Im ersten Teil unserer Know How Reihe zum Thema Risiko ging es um den Einfluss dessen auf die eigenen Emotionen und wie diese quasi „um die Ecke“ auf die Perfomance wirken können, leider nicht gerade positiv. Vor diesem Hintergrund besprachen wir mit dem ruhigen Herantasten an die eigene Komfortzone eine Möglichkeit, die drohende Risikofalle zu umgehen. Was in der Theorie aber so unendlich sinnvoll klingt, wird in der Praxis schnell verworfen. Wer klein anfängt, kann natürlich zunächst auch nur kleine Renditen erwarten. Zudem braucht jeder Lernprozess seine Zeit und beides kollidiert nicht selten mit den Vorstellungen der Trader vom schnellen Geld bei möglichst wenig Aufwand. Und so ist die Versuchung groß, über erhöhte Risiken eine Abkürzung nehmen zu wollen. Widerstehen Sie diesem Drang und Sie werden nicht nur schneller, sondern auch ruhiger Ihre Ziele erreichen können.

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Aber an was genau soll sich der Trader langsam herantasten? Was steckt im Detail hinter dem oft strapazierten Risikobegriff? Angenommen, Sie sehen in der Commerzbank Aktie (Abb. 1) nach den Erholungsgewinnen der letzten Tage am Widerstandsbereich um 1,45 Euro neues Abwärtspotential und entschließen sich, die Aktie zum aktuellen Kurs von 1,40 Euro zu shorten. Sie setzen also auf weiter fallende Kurse und zur Absicherung dieser Idee platzieren Sie einen Stopploss bei 1,47 Euro. Aus dieser Konstellation heraus riskieren Sie mit jedem CFD Short in Ihrem Depot, einen Verlust von je 0,07 Euro. Aus der Multiplikation dessen mit der Gesamtzahl der CFDs, ergibt sich das Geldrisiko dieses Trades. Dabei sollten nur so viele CFDs Short ins Depot gelegt werden, wie die eigene Risikokomfortzone, also der Bereich, in dem Sie emotional ausgeglichen den Trade abwickeln können, zulässt. Dabei spielt es keine Rolle, was Sie im Internet oder in Büchern als Tipps zum optimalen Risiko pro Trade gelesen haben. Die in diesem Zusammenhang oft anzutreffende Empfehlung, ein Prozent des Kontostandes pro Trade zu riskieren, kann für risikoscheue Trader schon weit über das Ziel hinausschießen. Traden Sie mit dem Risiko pro Trade, mit dem Sie sich wohl fühlen.

Risikokontrolle geht dabei grundsätzlich vor Rendite, was jedoch gerade bei kleineren Tradingkonten einige Probleme mit sich bringt. Wer mit einem 10.000 Euro Konto handelt und aufgrund seiner eigenen Risikoneigung eine Komfortgrenze bei 0,5 % des Tradingkontos hat, kann sich 714 Short CFDs auf die Commerzbank Aktie ins Depot legen (714 CFD x 0,07 Euro Risiko pro CFD = 50,00 Euro Gesamtrisiko = 0,5 % des Kontostandes), jedoch fressen bei so kleinen Positionen die Gebühren einen großen Teil der Gewinne wieder auf. Die richtige Reaktion darauf wäre, sich einen besseren Broker und/oder kostengünstigeren Markt zu suchen bzw. das Tradingkonto anderweitig aufzustocken. Darüber hinaus kann die eigene Komfortzone in kleinen Schritten mit viel Training ausgebaut werden, aber auch das wird seine Zeit und Energie brauchen. Wer jedoch versucht, sofort über deutlich außerhalb der eigenen Komfortzone liegende Risiken eine Abkürzung zu nehmen, läuft große Gefahr, genau das Gegenteil zu erreichen.

Sich nur auf einen, den nächsten Trade zu konzentrieren und mit diesem innerhalb der eigenen Risikokomfortzone zu agieren, ist wichtig, reicht jedoch nicht aus. Jeder Tradingtaktik ist gemein, dass diese „gute Zeiten und schlechte Zeiten“ durchlebt. Es wird Phasen geben, in denen Sie mehrfach hintereinander verlieren bzw. das gesamte Portfolio aus mehreren Einzelpositionen gleichzeitig die für Sie „falsche Richtung“ einschlägt. Ein risikofreudiger Trader mag mit Blick auf seine Komfortzone von zwei Prozent des Kontostandes bei einem einzelnen Trade zwar in der Lage sein, einen solchen Trade problemlos abzuwickeln, aber spannend dürfte es werden, wenn sich im Depot des Traders gleich fünf oder mehr Werte mit diesem Risiko befinden. Das Einzelrisiko summiert sich dann schon auf 10 % des Kontos und wehe die Kurse laufen nicht wie gewünscht. Den gleichen Effekt kann auch die zeitliche Abfolge von Verlusttrades mit sich bringen. Einmal zwei Prozent des Kontos zu verlieren, ist für risikofreudigere Trader sicher kein Problem. Was aber, wenn drei, vier, fünf oder noch mehr Verlusttrades hintereinander folgen? Hochspannend mit meist fatalem Ausgang dürfte die Kombination beider Faktoren werden.

Ein professioneller Trader muss also in der Lage sein, nicht nur einen, sondern jeden Trade seiner Taktik diszipliniert umsetzen zu können. Dies wird nur möglich sein, wenn die Verluste, die aus einer Serie von Minustrades in Folge entstehen können, immer noch in der eigenen Komfortzone liegen. Aufgabe eines jeden Traders ist es folglich, die Risiken der Taktik abzuschätzen, diese mit der eigenen Komfortzone zu vergleichen und darauf aufbauend, die passenden Positionsgrößen zu wählen. Einen guten Überblick über die Gesamtrisiken Ihres Tradings gibt die Performancekurve. Abbildung 2 zeigt bspw. den Kontoverlauf einer Tradingtaktik. Jeder Rückgang im Konto bezeichnet einen sogenannten Drawdown und einige dieser sind in der Abbildung mit einem roten Rahmen gekennzeichnet. Wichtig für die Bestimmung des Risikos ist vor allem der sogenannte maximale historische Drawdown. Dieser bezeichnet den größten prozentualen Einbruch im Konto zwischen zwei Hochpunkten. Im Falle unseres Beispiels entspricht dies dem ersten Rechteck, wobei der Drawdown ca. 11 % betrug.

An dieser Stelle wird deutlich, wie wichtig die eigenen Tradingaufzeichnungen beziehungsweise Backtests im Trading sind. Denn nur aus diesen heraus können Sie historische Drawdowns ermitteln und damit das Risiko Ihres Tradings abschätzen. Wichtig ist an dieser Stelle der Hinweis, dass natürlich auch die über die eigenen Aufzeichnen und/oder die Backtests ermittelten Drawdowns einem gewissen Risiko unterliegen. Davon auszugehen, dass einem der größte Drawdown noch bevorsteht, ist durchaus vernünftig.

Anhand historischer Drawdowns können wir unser Risiko nun weiter feintunen. Unser Ziel ist es, die Positionsgrößen so zu wählen, dass wir unsere Handelsstrategie sowohl emotional als auch technisch problemlos umsetzen können. Technisch wird dies nicht mehr möglich sein, wenn Sie ein Risiko wählen, das im Laufe der Zeit einen so großen Drawdown produziert, dass Sie de facto pleite sind. In unserem Beispiel hatten wir bis dato einen maximalen Drawdown von 11 Prozent zu verkraften. Unter der Annahme, dass uns der größte Drawdown noch bevorsteht, scheint es nicht abwegig, mit Drawdowns von 15 – 20 Prozent zu rechnen. Würde der Trader getrieben von seiner Gier auf die glorreiche Idee kommen, die Positionsgrößen deutlich zu erhöhen, würde auch der Drawdown entsprechend wachsen. Eine Verfünffachung der Positionsgröße hinterließe einen so großen Einbruch im Konto, dass der Trader handlungsunfähig werden würde und so nicht mehr in der Lage wäre, die schwierige Phase zu überstehen, um dann in den guten das Konto ins Plus zu bringen. In der Praxis wird dabei nicht erst ein 100-Prozent-Verlust des Kontos die technische Handlungsunfähigkeit bedeuten, sondern je nach Kontogröße, Tradingstil und Markt könnten die Marginleistungen für das Eröffnen neuer Positionen vielleicht schon bei 50-60 % Verlusten nicht mehr erfüllt werden können.

Die technisch maximal möglichen Risiken bis zur Handlungsunfähigkeit zu kennen ist wichtig und sollten nicht unterschätzt werden, dürften jedoch noch deutlich oberhalb der eigenen Risikokomfortzone liegen. Das eigene Konto mag in Kombination mit dem eigenen Tradingstil einen Drawdown von 75 % verkraften, die meisten Trader dürften bei solchen Verlusten jedoch alles andere als emotional ausgeglichen sein. Aber genau das ist wichtig, um die Vorteile seiner Tradingstrategie auch nutzen zu können, denn nur dann können die damit verbundenen Regeln auch diszipliniert umgesetzt werden. Insofern muss jeder Trader seine emotionale Belastungsgrenze auslosten. Gerne werden nicht nur bezüglich dieser Problematik allgemeine Tipps von Profis in Empfang genommen, jedoch sollten Sie sich auch hier die Zeit nehmen, Ihre persönliche Grenze herauszufinden. Allgemeine Empfehlungen maximal einen Drawdown von 20 % zuzulassen, dürften nur mit Glück Ihrer eigenen Komfortzone entsprechen. Was dem einen lieb ist, ist dem anderen gerade noch recht und einem dritten schon viel zu teuer. Schauen Sie auf Ihr bisheriges Trading und spielen Sie die verschiedensten Varianten durch. Können und wollen Sie es sich wirklich leisten, 5, 10,20 oder mehr Prozent Ihres Kontos zwischenzeitlich zu verlieren? Nur Sie alleine kennen die Antwort. Mit dieser Zahl im Kopf können Sie nun die entsprechende Rückrechnung machen, wie groß das Risiko eines einzelnen Trades sein darf, damit die selbst gesteckte Drawdowngrenze nicht überschritten wird. Vergessen Sie an dieser Stelle nicht, diese in Einklang mit Ihrer Komfortzone für das Risiko eines einzelnen Trades zu bringen.

Fazit: Sofern Sie keine Glaskugel zuhause herumstehen haben, mit der Sie die nächsten Börsenkurse vorhersagen können, sind die Möglichkeiten des Traders, seinen Erfolg zu steuern arg beschränkt. Das Risiko pro Trade, in der letzten Konsequenz also die Wahl der Positionsgröße ist eine dieser Stellschrauben, wenn nicht sogar die wichtigste. Wer große Positionen handelt, kann zwar viel gewinnen, aber auch alles verlieren. Als professioneller Trader sollten Sie sich also ausgiebig mit dem Thema Risiko beschäftigen. Die eigene Komfortzone sowohl mit Blick auf das Risiko eines einzelnen Trades als auch mit Blick auf das gesamte Tradinggeschäft auszuloten und dann auch innerhalb dieser zu handeln, kann den Unterschied zwischen einem Gewinner und Verlierer an der Börse darstellen. Das Ausloten der eigenen Komfortzone wird Ihnen keiner abnehmen können, denn jeder Trader geht mit anderen Bedingungen an den Start. Es wird seine Zeit brauchen, im Wohlfühlbereich angekommen zu sein, Zeit, die Sie sich nehmen sollten, denn eine Abkürzung zu Ruhm und Reichtum gibt es auch an der Börse nicht, sofern Sie sich nicht nur auf Ihr Glück verlassen wollen. Schützen Sie dabei die Basis Ihres Erfolges, Ihr Kapital und tasten sich langsam von unten an Ihre Grenzen heran.

Über den Autor:

Rene Berteit beschäftigt sich seit 1999 intensiv mit den Finanzmärkten und dem Trading von Aktien, Währungen, Rohstoffen und den wichtigsten Indizes. Während der Riesenhausse bis ins Jahr 2000 stand für die meisten Trader Verlieren nicht auf der Agenda. Egal was man kaufte, es stieg. Dies lockte auch den BWL-Studenten Rene Berteit an die Märkte. Er platzierte die ersten Orders – mit Erfolg . Doch mit Ende des Hypes im Neuen Markt kam auch für ihn die Zeit der Qualen. Dennoch beschäftigte er sich neben dem Studium und während der späteren Tätigkeit als Logistikleiter jede freie Minute mit Märkten und Strategien und sammelte so ein breites Know-how. Sein Spezialgebiet: der kurzfristige Handel – das so genannte Daytrading – von Dow Jones, DAX und dem Währungspaar Euro/US-Dollar.Seine Erfahrung kommt auch den Teilnehmern des von ihm seit 2007 bei GodmodeTrader betreuten Ausbildungs-Services zugute.