Am Sonntag veröffentlichte Harald einen kleinen Beitrag zum Thema Short-Selling (siehe hier) und zufälligerweise saß auch ich gerade an einem „Handelssystem“, mit dem ich Marktschwünge etwas genauer unter die Lupe nehmen wollte. Dazu griff ich auf den sogenannten Donchian-Channel zurück, der letztlich nichts anderes als ein Band um die aktuellen Kurse legt, wobei das höchste Hoch und tiefste Tief der betrachteten Periode herangezogen wird.

Dieser Indikator dürfte Berühmtheit erlangt haben, als die Turtle-Trader in den achtziger Jahren mit diesem viel Geld verdienten. In der folgenden Abbildung sehen Sie den Dax-Tageschart mit einem 10-Tageskanal. Die untere Linie beschreibt das tiefste Tief der letzten zehn Tage, während die obere Begrenzung das jeweils höchste Hoch der letzten zehn Tage zeigt.

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Die Kurse schwingen!

Wie in diesem Chart schön zu erkennen ist, schwingen die Kurse immer wieder vom höchsten Hoch zum tiefsten Tief. In Abhängigkeit davon, ob die Extrempunkte steigen oder fallen, ergibt sich ein Aufwärtstrend bzw. Abwärtstrend. Die Bewegungen innerhalb des Bandes spiegeln ein essenzielles Gesetz an der Börse wider. Fakt ist, dass auf jede Aktion immer auch eine Reaktion folgt oder anders formuliert, Kurse werden nicht ewig steigen oder ewig fallen, sondern es wird immer wieder auch Gegenbewegungen geben.

Zu 100 % Recht und trotzdem kein Geld verdient?

Im abgebildeten Chartausschnitt ist der Crash vom März 2020 zu sehen. Wer hier Short positioniert war, dürfte enorm viel Geld in kürzester Zeit verdient haben. Solche Ereignisse und die Tatsache, dass Kurse nicht ewig steigen können, führen bei vielen Tradern dazu, sich gerne auch gegen einen laufenden Bullenmarkt zu stellen. Früher oder später wird es eine Korrektur geben müssen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Rein statistisch gesehen hat man also eine Wahrscheinlichkeit von 100 % auf seiner Seite, denn wie wir alle wissen, können die Kurse nicht ewig steigen. Das Problem bei dieser Betrachtungsweise ist jedoch, dass trotz 100 %iger Wahrscheinlichkeit nicht gesagt ist, dass wir mit dieser Denkweise Geld verdienen können. Steigen wir nämlich zu früh in eine Shortposition ein, mag es irgendwann zwar zur sicheren Korrektur kommen, diese muss aber nicht wieder zurück bis auf unseren (zu) frühen Einstiegspreis laufen. Die Annahme, dass der Markt korrigieren muss, wird dann zwar bestätigt, verdient hat der Trader aber nichts.

Ein im Chart zu sehendes Beispiel war die Kaufwelle Mitte Mai. Die Kurse stiegen ausgehend von 10.160 Punkte nahezu täglich auf ein neues Hoch an. Die Kraft der Bullen reichte für einen Sprint bis auf fast 13.000 Punkte, bevor es zu einer mehrtägigen Korrektur kam. Da dieser aber nur bis auf ca. 11.600 Punkte reichte, blieben Shorttrader, die tiefer eingestiegen sind, im Minus. Aber auch für Trader, die erst Ende Mai shorteten, blieb nicht viel übrig.

Lohnt sich das Shorten im Dax?

So weit zu ein paar Grundüberlegungen, aber wie sieht es jetzt nachweislich im DAX mit Swings aus, auch auf der Shortseite? Mit Hilfe des Donchian-Kanals können wir dieser Frage nachgehen. Im ersten Schritt stieg ich zum Schlusskurs des Tages Long ein, an dem der Dax beispielsweise ein neues 10-Tagestief erreichte. Sobald der Kurs auf ein neues 10- Tageshoch anstieg, drehte ich die Position auf Short. Im Rahmen eines Systemtests ließ ich die Periode des Donchian-Channels bis hin zu 250 Handelstagen in 5er Schritten variieren.

Im Ergebnis gab es durchaus profitable Handelsansätze. Die Frage war jedoch, woher die Gewinne stammten. Deshalb testete ich die Shortseite separat. Das Ergebnis ist erschütternd (siehe folgende Abb.). Im Grunde gibt es keine profitable Einstellung, bei der es sich lohnt, mit Erreichen des oberen Bandes short zu gehen und die Position bis zum unteren Band zu halten. Formal präsentiert sich zwar das 5-Tagesband als profitabel, wenn wir bei fast 400 Trades über die letzten 20 Jahre aber Gebühren und Co. hinzuziehen, bleibt davon nichts übrig. Aber selbst wenn, würde kein Mensch diesen Ansatz handeln, da die Profitabilität einfach viel zu gering ist (siehe Profitfaktor).

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Bringen wir es auf den Punkt. Das Shorten von Aktien scheint gefährlich. Natürlich gibt es immer wieder Aktien, die auch in langfristigen Abwärtstrends unterwegs sind. In der Summe aber könnte es problematisch werden, Aktien pauschal zu shorten. Sinnvoller scheint es, Aktien eher long zu handeln. Darauf deutet zumindest der hier gemachte Test hin. Ohne Zweifel hegt aber auch dieser Test keinen Anspruch auf die absolute Wahrheit und legt weitere Tests nahe. Diese werden wir uns jedoch für später aufheben. Auf Basis der bisherigen Erkenntnisse bleibt eine Richtlinie übrig: konzentriere dich beim Aktientrading eher auf die Longseite.

Viel Erfolg

Rene Berteit