Der Deutsche Aktienindex startete heute mit einem schönen Sprung in den Tag.

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    Sogenannte Gaps sind eigentlich keine Seltenheit und treten relativ häufig auf. Je nach betrachteter zeitlicher Ebene kann man sagen täglich, denn es kommt extrem selten vor, dass der DAX den neuen Tag genau an dem Punkt startet, an dem er am Vortag aus dem Handel gegangen ist. Viele dieser Gaps sieht man als Trader des Tagescharts jedoch nicht, denn um dort ein echtes Gap auszubilden, muss der Eröffnungskurs komplett außerhalb der Preisspanne des Vortages liegen und idealerweise den gesamten Tag über offen bleiben. Nur so entsteht eine echte (offene) Lücke zwischen den Kerzen.

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    Seit dem Jahr 2000 bspw. gab es im DAX 618 Tage mit einem Aufwärtsgap, also Tage, an denen der DAX oberhalb des Vortageshochs in den neuen Handelstag startete. Eine spannende Frage ist, wie es einem Trader ergehen würde, der nach einem Aufwärtsgap direkt zur Eröffnung Long gehen würde. Warum Long? Nun, weil man den Sprung über Nacht als bullischen Ausbruchsimpuls werten könnte, klingt doch logisch, oder? Die Statistik zeigt aber, dass ein Trader dieser Idee in 68% der Fälle einen Verlust zu verzeichnen hätte. Entweder, weil das Gap komplett geschlossen wird oder aber weil der Tagesschlusskurs unterhalb des Eröffnungskurses liegt. In der Mehrzahl der Fälle gibt es über den Tag hin also eine gewisse bärische Tendenz - zumindest zum Schlusskurs hin.

    Die Strategie für den heutigen Tag wäre damit klar: Short! Aber ich glaube, nicht nur ich hätte dabei einige Bauchschmerzen, oder? Gehen wir diesen auf den Grund, werden wir zu dem Schluss kommen, dass es auch bei Gaps Unterschiede gibt – und zwar welche, die die Statistik wahrscheinlich stark beeinflussen. Da wäre bspw. die Frage, ob nicht die Lage des Gaps im Kursgeschehen selbst einen Einfluss darauf hat, ob es sich lohnt, ein Aufwärtsgap direkt zu kaufen oder nicht. Man könnte sich vorstellen, dass dies in einem Bullenmarkt eher funktioniert, als in einem Bärenmarkt. Analog dürfte auch die Größe des Gaps eine Rolle spielen. Dass letzteres der Fall ist, zeigt die folgende Abbildung.

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    Auf der X-Achse ist die Gapgröße abgetragen und auf der Y-Achse die Wahrscheinlichkeit dafür, dass wir einen Longtrade zur Eröffnung auch mit einem Gewinn zum Schlusskurs beenden können. Interessant ist, dass wir bis zu einer Gapgröße von 36 Punkten eine steigende Chance haben, einen Longtrade im Gewinn zu schließen. Das Gap wird also weder geschlossen, noch liegt der Schlusskurs des Gaptages unterhalb des Eröffnungskurses. Ist das Gap größer als 36 Punkte, nehmen die Risiken für Longtrader wieder zu. Das Gap muss zwar nicht geschlossen werden, aber die Wahrscheinlichkeit, dass wir einen Tagesschlusskurs unterhalb der Eröffnung sehen (rote Kerze), steigt. Daraus könnte man für den heutigen Handelsverlauf bspw. ableiten, dass wir Intraday eine bärische Tendenz bekommen könnten. Wenn unsere Taktik, ein Aufwärtsgap zu kaufen, nur eine Chance von 40% auf einen Gewinn hat, liegt sie im Falle einer Shortposition oberhalb der Eröffnung immerhin bei etwas über 60%.

    Ebenfalls interessant, wenn auch aus der Grafik nicht direkt abzulesen, ist, dass durch Einführen einer Mindestgapgröße von 5 Punkten schon eine ganze Reihe von Gaps herausfallen. Von den 618 ursprünglichen Gaps sind jetzt nur noch 471 übrig. Ein großer Teil der weggefallenen Aufwärtsgaps stammen zudem aus Bärenmärkten, so dass man sagen kann, dass in solchen Aufwärtsgaps von mindestens 5 Punkten seltener vorkommen. Auch nicht verkehrt, dies zu wissen.

    Untersuchen wir abschließend auch noch den zweiten Aspekt und betrachten Aufwärtsgaps hauptsächlich im Bullenmarkt. Zu erwarten wäre, dass sich unsere Chancen auf einen Gewinn verbessern sollten. Tritt in einem Aufwärtstrend ein Aufwärtsgap auf und wir gehen long, sollte die Wahrscheinlichkeit, dass das Gap offen bleibt und wir einen höheren Schlusskurs als Eröffnungskurs haben (weiße Kerze), zunehmen. Also schauen wir uns einmal die Statistik an, wobei wir mit dem Momentum einen einfachen Trendfilter benutzen. Ein 200-Tagemomentum untersucht, ob der heutige Schlusskurs über oder unter dem vor 200 Tagen liegt. Liegt er darüber, definieren wir einen Bullenmarkt, liegt er darunter, einen Bärenmarkt. Mit der Länge des Momentums können wir spielen, um das Gapverhalten bei unterschiedlichen Trendlängen zu untersuchen. Gleichzeitig setzen wir eine Mindestgapgröße von 5 Punkten an.

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    Wie die Auswertung zeigt, kommt es trotz Trendfilter nicht zu größeren Verwerfungen gegenüber unseren bisherigen Erkenntnissen. Egal ob wir ein Aufwärtsgap in einem kurzfristigen oder längerfristigen Bullenmarkt direkt zur Eröffnung Long handeln, die Chance dafür, einen Gewinn an diesem Tag zu erzielen, liegt um die 40%. Oder anders formuliert, in ca. 60% der Tage mit einem Aufwärtsgap, wird dieses entweder komplett geschlossen oder aber wir sehen einen Tagesschlusskurs unterhalb der Eröffnung.

    Live können wir heute verfolgen, in welche Rubrik sich das aktuelle Gap einordnen wird. Statistisch gesehen ist es jedenfalls wahrscheinlicher, dass das Gap geschlossen oder aber zumindest der heutige Schlusskurs unterhalb der Eröffnung liegen wird. Im Mittel liegen wir mit dieser Einschätzung in 60 von 100 Tagen richtig, die Frage ist nur, haben wir heute einen dieser 60 Tage? Es ist schon eine Krux mit der Wahrscheinlichkeit. Trotz "genauer" Bestimmung, sind wir hinsichtlich eines ganz konkreten Tages kein Stückchen schlauer.

    Viel Erfolg

    Rene Berteit