Die historischen Ursprünge der Börse

Die Börse, so wie wir sie heute nutzen, geht auf den Kolonialismus zurück. Ähnlich wie an einer heutigen Börse wurde bereits im zwölften Jahrhundert in den italienischen Städten Venedig, Florenz, Genua und Lucca gehandelt, bald auch in der Champagne und in Brügge. Hier trafen bereits im Mittelalter Geldwechsler, Kaufleute und Händler auf öffentlichen Marktplätzen zusammen, um Geschäfte abzuschließen. Dabei wurden alle möglichen Rohstoffe, fertige Produkte sowie Staatsanleihen und Währungen umgesetzt. Auch Kredite wurden auf den Märkten vergeben und sogar die ersten Termingeschäfte wurden abgeschlossen.

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Im Laufe der Zeit nahm die Anzahl der Marktteilnehmer zu, und so stieg das Handelsvolumen. Damit wurden feste Regeln für den Handel notwendig, ebenso ein Handelsgebäude. Hier war die belgische Stadt Brügge Vorreiter: Sie verlegte den Handel in ein eigenes Gebäude, und zwar in das Haus der Familie »van der Beurse«, die in ihrem Wappen drei Geldbeutel (lateinisch: bursa) führte und von 1257 bis 1457 dort ansässig war. Damit war auch der Begriff für diesen Handelsplatz geboren: Börse.

Die Bezeichnung »Börse« im Sinne von Handelsplatz taucht erstmals 1460 in Antwerpen auf. Das erste Bauwerk, das ausschließlich für den Börsenhandel errichtet wurde, entstand um 1531 ebenfalls im niederländischen Antwerpen. Hermann von der Wee beschrieb mit der Entwicklung der Antwerpener Börse auch bereits sehr früh den Handel mit Derivaten im Jahre 1511 (Getreide-Futures). 1532 startete der geregelte Handel mit Anleihen, wobei der Begriff »Obligation« erst fünf Jahre später auftauchte. Bereits in dieser frühen Phase gab es Spekulanten, Arbitrageure und Broker. Ebenfalls in diese Zeit fallen die ersten Handelsvorschriften und Börsengesetze. Weitere Städte wie London (1566 bis 1569), Sevilla (1582 bis 1593) und Amsterdam (1608 bis 1611) folgten dem Beispiel Antwerpens und errichteten Börsengebäude in den angeführten Jahren, womit sich der bis ins späte 20. Jahrhundert dominierende Präsenzhandel endgültig durchsetzte.

Der Begriff Präsenzhandel leitet sich davon ab, dass die Marktteilnehmer physisch anwesend sind, um ihre Geschäfte durchzuführen. Weil der Boden, auf dem die Händler standen, später meist aus Parkett gefertigt wurde, wird diese Art des Handels auch als »Parketthandel« bezeichnet.

Die Rolle der Börse

Viele Börseneinsteiger fragen sich zu Recht, welche Rolle die Börse im Allgemeinen und Aktien im Besonderen spielen. Für die, die schon länger an der Börse handeln, ist die Antwort auf diese Frage klar: Die Börse ist eine Geldquelle. Und welche Rolle spielt die Börse im Wirtschaftsleben? Der berühmte Börsenspekulant André Kostolany meinte, dass die Börse der Kapitalmarkt ist, der Treffpunkt jener, die ihr Geld in Wertpapieren anlegen wollen, und jener, die ihre Papiere zu Geld machen wollen. Im volkswirtschaftlichen Gesamtkontext fungiert die Börse neben der Handelsplatzfunktion auch als wichtiges Barometer für die Befindlichkeit eines Landes beziehungsweise eines Unternehmens sowie für die Stimmung unter Anlegern, als wichtiger Platz zum Austausch von Informationen und als großer Arbeitgeber. Darüber hinaus ermöglicht die Börse den Handel mit den relativ schwer zu übertragenden Unternehmensanteilen und Schuldverschreibungen. Dabei darf auch der wichtige Rohstoff- und Devisenmarkt nicht außer Acht gelassen werden.

Für jeden Anhänger des westlich-kapitalistischen Wirtschaftssystems ist die Börse aus dem modernen Leben nicht mehr wegzudenken. Sogar jeder, der eigentlich nichts mit der Börse zu tun haben will, ist Teilnehmer: Jeder Besitzer eines Bankkontos ist indirekt Teilnehmer am Kapitalmarkt, ganz zu schweigen von Pensionskassen, ständischen Versorgungswerken für Ärzte, Ingenieure, Architekten oder Formen der Mitarbeiterbeteiligungen von Aktiengesellschaften. Man entkommt dem Kapitalmarkt also kaum; deshalb sollte man ihn kennen und nicht als uninteressant abtun.

Nun die nächste, für den Newcomer wichtige Frage:

Wozu dienen Aktien und warum steigen und fallen ihre Kurse?

Am besten zieht man auch hier wieder Kostolany zu Rate, der in seinem Buch »Kostolanys Börsenseminar« schreibt, dass alle Aktien eines Unternehmens zusammen die Aktiengesellschaft bilden. Mit ihrem Kauf stellt der Investor dem Unternehmen Kapital zur Verfügung in der Hoffnung, durch Wertsteigerung und/oder Dividendenausschüttungen eine dem Risiko angemessene Verzinsung zu erreichen. Ohne die Möglichkeit, Investoren über den Verkauf von Unternehmensanteilen (Aktien) in die Gesellschaft zu »holen« und sich somit Kreditzinsen zu ersparen, wären die großen wirtschaftlichen Abenteuer und viele Entwicklungen im 18., 19. und 20. Jahrhundert nicht möglich gewesen. Kostolany nennt dafür als Beispiele die stark mit Investorenkapital finanzierten Bereiche Eisenbahn und Schifffahrt, den Suezkanal, die Erschließung von Minen und Ölquellen sowie die moderne Produktionsindustrie der Automobil-, Luftfahrt- und Elektronikbranche.

Warum sich die Kurse von Wertpapieren bewegen, ist eine andere interessante Frage, auf die es keine endgültige, sondern nur eine oberflächliche Antwort gibt: aufgrund der Angebots- und Nachfragesituation. Übersteigt das Angebot an einem bestimmten Wertpapier die Nachfrage der Investoren deutlich, werden die Kurse sinken; übersteigt die Nachfrage das Angebot, werden die Kurse steigen. Dazu das Beispiel eines Biergartens: Der Wirt hat in Erwartung eines baldigen Ansturms an Gästen zehn Halbliterkrüge Bier gezapft und dann festgestellt, dass seine Zapfanlage defekt ist. Er hat also nur ein beschränktes Angebot. Statt der erwarteten zehn Gäste kommen nun aber zwanzig Durstige, und jeder will einen Krug haben. Da nur zehn zur Verfügung stehen, kann der Wirt die Preise so weit anheben, dass er noch immer zehn Kaufwillige hat. Kommen hingegen nur fünf Gäste, die eine Apfelschorle trinken wollen, läuft der Wirt Gefahr, seine zehn bereits ausgeschenkten Krüge leeren zu müssen; deshalb wird er versuchen, den fünf Gästen mittels eines Preisnachlasses sein Bier schmackhaft zu machen. Im ersten Fall sieht sich der Verkäufer (der Wirt) einer großen Nachfrage durch die Käufer (seine Gäste) ausgesetzt und kann somit den Preis erhöhen. Im zweiten Fall ist es genau umgekehrt: Die Käufer können aufgrund des Überangebotes bestimmen, zu welchem Preis sie kaufen, und somit diesen drücken. Ebenso läuft es an der Börse: Steigt die Nachfrage nach oder sinkt das Angebot an einem Wertpapier, steigen die Kurse. Sinkt die Nachfrage oder steigt das Angebot, fallen sie.

Wenn sich Angebot und Nachfrage verändern, kann dies viele Gründe haben. Ein Grund könnte sein, dass ein Unternehmen Geschäftszahlen berichtet, die besser ausgefallen sind als erwartet, und daraufhin viele Investoren kaufen. Oder ein Unternehmen gibt bekannt, dass die Liquiditätssituation schlecht ist und ein Ausgleich bevorsteht. In diesem Fall wäre das Angebot wahrscheinlich sehr groß und die Nachfrage sehr gering, was zu einem raschen Preisverfall führen würde. Da solche Ereignisse nicht jeden Tag vorkommen, sind die täglichen Preisschwankungen an den Börsen meist eine Folge der "Laune " der Investoren, die entweder (gemäß welcher Überlegungen auch immer) ein Wertpapier verkaufen oder kaufen. Um diese Launen besser prognostizieren zu können, kann man sich der Methoden der Charttechnik bedienen. Diese stellt den Kursverlauf als Summe der Entscheidungen der Marktteilnehmer in den Vordergrund ihrer Auswertungen und wird in unserem Charttechnik- und Tradinglehrgang ausführlich behandelt.