Während eines Diplominformatikstudiums mit Nebenfach BWL an der TU Karlsruhe ergaben sich für Scholl erste Berührungspunkte mit der Thematik Banken und Börse: „Wir Studenten lernten, was neuronale Netze sind und beschäftigten uns mit dem Themenfeld der Künstlichen Intelligenz“, erinnert sich Scholl. Zugleich bekundeten Banken, die mit der Universität Karlsruhe zusammenarbeiteten, bereits damals, Anfang der neunziger Jahre, Interesse an der Thematik neuronale Netze – sie versprachen sich damit Vorteile im Wettbewerb. Die Studenten konnten vor diesem Hintergrund das an der Uni Gelernte in Modellrechnungen für die finanzwirtschaftliche Praxis umsetzen.

Nach dem Studienabschluss und etlichen Jahren auf der Karriereleiter in den Bereichen Vertrieb und Marketing von Technischen Produkten und Dienstleistungen entschied sich Scholl, einen MBA in Volks- und Betriebswirtschaft an der hoch angesehenen Universität Cranfield nördlich von London zu machen. Der damals 35-Jährige belegte 2002/03 ein Jahr lang die nötigen Kurse und absolvierte die Prüfungen. Die Kosten für die hohen Studiengebühren sowie die Lebenshaltungskosten, die im Süden Großbritanniens ebenfalls nicht von Pappe sind, beliefen sich auf rund 100.000 Euro. „Finanziert habe ich das Jahr in England mit meinen Einnahmen aus Tradingerfolgen“, freut sich Scholl in der Rückschau. Die teils hohen Gewinne an der Börse kamen nicht von ungefähr: Auch während seiner vorangegangenen Tätigkeit als Bereichsleiter Marketing und Vertrieb war Scholl an der Börse aktiv gewesen. „Ich war schon immer davon überzeugt, dass normale Bankprodukte eine zu vernachlässigende Rendite abwerfen. So hatte ich in den 90er Jahren begonnen privat Geld an den Börsen zu investieren. Das enorme Wachstum bei den Technologiewerten der New Economy hatte ich dann voll mitgemacht“, blickt Scholl zurück. Vor allem auch dank des Einsatzes von gehebelten Produkten kamen ansehnliche Summen zusammen. Der nachfolgende dramatische Absturz der New Economy an den Börsen überraschte Scholl nach eigenen Angaben nicht: „Die Blasenbildung war absehbar.“ Trotz hoher Gewinne sei das Mitzocken in den Zeiten des Hypes um die New Economy dennoch eine teure Lektion mit Höhen und Tiefen gewesen. Scholl ist den Börsen jedoch immer treugeblieben. Er suchte und fand immer wieder Chancen und profitierte von der Erfahrung, dass die professionelle Einarbeitung in das jeweilige Tradingfeld unabdingbar ist. Und noch etwas lernte Scholl in jener Zeit: Als leitender Angestellter blieb zu wenig Freiraum für das private Trading. „Man kommt von A zu B und hat für C dann keine Zeit mehr“, umschreibt Scholl das Debakel. „In der Konsequenz entstehen Investmentfehler. Man verliert Geld“, bedauert er die Unvereinbarkeit von Beruf und Berufung.

Der Entschluss zur Selbstständigkeit fiel dann nach reiflicher Überlegung: 15 Jahre lang war Scholl im Auftrag von international tätigen Unternehmen im Bereich Vertrieb und Marketing in der Welt unterwegs gewesen. Seine Arbeit hatte ihn bis nach Japan geführt; er lernte ein bisschen Japanisch zu sprechen und entdeckte sein großes Interesse für den asiatischen Kulturkreis. Doch die eigenen Freiräume waren ihm irgendwann wichtiger geworden: Anfang 2010 machte sich Scholl als Unternehmensberater selbstständig – um vor allem auch professionell als Trader auf Basis der Technischen Analyse voranzukommen. Sein Ziel war es, die Zertifizierung nach dem Regelwerk des Weltverbands der Technischen Analysten (IFTA) zu erreichen. Scholl schloss ein entsprechendes Qualifizierungsprogramm ab und darf sich heute Certified Financial Technician (CFT) nennen. Während seiner Weiterbildung hat sich Scholl intensiv mit englischer Fachliteratur beschäftigt und kam dadurch in Kontakt mit Techniken, die in Deutschland noch relativ wenig verbreitet sind, wie z.B. die Analysestrategien Point&Figure sowie Ichimoku.

Sein Fazit im Rückblick auf den eigenen Werdegang: Mathematisches Wissen gepaart mit ökonomischem Sachverstand ermöglichen eine tiefe Durchdringung der Technischen Analyse – was dazu geführt hat, an der Börse nachhaltig erfolgreich zu sein. Für Scholl ist die Börse nach eigener Auskunft „stets spannend, faszinierend, nie langweilig, immer neu“. Die Technische Analyse bietet dabei den Handlungsrahmen, in dem eine Vielzahl von Informationen gebündelt und ausgewertet werden.

Scholl, der auch als Aufsichtsratsvorsitzender einer AG tätig ist, hat viele Tipps für Trader: „Hinterfragen Sie stets, warum Dinge in der Fachliteratur in der einen oder anderen Weise dargestellt sind. Welche Qualifikation hat der Autor eines Fachbuchs? Welche Quellen benutzt er? Meiden Sie Bücher ohne Quellennachweise!“

(geschrieben von Helge Rehbein)