Was hat sich seit deinen Anfangstagen als Börsianer/Trader an den Weltmärkten geändert? Was war früher wichtig und ist es ggf. heute nicht mehr? Was ist heute wichtig?

Kursmuster, Kursformationen sind nicht mehr so tauglich wie vor fünf Jahren. Alles, was über Formationen in Büchern steht, funktioniert meist nicht mehr so, wie es einst niedergeschrieben wurde. Grund: Die Masse ist schlau geworden. Vielen stehen die Informationen darüber offen. Das wird dann zum Kontraindikator. Hier könnte ich eigentlich mal selber ein neues Buch schreiben, um die neuesten Erkenntnisse zu verbreiten.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus? Was macht dir besonders Spaß?

Ich beginne jeden Tag 7.30 Uhr, erstelle den DAX-Tagesausblick und das DAX Daily Video. Bis 9 Uhr erarbeite ich mir und meinen Lesern auch, was im Tagesverlauf an welcher DAX-Marke für wenige Stunden oder drei Tage zu handeln wäre. Besonders Spaß machen mir Webinare und das Erstellen von vielen kleinen DAX-Intraday-Chart-updates für die Leser und Abonnenten, damit sie stets eine engmaschige Orientierung auch für kürzeste DAX-Zeiträume bekommen. 16.30 Uhr beende ich dann meist meinen Tag, wobei ich allerdings über mein Smartphone mehrmals stündlich bis 22 Uhr an den Kursen dran bleibe, um gegebenenfalls noch mit einem späten Trade eingreifen zu können.

Wie bereitest du dich auf einen Handelstag vor? Machst du das überhaupt bzw. ist Vorbereitung sinnvoll?

Charting, Tradeplanung, Tradeumsetzung mit CRV, Riskomanagement und Moneymanagement. Das sind immer wieder die gleichen Mechanismen. Entweder spuckt der Chart etwas Brauchbares aus oder man muss warten. Nur wenn das Muster bekannt ist und die Fortsetzungserwartung und die Chance beherrschbar und ausreichend im Verhältnis zum Risiko, beginnt bei mir das Tradingkarussell zu arbeiten. Das gilt für alle Zeitebenen. Intuition verfeinert das Ganze. Intuition ist wichtig. Die meiste Zeit ist Warten! Das können offenbar nur wenige.

»Is there a life after trading?« Was machst du zum Ausgleich? Was macht Rocco Gräfe privat?

Ich schwimme, arbeite im Garten, informiere mich über das Smartphone über den Lauf der Welt, spiele Poker und verbringe Zeit mit der Familie, relaxe und versuche, gesund zu bleiben.

Wie würdest du deinen Handelsstil beschreiben?

Ich bin kurzfristiger, antizyklischer Kontertrader (immer gehebelt) für einen Lieblingszeitraum von wenigen Stunden bis zu drei Handelstagen. Ich versuche, kleine Rücksetzer aufzugreifen, wenn meine dafür methodisch festgelegte Marke erreicht ist. Dafür nutze ich Umsatzspitzen und das 61,8-Prozent- Retracement. Mein Gewinn pro Trade soll dabei +2 Prozent Depotwert ausmachen, bei einem Risiko von –1 Prozent Depotverlust, wenn der betreffende Einzeltrade nicht klappt.

Wie analysierst du den Markt, bevor du über einen Trade nachdenkst? Wie wählst du geeignete Tradingkandidaten aus?

Es gibt zwei Kriterien (Umsatz und/oder 61,8-Prozent-Retracement), die auftreten müssen, und die mögliche Gewinnstrecke muss dabei noch doppelt so groß sein wie der Abstand zur Stoppmarke.

Welche Märkte/Produkte oder Vehikel handelst du? Und warum?

Vorwiegend handele ich den DAX mit Knockout-Zertifikaten und CFDs. Beides ist einfach zu verstehen und einfach zu berechnen. Muss es sehr schnell gehen, nehme ich CFDs. Habe ich vorab ein Limit zu planen, so sind auch Knockout-Zertifikate passend.

Allgemein bin ich ein gehebelt agierender Indextrader (Dax, Dow Jones und Eurostoxx 50), ergänzt durch Trades auf die DAX-30-Werte (gegebenenfalls MDAX-Werte).

Welche Fehler sollten Einsteiger unbedingt vermeiden? Gibt es Fehler bzw. Erfahrungen, die man aus deiner Sicht unbedingt machen sollte, um aus ihnen zu lernen?

Egal ob Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft, die Fehler sind immer identisch! Zu hohe Einsätze, zu hohes Risiko, mit dem Kopf durch die Wand und das planlose Verharren in Verlustpositionen mit der Absicht, keinesfalls im Verlust zu verkaufen! Vermeiden kann man die Fehler offenbar nicht, man muss nur dafür sorgen, dass man danach noch genug Kapital hat, um es dann auf die richtige Weise anzugehen. Fakt ist: Verluste gehören zum Börsentrading dazu. Es ist Teil des Konzepts, weil es immer nur um Wahrscheinlichkeiten und nie um die Bestimmung des Sonnenaufgangs geht. Wer Verluste daher komplett vermeiden will, ist auf dem Weg, sein Depot zu ruinieren.

Wie könnten sich die Aktien-, Devisen- oder Rohstoffmärkte in den nächsten fünf bis zehn Jahren verändern? Wohin geht die Reise bei den Kursen?

Der Aktienmarkt hat eine sehr gute Chance, seine mehr als zehnjährige Seitwärtsphase endlich beendet zu haben und bis ca. 2035 ohne Unterbrechung zu steigen. Vor allem die US-Märkte weisen diesbezüglich eindeutige Indizien auf (S&P 500 über 1550). In Europa hat der DAX die beste Chance, es dem -Markt nachzumachen. Kurse oberhalb 8150 sind dafür Bedingung. Viele andere Euroländer halte ich dagegen weiterhin für stark gefährdet, sich weiter im seit dem Jahr 2000 bestehenden Abwärtsstrudel aufzuhalten und diesen ggf. noch zu verschärfen (Frankreich, Spanien, Italien, allgemein der DJ Eurostoxx50).

In welchen Bereichen möchtest du deine Arbeit/dein Trading weiterentwickeln, verbessern? Gibt es Bereiche, in denen du dein Wissen vertiefen willst?

Nachdem zwei Traderdisziplinen, das Überleben an der Börse und das strikte Begrenzen von Verlusten, für mich zu 100 Prozent geregelt sind, möchte ich weiter an der dritten Disziplin hart arbeiten, nämlich der Optimierung der Gewinne. Um den Depoterfolg besser sichtbar zu machen, sind nämlich die Gewinntrades dauerhaft überproportional hoch zu gestalten. Sie müssen zweimal höher sein als der durchschnittliche Verlust (Profitfaktor).

Was ist dein Lieblingsthema an der Börse, dein Steckenpferd?

Das Thema Profitfaktor ist mein Steckenpferd und das Aufräumen mit dem Irrglauben, dass charttechnische Analysten konkretes Wissen über den zukünftigen Börsenverlauf haben.

Es geht darum darzustellen, wie man am besten in eine stets ungewisse Zukunft hinein als Trader handelt, wie man mit den zur Verfügung stehenden Wahrscheinlichkeiten umgeht.

In seinem Premium-Service "Knockout Trader" betreibt Rocco Gräfe aktives DAX-Trading auf Sicht von Stunden, Tagen, Wochen. Das Paket ist für aktive Daytrader (Variante OSZ), aber auch für Berufstätige geeignet (Variante GOST). Weitere Details finden Sie hier.