Erfunden wurde das Papiergeld im alten China. Als Papiergeld in Europa noch völlig unbekannt war, hatte es sich in Asien bereits weiträumig durchgesetzt. Auf seinen Reisen durch Asien begegnete auch der italienische Entdecker Marco Polo im 13. Jahrhundert dieser für Europäer zur damaligen Zeit unglaublichen Erfindung. Statt werthaltige Metalle als Zahlungsmittel einzusetzen, wie in Europa üblich, wurde im damaligen Mongolenreich, dem größten Reich der Weltgeschichte, zu dem auch China gehörte, die keinesfalls seltene Rinde von Maulbeerbäumen als Zahlungsmittel eingesetzt.

Auf seinen Reisen begegnete Marco Polo auch dem Großkhan des riesigen Mongolenreiches und Kaiser von China, Kublai Khan, und wurde zeitweise dessen Berater. Deshalb hatte Marco Polo einen genauen Einblick in die Geldproduktion - und warum Millionen von Menschen bereit waren, das eigentlich wertlose Material als werthaltig anzusehen. So beschrieb Marco Polo die Geldschöpfung in Canbaluc, dem heutigen Peking:

"In Canbaluc befindet sich die kaiserliche Münzstätte. Wenn man sieht, wie sie eingerichtet ist, könnte man sagen, der Kaiser kenne die letzten Geheimnisse der Alchemie.

Nun schildere ich euch die Geldfabrikation. Der Khan ordnet die Beschaffung von Rinde an, und zwar von den Maulbeerbäumen, deren Blätter bekanntlich den Seidenraupen als Nahrung dienen. Der Bast zwischen Rinde und Holz ist sehr fein, daraus lässt er schwarzes papierähnliches Material herstellen. Es sind Blätter, die folgendermaßen aufgeteilt werden: der kleinste Schein ist einen halben Groschen wert, der nächst größere einen ganzen. Dann gibt es größere Scheine, die einen halben Silbergroschen, und noch größere, die einen ganzen Silbergroschen gelten, diese entsprechen einem venezianischen Silbergroschen. Es werden auch Scheine zu zwei, fünf und zehn Groschen herausgegeben; und noch wertvollere zu einem, zu drei bis zu zehn Byzantiner-Dukaten. Alle Geldscheine werden mit dem Siegel des Großkhans versehen. Er lässt davon eine solche Menge herstellen, dass man alle Schätze der Welt kaufen könnte. Mit diesem Geld, das fabriziert wird, wie ich eben geschildert habe, wird alles bezahlt; in sämtlichen Provinzen, in jedem Königreich, im ganzen kaiserlichen Machtbereich ist es das einzige Zahlungsmittel. Sollte sich jemand weigern, es anzunehmen, droht ihm die Todesstrafe. Doch ich kann euch sagen, jeder einzelne, alle Völker des Reiches empfangen das Papiergeld gerne, denn wohin sie auch immer gehen, die Scheine gelten überall, die Leute erstehen damit ihre Waren, Perlen, Edelsteine und Gold und Silber. Alles und jeden können sie kaufen, die Scheine haben ihren Wert. Aber stellt euch vor: Ein Zehner-Byzantiner-Schein ist nicht einmal so schwer wie ein einziger Byzantiner-Dukaten.

Oft im Jahr kommen die Händler gruppenweise nach Canbaluc und bringen dem Kaiser Perlen, Edelsteine, Gold und Silber und andere wertvolle Sachen wie Gold- und Seidenstoffe. Der Großkhan ruft die zwölf Beamten zu sich. Diese sind für das Amt gewählt worden, die Waren der Kaufleute zu begutachten, einzuschätzen und den entsprechenden Wert in Papiergeld auszuzahlen. Die zwölf Kundigen untersuchen alles nach ihrem Gutdünken, setzen den Preis fest und entrichten ihn in Papierwährung. Die Kaufherren freuen sich über die Scheine, denn damit können sie kaufen, was ihnen beliebt und gefällt im Tatarenreich. Es ist die pure Wahrheit: mehrere Male im Jahr liefert die Kaufmannschaft Waren im Wert von ungefähr vierhunderttausend Byzantinern, der Kaiser vergütet alles in Papiergeld.

Aber hört weiter: Oftmals im Jahr wird in den Städten der Befehl bekannt gemacht, jeder Besitzer von Edelsteinen und Perlen, von Gold und Silber müsse alles zur kaiserlichen Münzstätte bringen. Jedermann gehorcht, und eine Unmenge von kostbaren Gegenständen sammelt sich an und wird in papierne Scheine umgesetzt. Auf diese Weise häufen sich edle Metalle und Steine aus dem ganzen Reich in den Schatzkammern des Großkhans.

Und noch etwas Wichtiges will ich euch mitteilen: Nach einer gewissen Zeit nützt sich das Papiergeld ab oder zerreißt; dann bringt man es zur Münzstätte und tauscht es gegen neue Scheine; drei Prozent werden dabei abgezogen. Und noch etwas: will sich jemand Gold oder Silber erstehen, etwa um kostspieliges Geschirr, Prunkgürtel oder sonst etwas Wertvolles anzufertigen, so kauft er mit Papiergeld die Edelmetalle in der kaiserlichen Münzstätte.

Nun versteht ihr, warum in keinem Schatzhaus der Welt so ein Reichtum anwachsen kann wie im Tatarenreich. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, alle Mächtigen unseres Jahrhunderts besitzen nicht so viel wie der Khan allein.

Was über die Papiergeldherstellung zu sagen ist, habe ich ausgeführt, und erzähle nun von den hohen Beamten, die der Kaiser von Canbaluc aussendet."

(Die Beschreibung von Marco Polo wurde zitiert nach: Die Wunder der Welt: Il Milione, Marco Polo, insel taschenbuch, ISBN: 978-3458346814)

Wie die Schilderungen von Marco Polo zeigen, zwang der Großkhan seine Untertanen dazu, werthaltige Materialien wie Edelsteine und Gold in der kaierlichen Münzstätte abzuliefern. Im Gegenzug erhielt der Einlieferer einen Fetzen eines papierähnlichen Materials vom Maulbeerstrauch, versehen mit dem Siegel des Großkhans. Die Akzeptanz des Papiergelds war eine Tributleistung, die die Untertanen gegenüber dem Großkhan zu leisten hatten.

Papiergeld konnte sich als Zahlungsmittel nur durchsetzen, weil es einen allmächtigen Herrscher gab, der unter Androhung der Todesstrafe verlangte, dass Papiergeld als werthaltig akzeptiert werden musste. Das war nicht nur im alten China und im riesigen Mongolenreich so, sondern auch bei späteren Papiergeld-Einführungen wie unter John Law im Frankreich des 18. Jahrhunderts.

Als Banknoten in Europa eingeführt wurden, waren sie zunächst häufig eine Art Gutschein: Sie verbrieften nur, dass an einer bestimmten Stelle, meistens bei einer Bank, ein bestimmter Geldbetrag in Form von Münzen hinterlegt war. Später verabschiedete sich das Papiergeld aber immer mehr davon, ein Art Gutschein für "echtes Münzgeld" zu sein und wurde vom Gutschein zum eigentlichen Zahlungsmittel.

Auch heute noch meinen viele Menschen, für jede Banknote sei bei einer Zentralbank ein bestimmter Betrag in Gold oder Silber hinterlegt. Seit der Abschaffung des Goldstandards ist das aber tatsächlich nicht mehr der Fall. Im heutigen sogenannten "Mindestreserve-System" existieren nur noch geringe Mengen an Edelmetallen bei Zentralbanken als Sicherheit. Währungen wie der Euro oder der Dollar sind Fiat-Währungen: Sie sind durch nichts gedeckt und haben keinerlei intrinsischen Wert – ganz egal ob es sich um Münzgeld, Papiergeld oder elektronisches Geld handelt. Akzeptiert werden sie letztlich nur, weil sie von den Menschen als werthaltig angesehen werden – auch wenn zur Durchsetzung der Akzeptanz von Papiergeld heute nicht mehr mit der Todesstrafe gedroht werden muss.


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