Das lässt sich im Chart mit logarithmischer Darstellung mit bloßem Auge gut erkennen. Aber nun, da der größte Handelsplatz MtGox insolvent ist, fühlen sich Kritiker des Bitcoin trotz allem bestätigt: eine unregulierte Digitalwährung kann nicht funktionieren, ist hochspekulativ, ja sogar hochgefährlich bis hin ins Toxische. Der Standpunkt der Kritiker könnte nicht deutlicher sein und intuitiv möchte man den Kritikern sofort zustimmen – das ist nur menschlich. Das ist ebenso menschlich wie die Reaktionen auf andere Innovationen, die heutzutage nicht mehr wegzudenken sind. Dazu gehört etwa das Automobil, der Computer, das Handy oder die Kommunikation über Email.

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Alles radikal Neue ist zunächst Bedrohung

Autos wurden äußerst kritisch gesehen. Es war undenkbar, dass sie die Kutsche ablösen könnten. Der Weltmarkt für Computer wurde von einigen Herstellern und namenhaften Beratungsfirmen im mittleren zweistelligen Bereich gesehen. Ähnlich verhielt es sich bei der Einschätzung zur mobilen Kommunikation. Zugegeben, bei allen diesen Innovationen handelt es sich um wirklich praktische Erfindungen, die unser Leben einfacher machen. Man kann streiten, ob das bei Digitalwährungen der Fall ist. Aber: nur, weil der Nutzen nicht sofort erkannt wird, heißt das nicht, dass er nicht existiert. Der Zusatznutzen von Automobilen gegenüber anderen Beförderungsmitteln wurde anfangs ebenso bezweifelt. Der Grund dafür ist einfach. Eine Innovation ist zunächst mit Fehlern behaftet. Erst nach vielen Jahren der Entwicklung sind die Fehler soweit beseitigt, dass die Innovation tatsächlich konkurrenzfähig wird. Und man muss sagen, an Fehlern mangelt es den Digitalwährungen nicht.

Die Insolvenz von MtGox ist letztlich ein Höhepunkt des Scheiterns nach einer Reihe zahlreicher Fehler. Betrachtet man die Preise für Bitcoins an den unterschiedlichen Handelsplätzen, dann ist das ein Paradies für Arbitrageure. Das ist natürlich ein Fehler, der sich beheben lassen wird. Das funktioniert an „normalen“ Börsen ja auch. Neben solchen eher fadenscheinigen Argumenten sind Zweifel an der Praktikabilität der Währung durchaus angebracht. Der Wert der Währung schwankt so stark, dass das Vermögen einer Person stündlich massiv an Wert verlieren oder gewinnen kann. Erhält man sein Gehalt in Euro, dann weiß man wenigstens so ungefähr, was man hat. Würde das Gehalt in Bitcoins gezahlt, würde man in einem Monat um umgerechnet 1.000 Euro arbeiten, im nächsten vielleicht um 10.000 oder gar 100.000. Das ist in der Tat nicht sehr praktikabel, auch wenn sich wahrscheinlich jeder über den „Lottogewinn“ eines Bitcoingehaltes freuen würde, wenn es gerade im nächsten Spekulationsrausch der Anleger ausgezahlt würde (vor allem auf dem linearen Chart ist der massive Anstieg des Dollargegenwertes gut zu erkennen).

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Inflation an neuen Digitalwährungen

Die Liste an Problemen lässt sich fast beliebig fortführen. Besonders bedenklich sind da zum Beispiel die Anzahl neuer Digitalwährungen. Bitcoins mögen die bekannteste sein, aber bei weitem nicht die einzige. Fast täglich kommen neue Digitalwährungen auf den Markt. Das stimmt nicht gerade zuversichtlich, wenn es um die Wertbeständigkeit des eigenen Vermögens geht. Stellen Sie sich nur vor, Gold wäre aktuell das einzige Zahlungsmittel, doch morgen würden auch Silber und Kupfer akzeptiert, übermorgen dann Eisen, darauffolgend Öl, Holz, Baumwolle, Weizen usw. Immerhin, es handelt sich dabei noch um Rohstoffe, die vielleicht eine gewisse Legitimität haben. Bleibt man beim bekannten Papiergeld, könnte irgendwann jeder kommen, ein Blatt Papier nehmen und eine Zahl darauf schreiben. Dass so etwas nicht funktionieren wird, scheint klar. So etwas kann nur funktionieren, wenn es einen effizienten Markt für diese beliebig vielen erfundenen Währungen gibt. Von einem effizienten Markt sind wir noch ein Stück entfernt. Ist der anfängliche Goldrausch aber erst einmal vorbei, dann ist vorstellbar, dass vielleicht 100 Digitalwährungen übrig bleiben. Das ist deutlich weniger als es heute an Währungen auf der Welt gibt. Das könnte durchaus funktionieren.

Es stellen sich natürlich nach wie vor auch andere drängende Fragen. Digitalwährungen haben keinen Währungsraum. Das klingt banal, wirft aber viele Fragen in Bezug auf Zahlungsmodalitäten aus. Habe ich mich z.B. für die Digitalwährung Ripple entschieden, wie soll ich dann in einem Geschäft zahlen, welches nur Bitcoins akzeptiert? Das sind zahllose Praktikabilitätsprobleme, die auftauchen, wenn man nach wie vor das Bild der herkömmlichen Währungen im Kopf hat. Denn tatsächlich muss nur eine einzige Voraussetzung erfüllt sein, um alle diese Probleme zu umgehen. Man braucht eine Infrastruktur, die digitales Zahlen erlaubt. Das kann man sich wie ein Kreditkartensystem vorstellen. Mit einer Kreditkarte kann ich ja auch in jedem beliebigen Währungsraum zahlen. In diesem Fall ist der Währungsraum nur halt kein Land, sondern z.B. ein Geschäft, welches sich für eine Währung entschieden hat. Da bei Digitalwährungen so gut wie keine Transaktionskosten anfallen und auch der Transfer von Geld augenblicklich 24 Stunden an 7 Tagen in der Woche funktioniert, wäre diese Form der Abwicklung deutlich effizienter als bisherige Verfahren.

Sicherheit: Das A und O

Das ist soweit schön und gut. Aber was ist mit der Sicherheit? Mein Geld soll ja nicht gestohlen werden bzw. soll mein Vermögen ja nicht weg sein, wenn sich die Bereitsteller einer Währung dazu entschließen, die Währung „einzustellen.“ Das sind Bedenken, die man ernst nehmen muss. Man hat ja gesehen, was nach der Insolvenz von Mt.Gox passiert ist. Mehrere Prozent des gesamten weltweiten Bitcoinbestandes sind aktuell vom Markt genommen. Auch hier sollte man sich vom Bild der herkömmlichen Währungen verabschieden. Digitalwährungen gehören niemandem im Sinne eines Staates oder Organisation, die sich dafür entscheiden können, eine Währung einzuziehen, abzuwerten usw. Digitales Geld kann auf dem persönlichen Computer verwahrt werden. Dort, wo der Staat, zumindest theoretisch, keinen Zugriff hat. Wer sein Geld gerade auf einem Handelskonto hat dessen Betreiber insolvent ist, hat natürlich Pech gehabt. Das sind Probleme, die sich erst mit der Zeit überwinden lassen werden. Marktkräfte werden dafür sorgen, dass sich die Spreu vom Weizen trennt. Mt.Gox ist gescheitert. Das kommt einer Marktbereinigung gleich und ist im Sinne des effizienter werdenden Marktes zu begrüßen. Ansonsten hat es sehr viele Vorteile, dass es keine steuernde Instanz hinter der Währung gibt. Der Staat kann Geldvermögen nicht beschlagnahmen oder entwerten. So etwas wie Kapitalverkehrskontrollen werden schwer durchsetzbar sein. Das hat natürlich auch Nachteile. Zypern wurde mit der Bedingung gerettet, dass Bürger enteignet werden. Das geht in Zukunft nicht mehr. Der Nachteil darin bleibt mir aber verborgen. Ganz im Gegenteil sogar: ich hafte nicht mehr mit meinem Vermögen für das Versagen anderer. Gerade in Zypern wurden Bürger so behandelt, als seien sie Eigner der Banken. Als Person bin ich auf Banken angewiesen, um mein Geld aufzubewahren, mein Gehalt zu erhalten, Zahlungen abzuwickeln. Wenn Banken nun aber Mist bauen und in die Insolvenz gehen, dann hafte ich auf einmal mit meinem Vermögen. Das ist ein Skandal, der mit Digitalwährungen nicht mehr vorkommen kann. Kommen Digitalwährungen aus den Kinderschuhen heraus, dann schätze ich die Gefahren einer Digitalwährung geringer ein als das Aufbewahren meines Geldes bei einer herkömmlichen Bank.

Viele Sicherheitslücken müssen geschlossen werden bis eine Digitalwährung mit herkömmlichen Systemen konkurrieren kann. Das ist jedoch lediglich eine Frage der Zeit und man darf sich nicht der Illusion hingeben, das heutige System sei sicher. Regelmäßig werden Konten leergeräumt oder von Millionen Konten Kleinstbeträge abgebucht. Kreditkarten werden gestohlen, online Banking geknackt usw.

Akzeptanz als Zahlungsmittel

Die Akzeptanz von Digitalwährungen ist noch ein Problem. Konsumenten sind hier weiter als Unternehmen. Aber auch dieses Hindernis ist nur vorübergehend. Es ist deutlich günstiger für Unternehmen, Transaktionen über Digitalwährungen abzuwickeln, was sich auf die Margen auswirkt. Digitalwährungen ermöglichen es, Intermediäre wie Banken oder Kreditkartenfirmen auszuschalten. Das hat Vorteile für Konsumenten und Unternehmen. Zudem kann jeder Zahlungsstrom jederzeit und sofort erfolgen. Das sind unbestreitbare Vorteile.

Noch überwiegen die Schwachstellen

Es besteht kein Zweifel daran, dass Digitalwährungen noch viele Schwachstellen haben. Es wirkt aktuell sehr anarchisch. Ist das System aber erst einmal ausgereift, dann können Konsumenten von vielen Vorteilen profitieren: es wird billiger (Intermediäre werden ausgeschaltet), sicherer (Staat hat kein Zugriff auf das Geldvermögen), schneller (sofortige Transaktion möglich), es gibt keine Währungsräume mehr (ein Kostenpunkt), Transaktionen können direkt abgewickelt werden (keine Intermediäre), Digitalwährungen sind anonymer (kein Zugriff Dritter auf Daten – sieht man mal von illegalen Zugriffen ab). Die Nachteile liegen vor allem bei Banken, Zentralbanken und Staat. Geldwäsche, Steuerhinterziehung usw. werden nie so einfach sein wie zu Beginn der Digitalwährungen. Aller Anfang ist schwer. Das gilt auch für diese Innovation. Bis der Markt effizient ist, wird es weiterhin starke Wertschwankungen geben. Viele stört zudem, dass kein Staat hinter den Währungen steht. Immerhin garantieren diese eine gewisse Stabilität, Regulation und intrinsischen Wert (durch Staatsvermögen und Steuereinnahmen). Kurzfristig ist das absolut korrekt. Langfristig muss man nur einen Blick auf die Historien von Währungen werfen, um zu sehen, dass das Wichtigste überhaupt, der Schutz des eigenen Vermögens, durch staatliche Willkür eher gefährdet denn geschützt ist.

Ich will damit nicht sagen, dass Digitalwährungen zweifelsfrei besser sind als herkömmliche Währungen. Vor allem Fragen der Geldpolitik bleiben derzeit noch unbeantwortet. Eine Wirtschaft über Quantitative Easing zu retten dürfte mit Digitalwährungen schwierig werden, da es keine Autorität mehr gibt, die Geld drucken kann. Das hat Vor- und Nachteile. Bedenkt man, dass Papiergeld noch eine relativ neue Erfindung ist und die Menschheit viele Jahrhunderte andere Zahlungsmittel wie Gold verwendete, dann kann aber auch dieses Problem gewiss überwunden werden.

Die Idee hat aber einen gewissen Reiz und tatsächlich viele Vorzüge. Persönlich würde ich mein Geld derzeit keinesfalls in eine Digitalwährung tauschen. In 5 Jahren mag das anders sein, wenn sich abzeichnet, dass die Vorteile wirklich vorhanden und die Probleme der Anfangszeit überwunden sind. Ich bin also durchaus skeptisch, was den Erfolg angeht. Eine Innovation von Anfang an aber zu verteufeln halte ich für falsch. Digitalwährungen haben das Potential eine der größten Innovationen überhaupt zu sein. Man kann sich dagegenstellen. Man kann von Digitalwährungen halten, was man will. Das ist jedem selbst überlassen. Bei aller Kritik sollte man die Möglichkeit eines Erfolgs aber nicht ausschließen. Wer das tut, verschläft möglicherweise eine Innovation wie z.B. das Handy oder den Computer.

Beste Grüße

Clemens Schmale

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