Volatilität

Ein nobles Unterfangen, dem auch Bollinger nachging. Im Gegensatz zu diversen anderen Versuchen wie den Envelopes wollte Bollinger jedoch keine „willkürlichen“ Bänder konstruieren, sondern diese auf ein „statistisches“ Fundament stellen: die Volatilität. Hierbei experimentierte er mit verschiedenen Konzepten, entschied sich am Ende jedoch für die Standardabweichung. Bei der Standardabweichung handelt es sich um eine Kennzahl, die die Verteilung von Daten um ihren Mittelpunkt herum beschreibt. Schwankt ein Basiswert nur geringfügig um seinen Mittelwert, wird die Standardabweichung relativ klein ausfallen. Unterliegt der Basiswert hingegen größeren Schwankungen, wird auch die Standardabweichung größer ausfallen. Die Standardabweichung finden Sie in Guidants abgekürzt als STDEV unter den sonstigen Indikatoren.

Wie Sie der Abbildung 1 entnehmen können, beträgt die aktuelle Standardabweichung im DAX Tageschart in den letzten 10 Handelstagen durchschnittlich 629 Punkte. Der DAX schwankt folglich 629 Punkte um seinen Durchschnittskurs der letzten 10 Tage. Zu beachten ist, dass es sich dabei sowohl um Schwankungen nach oben als auch unten handeln kann. Die Standardabweichung ist lediglich ein Maß für die Volatilität, nicht aber für die Richtung des Marktes. Zudem werden wir später noch einige besondere Annahmen hinsichtlich der Standardabweichung erläutern, wollen an dieser Stelle aber zunächst die Bollinger Bänder herleiten.

Abbildung 1 

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Statistik meets Charttechnik

Mit der Standardabweichung haben wir ein Maß für die Volatilität im Markt. Was Bollinger zur Konstruktion seiner Preisbänder noch brauchte, war ein Maß für den Mittelwert und den Trend im Underlying. Hier lag es nahe, auf einen einfachen gleitenden Durchschnitt zurückzugreifen. Nicht zuletzt deshalb, weil ein solcher bereits für die Ermittlung der Standardabweichung notwendig ist. Schließlich misst diese die Schwankungsbreite um einen Durchschnittswert. Zusammen bilden sich die Bollinger Bänder folglich aus drei Elementen:

- Dem gleitenden Durchschnitt als Mittellinie

- Der Standardabweichung als Maß für die Volatilität

- Der Konstruktion der Preisbänder oberhalb und unterhalb der Mittellinie durch Abtragen der Standardabweichung nach oben und unten an den Durchschnitt

In seiner Standardeinstellung nutzt Guidants einen einfachen 20iger gleitenden Durchschnitt, um die Mittellinie zu konstruieren. Für diese Periode wird nun die Standardabweichung gemessen und der zweifache Wert (Faktor = 2) dieser nach oben und unten an den Mittelwert abgetragen. Wie in Abb. 2 zu sehen, beträgt die derzeitige Standardabweichung 523,81 Punkte. Multipliziert mit dem Faktor 2 ergibt sich eine Schwankungsbreite von ca. 1.047,63 Punkten. Der Mittelwert beträgt 12.431,24 Punkte. Addieren wir zu diesem 1.047,63 Punkte hinzu, erhalten wir das obere Band bei 13.478,87 Punkten. Subtrahieren wir die zweifache Standardabweichung vom Mittelwert, ergibt dies ein unteres Band bei 11.383,61 Punkten.

Abbildung 2 

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Wer die Wahl hat, hat...

Bei der Verwendung der Bollinger Bänder hat der Trader folglich zwei grundlegende Einstellungsmöglichkeiten. Zum einen betrifft dies die Länge des gleitenden Durchschnitts und zum anderen den Faktor für die Standardabweichung. Die in Abbildung 2 genutzten Parameter entsprechend dabei den gängigen Werten, jedoch ist der Trader angehalten, diese auf die von ihm betrachteten Basiswerte hin zu optimieren.

Laut Bollinger beginnt dieser Schritt mit der Wahl der Länge des gleitenden Durchschnitts. Als Trendfilter sollte dieser die grundlegende Richtung des Basiswertes aufzeigen und gleichzeitig als Unterstützung dienen. Der gleitende Durchschnitt sollte folglich so gewählt werden, dass er im Rahmen der anvisierten Trendbewegung möglichst selten durchbrochen wird. Exemplarisch betrachten wir hier den DAX zur Corona-Wende im März mit der Standardeinstellung. Gut zu erkennen ist, dass der Anstieg zurück über den Mittelwert zur bullischen Trendwende führt und es im weiteren Verlauf nur selten Kurs unterhalb des Durchschnitts gibt. Wie das Leben auch, ist aber auch dieser Trendindikator nicht perfekt. Man könnte nun versuchen, andere, bessere Einstellungen zu suchen. Diese dürften von Basiswert zu Basiswert und betrachteter Zeitebene zu Zeitebene unterschiedlich sein. Auch dürfte der eigene Tradingstil eine wichtige Rolle spielen. Hier ist der Trader gefragt, entsprechende Erfahrungen mit "seinen Bollinger Bändern" zu machen!

Abbildung 3 

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Im zweiten Schritt ist das Vielfache der Standardabweichung festzulegen. Dass sich dabei eine Grundeinstellung bei der zweifachen Standardabweichung eingebürgert hat, ist kein Zufall. Hinter dieser steht eine simple Annahme: Die Renditen im Markt sind normalverteilt. Dies bedeutet, dass eine positive Rendite um den Durchschnittswert in Höhe von X% die gleiche Wahrscheinlichkeit hat, wie eine negative. Die Verteilungsfunktion der Rendite ähnelt einer Glockenkurve. Diese Annahme ist insofern spannend, als dass unter diesen Bedingungen innerhalb der einfachen Standardabweichung ca. 70 % aller Kurse liegen werden und innerhalb der zweifachen bereits ca. 95 %. Sofern diese Annahme zutrifft und wir ein Band in Höhe der zweifachen Standardabweichung um den gleitenden Durchschnitt zeichnen, lägen ca. 95 % aller Kurse innerhalb des Bandes. Oder anders formuliert, es gibt selten Kurse außerhalb des Bandes, womit wir vor allem unserem Wunsch nachkommen, mit den Preisbändern potentielle Unterstützungen und Widerstände zu erhalten. Auch dieser Effekt ist in der obigen Abbildung gut zu erkennen.

Eine mögliche Anwendung der Bollinger Bänder

Im Rahmen der klassischen Trendanalyse können wir den gleitenden Durchschnitt nutzen, um den aktuell vorherrschenden Trend im Basiswert zu bestimmen. Steigt der Durchschnitt an und liegen die Kurse tendenziell oberhalb dessen, herrscht ein Aufwärtstrend. Kursverluste sind in einem solchen zunächst nur als Korrekturen zu werten und sollten idealerweise im Bereich des gleitenden Durchschnitts enden. An dieser Stelle sollten Sie den Durchschnitt nicht als eine Mauer, sondern eher als einen Bereich ansehen, im dem die Korrektur idealerweise beendet wird. Ein Temporäres Unterschreiten dessen ist folglich noch kein größeres Problem. Sofern der Durchschnitt seiner Funktion als Unterstützung nachkommen kann und die Kurse wieder nach oben hin abdrehen, wäre der Bereich des oberen Bollinger Bandes ein potentielles Ziel. In diesem Bereich wäre je nach eingestelltem Vielfachen der Standardabweichung das „Normalmaß“ für die Kaufwelle erschöpft und der Kurs könnte in eine neuerliche Korrektur übergehen. Kurz: in dieser Anwendung traden wir Kursbewegungen innerhalb der Bänder in Richtung des vorherrschenden Trends.

Analog kann man natürlich auch im Falle eines Abwärtstrends handeln. Notiert der Basiswert unter dem gleitenden Durchschnitt, gäbe dies dem Trader einen Anhaltspunkt dafür, dass Shortpositionen zu bevorzugen sind. Das untere Bollinger Band könnte nun als Zielbereich fungieren, wo eine Erholung einsetzen sollte. Da die Kurse nun unterhalb des Durchschnitts liegen, fungiert dieser als Widerstand und sofern der Abwärtstrend „echt“ ist, wäre in diesem Bereich mit neu aufkommendem Verkaufsinteresse zu rechnen, dem ein neues Kurstief folgt.

Wunderwaffe Bollinger Bänder?

Das Prinzip der Bollinger Bänder besticht in seiner klassischen Anwendung durch eine klare Logik. Der gleitende Durchschnitt als Trendfilter kombiniert mit der Standardabweichung, die laut Definition kaum Kurse außerhalb dessen zulässt, klingt wie eine Wunderwaffe. Abbildung 4 zeigt jedoch, dass Börse nicht immer logisch ist. Zu sehen ist die Entwicklung im DAX in den letzten Wochen. In seiner Standardeinstellung und mit den oben angeführten Regeln wird schnell offensichtlich, dass eine klare Trendbeurteilung im DAX auf Basis der BB(20, 2) mehr als schwer fiel.

Abbildung 4 

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Fazit

Die Bollinger Bänder gehören zu den klassischen Trendindikatoren, die aufgrund ihrer Konstruktion vielfach eingesetzt werden können. Im Kern sollen diese die Schwankungen des Basiswertes erfassen und schauen wir uns verschiedene Basiswerte inklusive der zugehörigen Bollinger Bänder an, scheint dies insofern gut zu funktionieren, als dass es kaum Kurse außerhalb der Bänder gibt. Wie so oft aber steckt der Teufel auch bei den Bollinger Bändern im Detail. Vor allem wenn es darum geht, anhand der Bollinger Bänder konkrete Handelsregeln abzuleiten, die auch profitabel sind, wird es kompliziert(er). Die einfache Argumentation wie in diesem Artikel vorgestellt, reicht hierfür nicht mehr aus. Wie gut sind die Unterstützungen und Widerstände auf Basis der Bänder wirklich? Wie ist ein Ausbruch aus dem Band zu werten? Liegt dann ein überkaufter/überverkaufter Markt vor oder handelt es sich vielleicht um einen Impuls in Richtung des Ausbruchs? Diesen Fragen bin ich weiteren Artikeln nachgegangen, die Sie im Einsteiger- und Wissensbereich von godmode-trader nachlesen können. Hier ein Beispiel: Bollinger Bänder in der Praxis!

Viel Erfolg

Ihr Tradingcoach Rene Berteit