An der Börse wie im "echten" Leben entscheiden die richtigen Informationen häufig über Erfolg und Misserfolg. An den Börsen dieser Welt gibt es dabei zwei grundsätzliche Herangehensweisen, wie man an relevante Informationen gelangt. Zum einen kann man sich über den Weg der (Echtzeit-)Nachrichten, Expertenmeinungen, Geschäftsberichte, Unternehmenskennzahlen und wirtschafts- und firmenbezogenen Analysen informieren (Fundamentalanalyse).

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Andererseits gibt es die Möglichkeit, die Einschätzung, vor allem jedoch die tatsächlichen Handlungen der Akteure am Finanzmarkt direkt zu beobachten. Viele, wenn auch nicht alle dieser Entscheidungen fußen auf der vorherigen fundamentalen Analyse der entsprechenden Unternehmen oder Märkte. Die Beweggründe der Käufer und Verkäufer, die zu den Entscheidungen und Investments führten, bleiben zwar im Verborgenen. Aber es lässt sich anhand der tatsächlich getroffenen Entscheidungen feststellen, welche Einschätzung der Marktteilnehmer zur aktuellen und potenziellen Entwicklung an den Finanzmärkten und zur zukünftigen Entwicklung der Unternehmen vorliegen und wie die Flut an Informationen aktuell verarbeitet, also wie und in welche Richtung gehandelt wird. Dies ist der Kern der klassischen Chartanalyse (zu unseren aktuellen Chartanalysen zu Aktien und Indizes gelangen Sie hier).

Um die Summe der Entscheidungen und Handlungen der Marktteilnehmer schnell analysieren zu können, nutzt man die Betrachtung der Charts von Wertpapieren:

Zur besseren Beurteilung der Ergebnisse der Aktionen dieser Akteure wurde schon zu Beginn des vorigen Jahrhunderts begonnen, die tägliche Preisentwicklung auf der Basis des letzten Kurses eines Handelstages fortlaufenden zu notieren. Eine mühsame, aber effiziente Handarbeit, die ihre Wurzeln noch weiter in der Vergangenheit hat. Die erste überlieferte Chartdarstellung stammt aus dem 17. Jahrhundert, als japanische Reisbauern- und händler die Candlestick-Technik nutzten, um die Entwicklung des Reispreises analysieren und prognostizieren zu können.

Mit dem Einzug der Computer haben sich die Darstellungs- und Datenverarbeitungsmöglichkeiten deutlich erweitert. Neben dem klassischen Linienchart, den in den USA weit verbreiteten Barcharts oder den Candlesticks haben „Exoten“ wie Point&Figure, Renko, Kagi, Heikin Ashi oder ThreeLineBreak-Charts für frischen Wind in der Kursdarstellung gesorgt. Eine Übersicht dieser besonderen Chartdarstellungsvarianten finden Sie auch in unserem Wissensbereich. Auf unserer Investment- und Analyseplattform Guidants haben Sie die Möglichkeit, diese und weitere Chartdarstellungsarten in der Praxis und für Ihre Chartanalysen zu nutzen - kostenlos, im realtime-Push und für tausende von Aktien, Indizes, Devisenpaare oder Rohstoffe.

Der Linienchart

Beginnen wir mit der einfachsten und zugleich häufigsten Darstellungsform, dem Linienchart:

Hier wird der letzte innerhalb einer bestimmten Zeitperiode zustande gekommene Kurs als Datenpunkt erfasst und diese Datenpunkte Schritt für Schritt bzw. Tag für Tag in den Chart abgetragen und anschließend mit einer Linie verbunden.

Abb. 1: DAX Linienchart (5 Jahre)

Abb. 2: DAX Linienchart - Ausschnitt 12.04. - 29.06.2017 als Abfolge der verbundenen Handelsschlusskurse

Die geläufigsten Zeitperioden über die ein Linienchart abgetragen wird, sind Handelsminuten, -Stunden, -Tage oder -Wochen. Der Vorteil dieser Darstellungsform ist ihre Übersichtlichkeit: Auf einen Blick lässt sich auch für das ungeschulte Auge erfassen, wo der Kurs aktuell steht und ob die Aktie zuletzt eher gestiegen oder gefallen ist und in welche Richtung beispielsweise der langfristige Trend zeigt. Diese Einfachheit ist gleichzeitig das größte Manko der Liniencharts. Denn dadurch, dass immer nur der jeweilige Schlusskurs einer Zeitperiode in die Anzeige einfließt, kann die Entwicklung innerhalb der betrachteten Zeitperiode keine Beachtung finden. In niedrigen Zeitebenen, wie z.B. dem Minutenchart, spielt dies kaum eine Rolle. Hier werden pro Stunde 60 Datenpunkte gesammelt und nebeneinander abgetragen. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering, dass eine signifikante Minuten-Bewegung aufgrund der Darstellung als Aneinanderreihung von Schlusskursen „übersehen“ bzw. herausgefiltert wird. Doch bereits ein Tageschart oder ein Linienchart auf Wochenbasis kann extremere unter der Woche aufgetretene Bewegung in beide Handelsrichtungen „verschweigen“, die zu einer besseren Einschätzung der Aktie oder des Index geführt hätten.

Fazit: Liniencharts besitzen den Vorteil der Übersichtlichkeit der Darstellung, haben aber auch das Manko der reduzierten Aussagekraft. Chartdarstellungsformen, die dieses Manko beheben, damit jedoch gleichzeitig auch ein wenig komplizierter werden, sind die bei GodmodeTrader zur Chartanalyse verwendeten Kerzencharts.

Der Kerzenchart (Candlestick-Chart)

In dem Moment, in dem auch Teile der Kursdaten angezeigt werden sollen, die innerhalb der betrachteten Zeiteinheit entstanden sind, muss die fortlaufende, kurvenartige Notierung bzw. Darstellungsform der Liniencharts zwangsläufig durch eine neue Form der Kursdarstellung abgelöst werden.

Bei den Bar- und Candlestickcharts hat man die fortlaufende Notierung zu Gunsten nebeneinander aufgereihter, vertikaler Chartblöcke (englisch „Bars“) aufgebrochen und damit zugleich drei wertvolle Informationen zusätzlich gewonnen:

  1. zeigen beide Darstellungen die tatsächliche Handelsspanne der betrachteten Zeitperiode (z.B. eines Handelstages) an, indem der Höchst- und der Tiefstkurs eingezeichnet werden.
  2. Zusätzlich werden die Zahlenwerte des Eröffnungs- und der Schlusskurses der Zeiteinheit markiert und damit auf einen Blick sichtbar, ob die Kurse innerhalb der betrachteten Zeitperiode per Saldo gestiegen, gefallen und gleich geblieben sind.
  3. Dieser Informationsvorsprung bei der Darstellung wird im Falle der Candlestickcharts insofern noch ausgebaut, als man um den senkrechten Bar der Hoch und Tief anzeigt einen Körper aufspannt, also einen hinzugezeichneten vertikalen Block, der mit dem Eröffnungskurs beginnt und mit dem Schlusskurs endet.

Diese grafische Finesse verleiht den Candlesticks ihre typische Optik und war aufgrund der Ähnlichkeit zu einer Kerze mit Wachskörper und Docht auch namensgebend für die Chartdarstellungsart.

Abb. 3: Aufbau klassicher Kerzen in einem Kerzenchart

Je nach Kursentwicklung wird der Block bzw. der Kerzenkörper unterschiedlich eingefärbt:

Liegt der Schlusskurs der betrachteten Zeitperiode unter dem Eröffnungskurs, wird die so entstandene „Kerze“ rot eingefärbt, um auf innerhalb der Zeitspanne gefallene Kurse hinzuweisen.

Liegt der Schlusskurs der Periode dagegen über dem Eröffnungskurs, so wird die Kerze grün eingefärbt.

Alternativ können die Kerzenkörper auch weiß (steigende Kurse) und schwarz (fallende Kurse) gehalten sein.

Abb. 4: DAX Kerzenchart (5 Jahre)

Abb. 5: DAX Kerzen- und Linienchart übereinandergelegt - auffällig hier, wie viele Informationen bei Liniencharts nicht angezeigt werden

Somit geht diese Darstellungsform also noch einen Schritt weiter, indem sie nicht nur den Zeitperiodenverlauf in die Darstellung einbezieht, sondern auch die Art des Verlaufes optisch leicht sichtbar macht. Dies ist ohne Zweifel einer der Hauptgründe, warum die Candlestickcharts seit Jahren die Haupteinstellungsform der Kursdarstellung sind.

Zudem lassen sich aus den unterschiedlichen Formen, die einzelne Kerzen oder Gruppen von Einzelkerzen annehmen können, eine Vielzahl an Interpretationen und Handelssignalen ableiten. Diese Eigenschaft räumt den Candlestickcharts ohnehin nochmals eine komplette Sonderstellung in der Chartanalyse ein. Wer sich für Trading und Analyse mit Candlestickcharts interessiert, sei auf den entsprechenden Knowhow-Artikel in unserem Wissensbereich hingewiesen.

Als Fazit kann man festhalten, dass die etwas gewöhnungsbedürftige Anzeige der Charts mittels Bars oder Candles für den Anleger ein hohes Maß wichtiger zusätzlicher Informationen liefert. Daher lohnt es sich, sich mit diesen Darstellungsformen intensiv auseinanderzusetzen.

Autor: Thomas May