Wenn man sich mit dem automatisierten oder auch teilautomatisierten Handel beschäftigt, drängt sich eine Erkenntnis relativ schnell auf: den Markt in seiner Komplexität mit nur einem Ansatz erfassen zu wollen, ist unmöglich. Dafür ist der Markt einfach zu vielseitig. Aufwärtstrends wechseln sich ständig mit Abwärtstrends und Seitwärtsbewegungen ab, die in ihrer Dynamik höchst unterschiedlich verlaufen und unterschiedlich weit reichen. Dieser Komplexität mit nur einem Indikator oder einem einzigen Indikatorenmix begegnen zu wollen, der in allen Marktphasen erfolgreiche Signale generiert, ist vergebene Liebesmühe. Aber es gibt einen einfachen Trick. Statt die eine Formel zu suchen, nutzen wir unterschiedlichste Ansätze, die jeweils in ihren guten Phasen mehr Geld verdienen, als sie in den schlechten Phasen verlieren. So kann in der Summe über alle Strategien trotz widriger Umstände eine stabile Performancekurve erzeugt werden.

Mit diesem Gedanken machte ich mich an den heutigen Beitrag für den CFD Report. Ich wollte eine Taktik vorstellen, die nicht den Anspruch auf Perfektion hat, aber einen gewissen Vorteil zumindest in einigen Marktphasen mit sich bringt, aber wo fangen wir an? Am besten dabei, ein paar grundlegende Eingrenzungen vorzunehmen, die uns sinnvoll erscheinen. Die Taktik sollte bspw. im Aktienmarkt auf Tagesbasis laufen, der Spielwiese vieler privater Trader. Und welchen Trend wollen wir unter die Lupe nehmen? Auch hier musste ich nicht lange überlegen und entschied mich für die Longseite. Dies hatte zwei Gründe. Auf der einen Seite liegt der Verdacht nahe, dass Aktien langfristig eher einen Aufwärtstrend als einen Abwärtstrend aufweisen. Klar gibt es auch Aktien, die „Pleite gehen“, aber in der Masse scheint die Longseite einfach interessanter. Zudem kommt ein wichtiger praktischer Punkt ins Spiel: nicht jede Aktie kann auf der Shortseite gehandelt werden. Sowohl die Auswahl an CFDs als auch anderen derivaten Shortprodukten ist begrenzt. Auf der Longseite hingegen können wir unser Kapital breit streuen.

Damit waren die grundlegenden Rahmenbedingungen abgesteckt und im nächsten Schritt ging es um die Entwicklung konkreter Ein- und Ausstiegssignale. Hierfür griff ich ohne besondere Gründe auf den Supertrend-Indikator zurück. Dieser Indikator gehört zu den Trendfolgern, wobei die Volatilität im Markt berücksichtigt wird (weitere Erläuterungen zum Supertrend finden Sie hier). Befindet sich eine Aktie in einer Aufwärtsbewegung, bedarf es einer vom Trader festzulegenden Gegenbewegung, gemessen in Vielfachen der aktuellen Average True Range, um die Kaufwelle zu beenden. Ich wollte den Supertrend Indikator jedoch nicht nur als Trendfilter einsetzen, sondern gleichzeitig auch als Signalgeber – KISS eben. Kommt es in diesem zu einem bullischen Trendwechsel, wird direkt zum Schlusskurs (in der Praxis kurz vorher) gekauft.

Abbildung 1 zeigt den Indikator mit einigen markierten Einstiegssignalen, aber was können wir von diesen halten?

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Scrollen wir durch diverse Charts, werden wir einige Bewegungen finden, die nach dem Einstieg höchst dynamisch verliefen. Schauen Sie sich dazu beispielsweise das jüngste Signal in der Merck KGaA Aktie an. Seit dem Kaufsignal vom 22. Dezember bei 79,64 Euro konnte die Aktie bereits um gute 24% steigen und das ungehebelt (siehe Abb.2).

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Das Problem einer solchen visuellen Betrachtung ist jedoch, dass wir dabei nur allzu gerne nur das sehen, was wir sehen wollen. Die guten Signale stechen sofort ins Auge, während man die schlechten gerne ignoriert.

Da hilft nur eins: wir schicken unser Signal durch den Computer, respektive durch alle 30 DAX Aktien seit dem Jahr 2000. Dabei geht es mir vor allem um die grundlegende Kraft, die unser Kaufsignal mit sich bringt. Um diese zu messen, habe ich ein Kursziel und ein Stoploss in Prozent definiert und diverse Kombinationen gegeneinander antreten lassen. Zudem haben wir mit dem Volatilitätsfaktor innerhalb des Supertrends eine weitere Einstellungsmöglichkeit, die ich gleich mit unter die Lupe nahm. Heraus kommt ein Optimierungslauf mit fast 5.000 Kombinationsmöglichkeiten zwischen Kurszielen, Stopps und Einstellungen des ATR-Faktors.

Aus dem Sammelsurium an Ergebnissen möchte ich Ihnen einige interessante Kombinationen vorstellen. Beginnen wir mit einem Ansatz, der wahrscheinlich viele Trader interessieren wird. Es handelt sich um ein aktives System. Verwenden wir für alle DAX Aktien einen Supertrend mit einer Länge von 10 Perioden und einem Faktor von 2,1, wobei wir auf einen 5%igen Kursgewinn nach dem Kaufsignal spekulieren, während wir auch nur bereit sind, 5% Verluste in Kauf zu nehmen (Stoploss), dann können wir ca. 67% aller 3.576 Trades im Gewinn abschließen. Abbildung 3 zeigt die dazugehörige Performancekurve vor Kosten über alle Trades, wenn wir bei jedem für 1.500 Euro Aktien kaufen würden.

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Aber nicht jeder möchte aktiv handeln, sondern hat nichts gegen Langeweile, weil er seine Positionen länger hält. Für diese können wir beispielsweise auf folgende Einstellungen zurückgreifen: Bei einer Periode für den Supertrend von 10, einem Faktor von 2,9 und einem Gewinnziel bei 15%, während der Stopp 10% unter dem Einstiegspreis liegt, können wir ca. 70% aller Trades im Gewinn abschließen und erzeugen dabei die Performancekurve aus Abbildung 4 (ebenfalls vor Kosten). Die Tradeanzahl beträgt jetzt nur noch 1.424.

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Aber es soll ja auch Trader/Investoren geben, die nur das Beste wollen. Auf den Testzeitraum bezogen konnte die maximale Performance von 56.000 Euro vor Kosten bei einer Periodenlänge von 10 und einem Faktor von 0,5 für den Supertrend erzielt werden, wenn wir unseren Stopp 20% unter dem Einstiegskurs platzierten, während wir auf ein Kursziel von 16% aus waren. Für diesen Gewinn vor Kosten hätten wir 2.066 Trades eingehen müssen (siehe Abb. 5).

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Voila, fertig sind drei profitable Taktiken. Aber macht es Sinn, diese blind zu handeln? Ich kann Ihnen Ihre Entscheidung natürlich nicht abnehmen, aber ich tue mich schwer, jetzt stur nach einem dieser drei Ansätze zu traden. Beim aktiven Ansatz wird schnell klar, warum. Gehe ich für jeden Trade von nur 5 Euro Kosten aus, landet die Strategie im Minus. Bei den beiden anderen Taktiken ließen sich diese Kosten noch verkraften. Hier könnten wir auch mit 10 Euro pro Trade rechnen, aber wirklich vom Hocker reißt mich die Performance dann auch nicht mehr, vor allem auch nicht in Bezug zum eingegangenen Risiko. Die Kontoeinbrüche während der Bärenmärkte sind doch recht groß. Genau hier läge ein Ansatz für weitere Optimierungen. Eventuell lässt sich mit einem Trendfilter noch etwas an der Performance schrauben. Verlockend hingegen ist in allen drei Fällen die Trefferquote jenseits der 50%-Marke, schließlich liegen wir alle gerne oft richtig.

Fassen wir zusammen

Im Trading wollen wir alle nur das eine: gewinnen. Da Trader nur ungerne Roulette spielen, greifen diese auf Strategien zurück und einer solchen haben wir uns heute zugewandt. Mit Hilfe des Supertrend Indikators haben wir eine einfache Einstiegslogik definiert und diese mit diversen Kurszielen und Stopps analysiert. Dabei konnten wir vor Kosten eine ganze Reihe von profitablen Kombinationen ausmachen, die jedoch für einen systematischen Handel nicht ausreichend gut performen. Wahrscheinlich kommen Sie gerade zum gleichen Schluss wie ich. Ist damit der gesamte Artikel nicht eigentlich nutzlos? Mitnichten, denn die gefundenen Ergebnisse können wir weiter nutzen. Neben weiteren Optimierungsschritten finde ich vor allem folgendes Vorgehen relativ spannend. Zunächst wird im Rahmen einer klassischen Analyse die grundlegende Verfassung des Marktes bestimmt. Hier können Sie auf sämtliche Analysewerkzeuge zurückgreifen, die Sie kennen und bereits nutzen. Stellen Sie hierbei fest, dass ein Bullenmarkt vorliegt, könnte man den zweiten Schritt machen und sich über den Supertrend passende Signale heraussuchen. Mit den gefundenen Testergebnissen im Rücken haben wir einen gewissen statistischen Background und Vorstellungen von dem, was wir erwarten können. Die Strategie liefert und quasi einen Grundvorteil, den wir durch das Sammeln eigener Erfahrungen im Umgang mit den Signalen weiter ausbauen können. Statt die Logik systematisch anzuwenden, kombinieren wir diese mit diskretionären Entscheidungen.

Viel Erfolg

Rene Berteit