Ist etwas nicht profitabel, liegt es auf der Hand, einfach das Gegenteil von dem zu machen, um erfolgreich zu sein. Klingt logisch, oder? Also drehen wir den Spieß eines bei Tradingeinsteigern beliebten Spiels um und anstatt Positionen im Verlustfall (ungeplant) zu verbilligen, setzen wir auf das sogenannte Pyramidisieren von Positionen. Auch in diesem Fall werden einer Ursprungsposition weitere hinzugefügt, jedoch nur dann, wenn die Position im Gewinn notiert bzw. die grundlegende Basis für eine Bewegung in unsere Richtung noch vorhanden ist. Im ersten Teil dieser Serie haben wir uns grundlegend mit dieser Thematik auseinander gesetzt und am Ende einige spannende Fragen aufgeworfen:

„Ich denke, das bisher Gesagt ist bares Geld wert, aber ich möchte Sie nicht mit diesen allgemeinen Aussagen alleine lassen. Dies ist etwas, was mich an vielen Büchern & Co. schon immer gestört hat. Viel nützliches allgemeines „Bla Bla“ (ich hoffe, Sie verzeihen mir meine saloppe Formulierung), aber wie soll man dieses in der Praxis umsetzen? Schließlich gibt es auch beim positiven Pyramidisieren einige wichtige Dinge zu beachten und wie kann man dieses mit dem klassischen Trading einer Strategie kombinieren? Das sind spannende Fragen, deren Antworten ich mir aber für die nächste Woche aufhebe. Wie gemein, oder :)?“

Diesen wollen wir heute nachgehen und wie immer beginne ich möglichst einfach. Das liegt nicht nur daran, dass ich hinsichtlich Tradingstrategien & Co gerne nur so viel Zeit und Energie in die Entwicklung dieser hineinstecke, wie nötig ist, sondern auch daran, dass einfache Strategien „der Wahrheit“ an der Börse noch am nächsten kommen. Es ist ein leichtes mit Hilfe der heutigen Technik eine Taktik zu entwickeln, die in der Vergangenheit eine perfekte Performance aufweist. In der Regel aber sind genau diese Taktiken überoptimiert und funktionieren in der folgenden praktischen Phase einfach nicht mehr.

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf war mein erster Schritt in Sachen Pyramidisieren auch sehr pragmatisch. Ich hatte folgende einfache Idee: In einem Trend möchte ich die größte Position innehaben. Da Trends Bewegungen in hauptsächlich nur eine Richtung darstellen, kann ich diesem Wunsch sehr einfach nachkommen, wenn ich ein jedes neue Kerzenhoch einfach kaufe. Kommt es wirklich zu einer Trendbewegung, sollte ich viele Positionen aufbauen können, während nur kleinere Aufwärtsbewegungen wenige Positionen nach sich ziehen sollten. Diese Erkenntnis brachte mich zu einem zweiten Punkt: Wenn die Argumentation richtig ist, dann brauche ich mir über die Trendrichtung eigentlich keine Gedanken machen. Ich kaufe einfach parallel jedes neue Kerzenhoch und shorte jedes neue Kerzentief. Im Rahmen eines Trends sollten mehr Positionen in Trendrichtung als dagegen aufgebaut werden und die Stärke des Trends bestimmt sogar noch, wie viele Positionen mehr. Einfach perfekt.

Diese Theorie habe ich im DAX 2 Tage per Expert Advisor intraday durchlaufen lassen. In der Summe wurden bis zu 240 CFDs als Positionen zugelassen. Sollte sich bspw. ein Aufwärtstrend entwickeln, so die Idee, dürften von den 240 CFDs viel mehr Longpositionen aktiv sein, als Shortpositionen. Sollte sich ein Abwärtstrend etablieren, dann wäre es eben anders herum.

Ich war wirklich auf diesen Durchlauf gespannt. Die Idee erschien mir logisch und sollte sie funktionieren, wäre dies ein sehr stabiler Ansatz. Er basiert quasi auf einem Grundprinzip des Marktes ohne großen prognostischen Einfluss und ja, ab und an darf man auch als langjähriger Trader noch vom großen Coup träumen. Aber wie meist, scheint die Börse nicht logisch zu sein. Die Kontokurve war wirklich sehr stabil, nur leider in die falsche Richtung. Innerhalb von zwei Tagen hatte sich das Demokonto um 30% verringert, ein inakzeptables Ergebnis. Die Ausrede, dass wir gerade in den letzten Tagen keine wirklichen Trendbewegungen hatten, stimmt zwar, aber hilft mir als Trader wenig. Selbst wenn die Idee am langfristigen Ende doch funktionieren würde, die Drawdowns (zwischenzeitlichen Kontorückgänge) sind einfach viel zu groß, um in Versuchung zu geraten, die Idee auch wirklich praktisch umzusetzen. Abbildung 1 zeigt den statistischen Teil von Versuchstag 1 aus den Longtrades.

Die-Macht-des-Pyramidisierens-2-Rene-Berteit-GodmodeTrader.de-1

Sobald etwas nicht funktioniert, schauen sich die meisten Trader schnell nach etwas gänzlich Neuem um. Ein Tipp an dieser Stelle: Lernen Sie weniger in die Breite, sondern vielmehr in die Tiefe. Statt nun gleich das gesamte Pyramidisieren über Bord zu werfen, sollten wir das Ergebnis positiv nutzen. Wir wissen durch unseren Test, dass wir dem Markt alleine nicht alles überlassen können. Was liegt da näher, als bei der Grundidee zu bleiben und lediglich einen Richtungsfilter einzubauen. Ausgehend von einem x-beliebigen Punkt im Chart werden durch parallelem Kauf neuer Hochs und Tiefs nicht zwangsläufig mehr Positionen in die sich entwickelnde Trendrichtung aufgebaut. Wir müssen uns folglich auf eine Seite konzentrieren, aber auf welche?

An dieser Stelle kommt ein ebenfalls einfacher und bewährter Trendfilter zum Einsatz, der gleitende Durchschnitt und wie üblich trenne ich Longsysteme von Shortsystemen. Beginnen möchte ich dabei mit Longsystemen und dafür gibt es einen plausiblen Grund. Die meisten Trader agieren direkt oder indirekt am Aktienmarkt. Aktien wiederum haben einen „natürlichen“ Trend. Als Inflationsschutz werden diese im langfristigen Bereich eine Longtendenz haben. Natürlich nicht jede Aktie, aber in der Summe. Diesen kleinen Vorteil wollen wir uns schon einmal sichern und agieren deshalb zunächst nur auf der Käuferseite. Was passiert, wenn wir den DAX (DAX Future) und Aktien auf der Longseite pyramidisieren, wobei wir den gleitenden Durchschnitt als Trendfilter einsetzen? Dabei kommt ein Triple-Screen zum Einsatz. Der EMA200 fungiert als großer Trendfilter und es wird nur dann Long gegangen, wenn der Schlusskurs der aktuellen Kerze oberhalb dessen liegt. Hinzu kommt die Bedingung, dass der sehr kurzfristige EMA3 über dem EMA20 liegen muss und drittens, der kurzfristige EMA3 steigt. Abbildung 2 zeigt diese Regeln in einem Chart und sofern alle Bedingung erfüllt sind, wir gekauft – und zwar Kerze für Kerze für Kerze, bis max. 50 Positionen aufgebaut worden sind.

Die-Macht-des-Pyramidisierens-2-Rene-Berteit-GodmodeTrader.de-2

Wie es sich für einen ordentlichen Trendansatz gehört, wollen wir die Position so lange laufen lassen, bis der große Trend endet. Diesen haben wir über den EMA200 gefiltert. Sobald es also zu einem Tagesschlusskurs unterhalb des EMA200 kommt, werden sämtliche Positionen geschlossen und nach neuen Einstiegschancen Ausschau gehalten (siehe Abb. 3).

Die-Macht-des-Pyramidisierens-2-Rene-Berteit-GodmodeTrader.de-3

Wie man sieht, handelt es sich um eine relativ einfache Logik, die wir nun durch die Zeitmaschine schicken. Wie sähe unsere Performance aus, wenn wir diese Taktik seit Anfang 1999 angewendet hätten?

Die Antwort darauf gibt uns Abbildung 4. Im oberen Bildteil sehen Sie den Kursverlauf des DAX-Futures mit unseren Einstiegs/Ausstiegsbereichen, während im unteren Teil die Performancekurve zu sehen ist. Mit unserer Taktik hätten wir sagenhafte 3,68 Mio. Euro verdient oder umgerechnet – und jetzt wird es mächtig – 147.422 DAX Punkte. Im gleichen Zeitraum konnte der DAX wohlgemerkt nicht einmal 1.000 Punkte zulegen. Zudem wurden auch die großen Bärenmärkte relativ gut überwunden und das, obwohl unser Ansatz ausschließlich auf der Longseite agiert. Die Performance als solches ist schon beeindruckend, aber das kann Zufall sein.

Die-Macht-des-Pyramidisierens-2-Rene-Berteit-GodmodeTrader.de-4

Um dieser Frage nachzugehen, schicken wir den gleichen Ansatz durch die DAX Aktien. Eine kleine Änderung müssen wir vornehmen. Wir müssen die unterschiedlichen Preisniveaus der Aktien berücksichtigen, so dass wir nicht pauschal von jeder Aktie immer nur 1 Stück kaufen, sondern 750 Euro je Kauf investieren. Von einer Aktie, die bei nur 10 Euro notiert, werden folglich mehr Stück ins Depot genommen, als von einer Aktie, die bei 100 Euro gehandelt wird. Abbildung 5 zeigt die Performance der DAX-Aktien, die der im DAX Future sehr ähnlich ist.

Die-Macht-des-Pyramidisierens-2-Rene-Berteit-GodmodeTrader.de-5

Und weil es so viel Spaß macht, sind gleich auch noch alle 50 Aktien aus dem MDAX an der Reihe (siehe Abb. 6).

Die-Macht-des-Pyramidisierens-2-Rene-Berteit-GodmodeTrader.de-6

Rein von der Performance vor Kosten her sind das sehr beeindruckende Ergebnisse. Wo ist also der Haken? Der liegt vor allem darin, dass die meisten Trader noch weitaus mehr Ziele als das schlichte Geldverdienen haben. Am Ende soll nicht nur ein schöner Gewinn herauskommen, sondern der Weg dahin ist für viele mitentscheidend und genau hier hat das Pyramidisieren so seine Schwierigkeiten. Trends selbst entstehen schon nicht alle Tage und richtig gute Trends noch viel seltener. Die Konsequenzen für ein pyramidisierendes Tradingsystem sind klar: nur wenige, dafür aber richtig große Gewinner machen die Gesamtperformance aus. Wie extrem dies ist, zeigt der Blick auf den Performancereport des DAX-Future-Systems (Abb. 7).

Die-Macht-des-Pyramidisierens-2-Rene-Berteit-GodmodeTrader.de-7

Das System glänzt mit hervorragenden Chance-Risiko-Werten. Die durchschnittlichen Gewinne sind mehr als 10-mal so groß, wie die durchschnittlichen Verluste. Der Profitfaktor liegt weit über 2 und unsere Strategie hat einen Erwartungswert von 1,17R. Der Preis für diese Glanzleistungen ist aber vor allem auf mentaler Ebene hoch: nur ca. 15% aller Trades schaffen es ins Ziel. Das ist eine echte Herausforderung für jeden Trader. Gerne würde ich Ihre Reaktionen beim Lesen dieser Zeilen sehen. Hier liegt rein performancetechnisch der Schlüssel zu horrenden Gewinnen vor einem, aber wer mag angesichts einer solch kleinen Trefferquote wirklich zugreifen. Sie wären am Ende Millionär bei extrem gutem CRV, sind aber doch ein Trader, der sich viel öfter irrt, als das das er Recht hat. Von 100 Prognosen gehen tatsächlich nur 15 auf! Eine zu bittere Pille für die Meisten.

Zusammenfassung: Wollen Sie Ihrem Konto enorme Performanceschübe und beeindruckende Chance-Risiko-Verhältnisse verleihen, scheint das Aufbauen von Positionen eine geeignete Möglichkeit zu sein. Auch wenn wir uns heute bereits eines konkreten Handelsansatzes bedient haben, sollte dieser Artikel immer noch dem Grundverständnis des Pyramidisierens dienen und hinterfragen, was an diesem Tradingstil dran ist. Wir konnten eindrucksvoll zeigen, wo die Vorteile liegen, aber auch, welchen Preis der Trader dafür zu zahlen hat.

Zudem wird im Umkehrschluss noch einmal anhand konkreter Zahlen deutlich, welchen Gefahren sich Trader aussetzen, die gegen den Trend ständig verbilligen. Sie mögen zwar eine Trefferquote von 85% aufweisen (Gegenteil des Pyramidisierens), aber der Trend wird kommen, mit dem die Verluste das Konto ruinieren.

Der Weg hin zu einer vollständigen und handelbaren Tradingstrategie ausgehend von unserem kleinen Ausflug ist aber noch weit. Nicht nur, dass jeder Trader noch ganz persönliche Aspekte wie die eigene Kapitaldecke berücksichtigen muss, die gerade beim Pyramidisieren schnell ans Limit gehen kann, auch im emotionalen Bereich muss die Systematik handelbar sein. Hier treffen wir wohl auf die größte Herausforderung innerhalb des Pyramidisierens. Mit so kleinen Trefferquoten zu agieren, fällt nicht leicht und vergessen Sie bitte nicht, dass Sie immer am Ball bleiben müssen. Sie können es sich einfach nicht leisten, die wenigen, dafür aber umso größeren Gewinner, zu verpassen. Wie Abbildung 4 zeigt, erzielten eigentlich nur vier große Trades den Gesamtgewinn. Von diesen dürfen wir keinen einzigen auslassen oder auch nur mit verminderten Positionsgrößen handeln. Genau diese Gefahr besteht jedoch, wenn man zuvor über Monate/Jahre hinweg trotz vieler Versuche kein Geld verdient hat. Fragen für einen weiteren Artikel gibt es also genug. Ob wir auch Antworten finden?

Viel Erfolg

Ihr Rene Berteit