Eine Tradingstrategie ist ein essentieller Bestandteil eines erfolgreichen Traders und folglich kann der Weg hin zu diesem Ziel nur darin bestehen, seine Tradingstrategie zu entwickeln. Hierbei wird jedoch gerne der zweite Schritt vor dem ersten gemacht. Im Lernprozess macht es Sinn, zunächst mit einem starren Regelwerk anzufangen. Nicht, weil dieses die größten Erfolgschancen hat und die größten Gewinne abwirft. Im Gegenteil. Viele erfolgreiche Trader schöpfen einen nicht unwesentlichen Teil ihrer Performance aus ihren interpretativen Fähigkeiten und ihrem Gespür. Damit müsste man eigentlich viel Wert auf die Entwicklung dieser beiden Aspekte legen, aber wie will man seine Fähigkeiten und sein Gespür entwickeln, wenn man keinen festen Bezugspunkt hat?

Nehmen wir Klaus, einen ambitionierten Trader der es bis ganz nach oben schaffen will. Klaus weiß, dass die Märkte eine gewisse Flexibilität erfordern, also trainiert er seine Interpretationsfähigkeiten, in dem er täglich seine Analyse erstellt. Dabei achtet er auf viele, sich ständig verändernde Details. Aktuell steht natürlich das Brexit-Referendum ganz weit oben auf der kursbewegenden Liste. Logisch, dass die Märkte nervös und zurückhaltend reagieren könnten. Man darf dem Trend also nicht trauen, so seine Interpretation und es kann sehr schnell in die andere Richtung gehen. Entsprechend positioniert sich Klaus. Das Brexitthema und seine Gedanken dazu spielen eine gewichtige Rolle bei seinen Entscheidungen. Das Thema selbst ist nächste Woche aber durch (zumindest die Unsicherheit ist raus aus dem Markt, da das Ergebnis bekannt ist) und andere Themen treten in den Vordergrund. Da könnten zum Beispiel wichtige volkswirtschaftliche News anstehen oder Quartalszahlen oder noch viele andere Dinge. Sein Fokus verlagert sich auf die seiner Meinung nach wichtigen Themen und wieder werden Entscheidungen getroffen. Entscheidungen auf einer gänzlich anderen Basis als noch eine Woche zuvor.

Peter ist ein nicht minder ambitionierter Trader, aber im Gegensatz zu Klaus legt er viel mehr Wert auf charttechnische Aspekte. Auch Peter kennt den Wert der Flexibilität im Markt. Aktuell spielt für ihn ein Trendkanal eine wichtige Rolle. Am Widerstand dessen Short, am anderen Ende Long, das ist das, was er gerade tradet. Dieser Trendkanal verliert im Laufe der Zeit jedoch an Bedeutung und ein neuer lässt sich noch nicht zeichnen. Dafür ist im Chart eine saubere SKS-Formation zu erkennen. Ein bärisches Muster und natürlich positioniert er sich daraufhin in die entsprechende Richtung. Nach einigen Wochen ist auch dieses Muster durch, aber ein anderes hat sich gerade im RSI-Indikator gebildet. Wieder eine Chance, zu traden.

Nachdem Peter und Klaus so einige Monate mit sich ständig ändernden „Mustern“ gehandelt haben (oder gleiche Muster immer wieder anders umsetzten), stellen Sie erschreckt fest, dass Ihr bisheriges Trading nicht profitabel war. Irgendetwas lief offensichtlich schief, aber was? Was war wirklich Ursache für die negative Performance? Sind die Muster an sich nicht profitabel oder haben Peter und Klaus nur zur falschen Zeit aufs falsche Pferd gesetzt. Diese Frage kann keiner von beiden mit Sicherheit beantworten, weil Sie ständig eine andere Basis für Ihre Entscheidungen nutzten.

Elfriede hingegen hat, genauso ambitioniert wie Klaus und Peter, mit einem festen Regelwerk begonnen. Sie hat sich auf SKS-Formationen konzentriert und auch sie konnte leider noch keine zufriedenstellende Performance erzielen. Aber sie hat zwei Vorteile:

  1. Weiß sie um den Wert, den eine SKS-Formation unter den von ihr genutzten Regeln hat. Sie kann mit absoluter Sicherheit sagen, so funktioniert es nicht! Die Regeln sind so nicht profitabel oder nicht zufriedenstellend profitabel.
  2. Sie hat dadurch, dass sie immer feste Regeln anwendete, einen festen Bezugspunkt, eine Linie im Sand geschaffen, anhand der sie sich jetzt orientieren kann. Um diese Linie herum kann sie nun nach Details Ausschau halten. Sie kann um die Linie im Sand herum, das Interpretieren „lernen“.

Der Idealzustand für einen Trader ist natürlich der, dass er in seiner Strategie auf ein Basismuster mit festen Regeln zurückgreift, welches per se schon gewisse Gewinne mit sich bringt. Ein solches Muster im weitesten Sinne zu finden, ist ehrlich gesagt gar nicht so schwer. Um diesen Basisvorteil herum beginnt der Trader nun, Erfahrungen zu sammeln, Expertise aufzubauen, immer bemüht, möglichst regeltreu zu handeln, aber auch zu „wissen“, wann er die Regeln brechen/aufweichen darf. Er entwickelt ein „echtes“ Gespür dafür, wann er einen Einstieg vielleicht lieber sein lassen sollte oder wann das Kursziel vielleicht nicht ganz so weit wie üblich entfernt zu platzieren ist. Natürlich kann sich der Trader in seiner Einschätzung auch irren, aber a) hat er immer noch ein Basismuster, welches einen gewissen Grundvorteil besitzt und b) bringt das Interpretieren einem guten Trader am Ende doch noch einen Mehrgewinn.

Neben dem hier zentral besprochenen Punkt, dass es unheimlich schwer sein dürfte, Interpretieren zu lernen und sein Gespür zu entwickeln, wenn man keinen festen Bezugspunkt besitzt, hat es weitere Vorteile, als angehender Spitzentrader mit einem starren Regelwerk zu beginnen. Man lernt so beispielsweise Disziplin, ala egal was mein Bauch sagt, ich folge meinen Regeln. Auch das ganze Themengebiet der Psychologie und Emotionen kann durch ein Regelwerk abgeschwächt werden. Wer keine Regeln besitzt, kann viel leichter seinen Emotionen folgen. Regeln selbst schützen zwar nicht vor Dummheiten, aber sie zeigen einem wenigstens im Nachhinein, dass man welche gemacht hat. Und das wiederum ist eine weitere Erfahrung, die man sich merkt (merken sollte).

Diese Liste ließe sich noch um einiges fortsetzen, was letztlich jedoch nicht das Hauptthema dieses Artikels sein sollte. Hier ging es darum, nicht den zweiten Schritt vor dem ersten zu machen. Auf dem Weg zu Expertise und Erfahrung, macht es Sinn, mit einer möglichst festen Basis zu beginnen. Ich jedenfalls denke, dass dieser Weg schneller zum Ziel führt. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen

Viel Erfolg

Ihr Rene Berteit