... sollte es ein Leichtes sein, später teurer zu verkaufen. Hinzu kommt die Aussicht auf den Big Hit. Man stelle sich nur vor, man hätte sein Portfolio in der Finanzkrise bei DAX-Kursen von unter 4.000 Punkten oder meinetwegen auch noch im September 2011 bestückt. Da dürften selbst ohne größere Börsenkenntnisse einige 100-Prozent-Gewinner dabei gewesen sein.

Mythos Bottom Fishing auf dem Prüfstand

Angesichts solcher Aussichten wollen wir heute einen Blick auf das sogenannte Bottomfishing bzw Bottom Fishing werfen und versuchen, diesen Ansatz „greifbar“ zu machen.

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Dazu müssen wir zunächst definieren, wann es eine Aktie überhaupt wert ist, in die Watchlist für einen potentiellen Boden aufgenommen zu werden. Reicht eine Korrektur, wie wir sie zuletzt bei vielen Einzelwerten gesehen haben, schon aus, um nach neuen mittelfristigen Chancen Ausschau zu halten oder muss der Markt zuvor viel stärker einbrechen, ähnlich 2009, 2011 und natürlich nicht zu vergessen, der große Bärenmarkt bis ins Jahr 2003 hinein?

Auf den ersten Blick scheint die Antwort relativ klar: von einem wirklichen Boden wird meist dann gesprochen, wenn die Kurse zuvor massiv eingebrochen sind. Inhaltlich ist dies sicher die plausibelste Richtlinie für das Bottomfishing, andererseits aber wird man spätestens im praktischen Handel ins Grübeln kommen. Wird der Trader erst dann aktiv, wenn der Markt zuvor 30, 40 oder noch mehr Prozent zurückgekommen ist, handelt es sich um eine höchst defensive Strategie. Entweder man erwischt die Böden wie in 2003, 2009 oder 2011 oder aber man schaut im Zweifel über Jahre ohne Investment zu? Das ist für viele Trader eine starke Herausforderung, so dass eine gewisse Tendenz hin zu einer aktiveren Vorstellung von Böden bestehen dürfte. Ja, der Markt muss spürbar zurückkommen, aber nein, es muss vorher nicht unbedingt „Land unter“ gewesen sein. Nur wo liegt die goldene Mitte - oder gibt es diese vielleicht gar nicht?

Wie immer bei solchen Fragestellungen könnten wir uns mehr oder minder blind im Markt bewegen und Vermutungen anstellen oder aber, wir lassen den Markt selbst sprechen. Dazu habe ich eine kleine Handelslogik geschrieben.

Ausgehend von einem Kurshoch auf Tagesschlusskursbasis muss die betrachtete Aktie eine Mindestkorrektur von X% machen. Sofern diese erreicht ist, wird der Markt nicht sofort gekauft, sondern es muss zumindest eine spürbare Gegenreaktion stattgefunden haben. In ein fallendes Messer wollen wir schließlich auch nicht greifen, oder? Insofern wird bei aktiviertem Filter der Mindestkorrektur erst dann eine Longposition eröffnet, wenn es die Aktie per Tagesschluss zurück über einen gleitenden Durchschnitt der Länge Y schafft. Als Anfangs-Stoploss fungiert das 10-Tagestief und wir verwenden später ein Trailingstoploss in Höhe der Mindestkorrektur.

Abbildung 1 zeigt diesen Ansatz am Beispiel der Adidas Aktie, wenn wir für die Mindestkorrektur 10 % und beim gleitenden Durchschnitt einen EMA10 ansetzen.

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Chart wurde mit Tradesignal erstellt

Beginnend im September 2014 kommt die Aktie von ca. 63 Euro im Rahmen einer Korrektur um mehr als 10 % zurück. Sobald dieses Kriterium erfüllt ist und der Kurs anschließend über den EMA10 ansteigt (per Tagesschluss), wird eine Longposition eröffnet. Dies ist am 20. Oktober am ersten grünen Pfeil der Fall. Als Anfangsstopploss dient uns das tiefste Tief der letzten 10 Kerzen (gestrichelte Linie). Für die weitere Betrachtung spielt diese Linie jedoch keine Rolle mehr, denn entweder die Position wird am Anfangsstopploss ausgestoppt oder aber unser 10 % Trailingstoploss ist aktiv. Der größere der beiden Werte ist für den Rest des Trades der aktive Stopp. Der erste Bodenbildungsversuch in Adidas scheiterte am 09. Dezember (zweite rote Pfeil), als die Position 10 % vom zwischenzeitlichen Hoch verlor (Trailingstoploss ausgelöst). Kurze Zeit später aber steigt die Aktie erneut über den gleitenden Durchschnitt an, so dass eine neue Position eingegangen werden kann. Diese ist bis heute offen, da die Aktie zwischenzeitlich nie 10 % oder mehr korrigierte.

Bei diesem simplen Tradingansatz haben wir zwei Stellschrauben. Zum einen können wir die Größe der Mindestkorrektur variieren lassen, gleichzeitig ist eine Veränderung der EMA-Durchschnittslänge möglich, um aggressiver oder defensiver beim Einstieg vorzugehen. Das Schöne heutzutage ist, dass wir uns nicht wochenlang per Hand am Chart quälen müssen, um uns bezüglich der unterschiedlichen Einstellungsmöglichkeiten einen Überblick zu verschaffen. Das übernimmt mittlerweile spielend der Computer. Diesen bat ich, alle möglichen Kombinationen von einer Mindestkorrektur zwischen 5 und 39 Prozent und einer Periodenlänge zwischen 10 und 50 jeweils in 2er Schritten durchzuspielen. Herausgekommen ist die Performancematrix für alle 30 DAX-Aktien in Abbildung 2 (alles vor Kosten).

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Chart wurde mit Tradesignal erstellt

Zu meinem und vielleicht auch Ihrem Erstaunen konnte jede Kombination in den letzten gut 15 Jahren des Testzeitraums vor Kosten einen Profit erwirtschaften. Bei solch einem Ergebnis liegt ein erster Verdacht natürlich nahe: hier stimmt irgendetwas mit der Programmierung nicht. Einer ersten Prüfung konnte diese aber standhalten, was gut, aber noch keine abschließende Feststellung sein soll. Unumstößlich hingegen ist das Argument der Tradingkosten. Da einige der profitablen Kombinationen nur einen marginalen Gewinn übrig lassen, dürften diese im praktischen Handel unter Berücksichtigung der Kosten im Minus landen. Es ist also doch nicht alles Gold was glänzt.

Die größten Gewinne fallen, wie zu erwarten war, vor allem bei defensiven Einstellungen sowohl was die Mindestkorrektur als auch die Länge des gleitenden Durchschnitts anbelangt, an. Abbildung 2 zeigt nach rechts hin zunehmend grünere (profitablere) Werte. Wer eine Korrektur von mindestens 29 % abwartet und einen EMA28 für den Einstieg nutzt, hätte in den letzten Jahren die maximal möglichen Gewinne in diesem Ansatz erzielt. So wären immerhin knapp 280.000 Euro Gewinn zusammengekommen, wenn wir bei jedem Trade 5.000 Euro investiert hätten. Zählen wir die noch offenen Buchgewinne aus der laufenden Aufwärtstrendphase hinzu, stünden wir sogar bei gut 466.000 Euro. Der Profitfaktor lag bei sehr guten 2,84. Abbildung 3 zeigt abschließend noch die Performancekurve unter Optimalbedingungen (vor Kosten).

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Chart wurde mit Tradesignal erstellt, Tradesignal® ist eine eingetragene Marke der Tradesignal GmbH. Nicht autorisierte Nutzung oder Missbrauch ist ausdrücklich verboten.

Der Preis, den Anleger für diese Performance zahlen mussten, wird beim Blick auf die Performancekurve ebenfalls deutlich. Es handelt sich um einen defensiven Ansatz. Geduld ist also gefragt und das sowohl beim Einstieg als aus bei laufenden Trades. Man muss zudem bereit sein, einen nicht unwesentlichen Teil seiner Buchgewinne wieder abzugeben, in der Hoffnung, dass die Korrektur nicht so schlimm wird und sich der Bullenmarkt später wieder fortsetzt. (Anmerkung: der Test zeigt, dass ein aktiveres Trading mit den hier vorgestellten Signalen nicht profitabler wird.) Nicht direkt aus der Performancekurve ersichtlich, aber immerhin zu erwarten war die kleine Trefferquote. Diese liegt nur leicht über 30 %. Es bedarf also einiger Anläufe, um den Boden zu erwischen. Die Mehrzahl aller Kaufsignale endet im Minus, aber wenn der Trend wirklich wechselt und läuft, dann verdient dieser ein Vielfaches dessen, was man zuvor verloren hat. Man muss es „nur“ bis zu diesem Punkt schaffen.

Fazit zum Bottom Fishing

Wie unsere kleine Analyse zeigte, muss Trading gar nicht schwer sein. Ein paar „logische“ Argumente in Charttechnik übersetzt und wir erhalten durchaus interessante Ansätze. Natürlich kann ich an dieser Stelle nicht empfehlen, den vorgestellten Ansatz direkt praktisch umzusetzen, aber als Ideengeber ist dieser genauso geeignet, wie als Basis für weiterführende Überlegungen zum Trading allgemein. Die Weisheit „Hin und Her macht Taschen leer“ wird durch unseren Test tendenziell unterstützt.

Auch kann dieser im Sinne von Buy & Hold Strategien gewertet werden. Gerade im Aktienbereich ist dies nicht überraschend. Werden im Grunde solide Werte getradet, wie hier die 30 DAX Aktien, sind Totalausfälle unwahrscheinlicher und zum anderen dürften diese Unternehmen langfristig Geld verdienen. Dies wiederum sollte sich in einem positiven Grundtrend äußern – und sei es nur, dass diese Aktien als Inflationsausgleich genutzt werden. Genau davon profitiert unser Ansatz.

Kostolany lässt grüßen! Was dieser aber gerne verschwiegen hat, sind die Nebenwirkungen - und die haben es vor allem auf der emotionalen Seite in sich. Der Investor ist lange in einer Aktie engagiert und muss die Geduld für Gewinne aufbringen. Temporäre Schwankungen auch im zweistelligen Prozentbereich dürfen Ihn dabei genauso wenig aus der Ruhe bringen, wie jahrelange Seitwärtsbewegungen oder das simple Zuschauen. Diese Dinge fallen nicht wenigen Tradern recht schwer, aber es gibt Gegenmittel. So ließe sich unsere Taktik natürlich weiter optimieren. Zugleich kehrt emotionale Gelassenheit ein, wenn solch langfristigen Ansätze nur ein Standbein des eigenen Tradinggeschäfts darstellen. Und wer weiß, vielleicht gehören Sie ja genau zu der Gruppe von Tradern/Investoren, die sich genau in diesem längerfristigen Umfeld wohl fühlen.

Weitere Tests & Artikel über Bottomfishing

Im Laufe der Zeit habe ich einige weitere Bottom Fishing-Strategien unter die Lupe genommen und in einer Artikelserie verdichtet. Die untersuchten Konzepte basieren auf dem Abstand zu bestimmten gleitenden Durchschnitten, unterscheiden sich jedoch in der konkreteren Ausführung. Hier geht es zu den jeweiligen Tests.