• DAX - Kürzel: DAX - ISIN: DE0008469008
    Börse: XETRA / Kursstand: 13.120,91 Pkt

In der Ströer-Aktie geht es heute rund. Die Aktie bricht über ihren Widerstandsbereich bei 72,25 EUR aus und notiert, obwohl man sich schon deutlich von seinem Tageshoch entfernt hat, immer noch über 7 % im Plus. Kurstreiber waren die heute vorgelegten Quartalszahlen, aber wie kommen solche Kurssprünge eigentlich zustande? Wurde wirklich viel gekauft, wie man bei solchen Bewegungen oftmals liest? Welche Rolle spielt dabei das Volumen? Der Fall Ströer ist eine gute Gelegenheit, um sich einmal ein paar Grundprinzipien der Kursbildung in Erinnerung zu rufen.

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Jeder nutzt sie und vergisst dabei schnell das Wesentliche!

Jeder Trader und Investor schaut auf die Kurse und trifft nicht selten auf Basis dieser seine Handelsentscheidungen. Wir sind es so gewöhnt, auf Liniencharts oder Kerzencharts und die Muster, die diese ausbilden, zu schauen, dass wir vergessen haben, was eigentlich hinter all den Bewegungen steckt. Es ist nicht das Muster, welches zu Kursgewinnen oder Kursverlusten führt. Es ist das Verhältnis von Angebot und Nachfrage nach der Aktie. Es ist das Volumen und das Kräfteverhältnis von Bullen und Bären. Sich mit diesem Kräfteverhältnis auseinanderzusetzen, wird Ihnen helfen, Kursbewegungen besser zu verstehen. Den Markt besser zu verstehen, wird Ihnen helfen, erfolgreicher zu traden. Lassen Sie uns im Folgenden gemeinsam auf die Basis des täglichen Wahnsinns an der Börse schauen!

Wer/was bewegt den Kurs?

Würde ich 100 Börsianern die Frage stellen, wer/was den Kurs bewegt, würde ich wahrscheinlich höchst unterschiedliche Antworten bekommen. Diese könnte man wahrscheinlich nach Kategorien wie fundamentalen Daten, News oder Charttechnik einteilen. In jeder einzelnen Rubrik wiederum sind höchst unterschiedliche Antworten möglich. Der eine fundamental orientierte Trader/Anleger ist vielleicht ein Fan der CANSLIM-Strategie und wird dementsprechend die dortigen Variablen als kurstreibende Faktoren nennen. Ein anderer mag die Bilanzanalyse mit seinen Kennzahlen favorisieren. Noch vielfältiger dürfte es bei den Charttechnikern zugehen. Hier gibt es Dutzende, wenn nicht gar hunderte unterschiedlicher Tradingansätze, die sich auf unterschiedliche Variablen konzentrieren. Man schaue nur einmal auf die Anzahl möglicher Indikatoren, die man für das Trading nutzen kann.

All diese Argumente sind ohne Zweifel Einflussfaktoren auf das Kursgeschehen. Am Ende aber reduzieren sich all diese Faktoren auf einen einzigen Nenner: die aktuelle Order, das aktuelle Handelsvolumen!

Es können noch so tolle News veröffentlicht und noch so schöne Muster vollendet werden, am Ende wird sich der Kurs nur dann bewegen, wenn es zu tatsächlichen Handelsaktivitäten kommt. Die News oder das Muster mag der Auslöser gewesen sein, aber nur die Order entscheidet, ob und wie weit sich der Kurs bewegt. Wollen wir Kursbewegungen erklären, müssen wir uns also mit den Ordertypen auseinander setzen und damit sind wir bei „Marktteilnehmern“ und beim Level-2-Orderbuch.

Aktive versus passive Marktteilnehmer!

Mit Blick auf das Ordergeschehen können wir in aktive und passive Marktteilnehmer unterscheiden. Diese Unterscheidung hat nichts damit zu tun, wie oft man am Tag, in der Woche oder im Monat handelt, sondern welche Orderart man wählt. Als aktiver Marktteilnehmer wird jeder bezeichnet, der mit Marketorders arbeitet. Sie werden deshalb als aktive Marktteilnehmer bezeichnet, weil diese Trader es selbst in der Hand haben, ob sie eine Position bekommen oder nicht. Darüber hinaus sind es ausschließlich diese Trader, die für eine Kursveränderung sorgen können. Wenn keiner Market aktiv klickt, wird sich der Kurs nie bewegen (Erklärung folgt später).

Der Conterpart ist der passive Trader. Diese Trader arbeiten mit Limit-Orders. Sie werden deshalb als passiv bezeichnet, weil sie auf die Hilfe anderer angewiesen sind, um eine Position zu eröffnen. Sie stellen ihre Kauf- und Verkaufslimit ins Orderbuch und warten darauf, dass ein aktiver Marktteilnehmer „klickt“.

Das Level-2-Orderbuch

Es wäre grandios, wenn wir als Trader und Anleger alle aktuellen Orders der aktiven und passiven Marktteilnehmer kennen würden und am besten auch noch die der nächsten Stunde, Tage und Wochen. Unter diesen Bedingungen könnten wir die Kurse exakt vorhersagen, aber das wird wohl immer ein Traum bleiben.

Trotzdem können wir zumindest einen Einblick in diese Welt bekommen. Im sogenannten Orderbuch sind alle Limit-Orders auf die nächsten Stufen oberhalb bzw. unterhalb des aktuellen Kurses zu sehen. Das Level-2-Orderbuch steht Ihnen auch als Guidants-Widget zur Verfügung und stellt die aktuellen Limit-Kauf-Orders auf der linken Seite und die aktuellen Limit-Verkauf-Orders auf der rechten Seite gegenüber. Die folgende Abbildung zeigt noch einmal das Orderbuch auf der rechten Seite und auf der linken Seite den aktuellen 5-Minutenchart von Ströer.

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Aktuell können wir also erkennen, dass in der Ströer-Aktie bei einem Preis von 74,45 EUR ein sehr hohes Verkaufsinteresse besteht. Dort liegen momentan 2.346 Aktien im Limit-Sell, die erst einmal aus dem Weg geräumt werden müssten, um den Kurs weiter nach oben zu treiben. Das ist ein Widerstand in Reinform, was aber nicht zwangsläufig bedeutet, dass man es nicht schafft, diesen aus dem Weg zu räumen. Es bedarf halt nur eines Käufers, der größer ist.

Was bewegt den Kurs tatsächlich?

Nachdem wir nun das Orderbuch kennengelernt haben, können wir auch beantworten, was den Kurs wirklich bewegt. Es sind die Marketorders, die zu Kursveränderungen führen.

Die Ströer-Aktie steht zum Zeitpunkt des Screenshots bei 74,40 EUR. Kommt jetzt ein Käufer ins Spiel, der lediglich 50 Aktien kaufen möchte, würde sich der Kurs nicht verändern, da auf demselben Preisniveau 63 Aktien zum Verkauf angeboten werden. Kauft man hingegen 100 Aktien Market, würde der Kurs ceteris paribus auf 74,45 EUR springen. Der aktive Trader würde 63 Aktien zu 74,40 EUR abgerechnet bekommen und bekommt die restlichen 37 Aktien zu einem Preis von 74,45 EUR.

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Genauso funktioniert es natürlich auch auf der anderen Seite. Kommt ein aktiver Trader in den Markt und möchte verkaufen, entscheidet die Größe seiner Order und die Größe der Limit-Orders darüber, wie weit sich der Kurs bewegen wird. Möchte unser aktiver Trader lediglich 100 Aktien verkaufen, kann er dies zu einem Preis von 74,30 EUR zu. Da der letzte Kurs von Ströer bei 74,40 EUR lag, wird der Kurs jetzt 10 Cent fallen. Möchte er hingegen 1000 Aktien verkaufen, wird er ceteris paribus schon für einen relativ kräftigen Kursrutsch sorgen. Er müsste das gesamte Orderbuch der Limit-Buy-Side so lange nach unten leer räumen, bis er seine Aktien voll hat. Er würde also 180 Aktien zu 74,30 EUR verkaufen können, 460 Aktien zu 74,25 EUR, 52 Aktien zu 74,20 EUR, 149 Aktien zu 74,15 EUR, 76 Aktien zu 74,10 EUR und dann noch einmal 83 Aktien zu 74,05 EUR. Dieser eine aktive Marketorder sorgt also dafür, da das Verkaufsvolumen in Relation zum Limit-Buy-Volumen sehr groß ist, dass der Kurs von 74,40 EUR bis auf 74,05 EUR zurückfällt. Ist diese Order abgearbeitet, wartet man auf die nächste.

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Fassen wir zusammen!

Die Kurse sind ständig in Bewegung und verantwortlich dafür sind die Handelsaktivitäten der Marktteilnehmer. Die Auslöser dafür, warum ein Trader gerade jetzt eine Order aufgibt, mögen höchst unterschiedlich sein. Am Ende aber ist es ausschließlich die Order und deren Größenordnung in Relation zu den bestehenden Orders, die entscheidet, wohin sich der Kurs bewegt und wie weit er sich bewegt. Dabei müssen wir zwischen aktiven Marktteilnehmern und passiven Marktteilnehmern bzw. zwischen Market-Orders und Limit-Orders unterscheiden. Erstere sind dafür verantwortlich, dass sich der Kurs bewegt. Limit-Orders hingegen wirken wie die Bremse bei einem Auto. Das Kräfteverhältnis zwischen diesen beiden entscheidet nun darüber, wie weit sich der Kurs bewegt.

Aufbauend auf diesem Wissen und mithilfe der entsprechenden Tools, wie dem Guidants-Orderbuch können wir nun Kursbewegungen besser nachvollziehen und/oder potenziell bessere Handelsentscheidungen treffen. Welche Möglichkeiten sich dabei für Trader und Anleger ergeben, wird Gegenstand des nächsten Artikels werden. Dabei gehen wir bspw. auch der Frage nach, ob am Montag im DAX wirklich massiv gekauft wurde? Immerhin stieg der Index bis zum Tagesschluss fast 5 % an. Die Antwort könnte Sie überraschen!

Viel Erfolg

Ihr Tradingcoach Rene Berteit