Auf Vorträgen oder Messen wird oft die Frage an mich herangetragen, warum ich denn die Technische Analyse für meine Trading-Entscheidung heranziehen würde. Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich beim letzten Frankfurter Börsentag mit einem Besucher geführt habe.

Dieser meinte, dass die Technische Analyse »totaler Mist« sei. Er sei fundamental orientiert und habe nun vor einem Monat eine Analyse eines Technischen Analysten gelesen. Seitdem beobachte er das Finanzprodukt und der Technische Analyst liege ja total daneben. Es stimmt. Die Technische Analyse liegt nicht immer richtig. So wie der Wetterbericht auch nicht jeden Tag zutrifft. Aber wie viele Fundamentale Analysten haben in und nach der Finanzmarktkrise schon den Untergang des Euro beschworen? Und es gibt den Euro heute noch immer!

Ist deshalb die Fundamentale Analyse zu verteufeln? Nein. Jede Analysemethode hat ihre Vor- und Nachteile. Jede Analysemethode hat ihre Anhänger. Und das ist auch gut so. Der Unterschied liegt nur darin, dass bei einem Technischen Analysten jede Abweichung von der Analyse äußerst penibel beobachtet und negativ bewertet wird. Liegen die Fundamentalen Analysten falsch, sind meistens unvorhersehbare Ereignisse schuld an der Abweichung.

Sicher ist: Keine der beiden Methoden ist hundertprozentig genau. Wenn es um mein Trading geht, muss ich jedoch für mich entscheiden, welche Methode für mich richtig ist. Ich muss eine Methode wählen, die mir zusagt, die ich beherrschen kann. Wie wir oben gesehen haben, bewegt sich das Trading im kurzfristigen Zeitrahmen. Wenn ich eine Position

im Dax-Future am Morgen eröffne und der Dax im Tagesverlauf 100 Punkte gegen mich läuft, um am Ende des Tages dann doch ein bestimmtes, von mir anvisiertes Ziel zu erreichen, könnte es sein, dass ich dadurch viel Geld verliere, obwohl ich am Ende des Tages doch richtigliege mit meiner Einschätzung. Denn ein Punkt im Dax-Future bedeutet 25 Euro Gewinn oder Verlust je Kontrakt. Daher ist es für mich wichtig Anhaltspunkte dafür zu finden, ob ich mit meiner Entscheidung richtigliege oder doch besser die Notbremse ziehe und aus einem Trade aussteige.

Trading – ob mit Fundamentaler oder Technischer Analyse – ist nichts anderes als das Ausspielen von Wahrscheinlichkeiten. Denn niemand kann mit Sicherheit vorhersagen, wohin sich ein Markt bewegen wird. Kein Fundamentalanalyst, kein Technischer Analyst.

Stellen Sie sich folgendes kleines Spiel vor: Sie kennen sicher den Münzwurf. Man entscheidet sich für »Kopf« oder »Zahl« und wirft dann die Münze in die Höhe. Die Seite der Münze, die nach dem Fall oben liegt, hat gewonnen. Nehmen wir nun an, wir beide würden dieses Spiel spielen. Sie hätten die Münze so präpariert, dass diese einmal mehr zu Ihren

Gunsten fallen würde als zu meinen. Hätten Sie nicht Lust, den ganzen Abend mit mir dieses Spiel zu spielen? Und genau den gleichen Effekt versucht man, mit der Technischen Analyse zu erreichen. Mit der Technischen Analyse versucht man, Anhaltspunkte im Chart zu finden, die dafür sprechen, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Kursentwicklung in eine Richtung höher ist als die Wahrscheinlichkeit der Kursbewegung in die entgegengesetzte Richtung. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es jedoch nicht. Ein altes Sprichwort der Börsenhändler besagt: Die Märkte sind nie falsch, Meinungen sind es schon.

Als Trader an meinem Schreibtisch zu Hause habe ich nicht die gleichen Möglichkeiten, Unternehmen oder Märkte zu untersuchen, zu durchleuchten und meine Entscheidung zu treffen, wie dies große Unternehmen wie zum Beispiel die Berkshire Hathaway von Warren Buffett tun. Ich bin fast immer auf die Meinung anderer in Form von Analysen oder Berichten angewiesen. Und spätestens seit der New Yorker Generalstaatsanwalt Eric Schneiderman den Finanzdatenlieferanten Thomson Reuters davon überzeugt hat, bestimmte Wirtschaftsdaten nicht mehr vorab an bestimmte Kunden zu verkaufen, dürfte bekannt sein, dass an der Börse einige doch gleicher sind als andere. Und habe ich als kleiner privater Trader wirklich die gleichen Voraussetzungen, um auf fundamentaler Basis meine Trading-Entscheidung zu treffen? Hintergrund der obigen Geschichte ist, dass Thomson Reuters den wichtigen Verbraucherindex der Uni Michigan zahlenden Kunden zwei Sekunden vor den anderen Marktteilnehmern zur Verfügung gestellt hat.

Nach Professor Krämer4 benötigt die Einpreisung des Diskontzinssatzes der amerikanischen Notenbank nur 0,5 Sekunden, um ihre Entwicklung im Kursverlauf zu zeigen. Alles danach sei nicht mehr auf einer rationalen Entscheidungsgrundlage getroffen. Und genau da setzt die Technische Analyse an. Die kollektive Psychologie ist die Kraft, die die Märkte antreibt. Ich werde im Kapitel 1 unter dem Punkt »Die Psychologie, die hinter der Struktur steckt« näher auf diese Problematik eingehen.

Die Technische Analyse eröffnet mir eine Möglichkeit, selbst eine Entscheidung aufgrund meiner eigenen Analyse zu treffen, ohne dass ich auf die Analyse eines anderen angewiesen bin. Ich bin damit in der Lage, die volle Verantwortung für mein Handeln zu übernehmen. Schalte ich einen anderen Analysten in diesen Prozess ein, ist es einfach,

die Verantwortung abzugeben und auf diesen zu schieben. Denn dieser hatte die Analyse ja falsch erstellt. Dies sind keine guten Voraussetzungen für ein erfolgreiches Trading.

Oft ist der Trader, ob fundamental oder technisch orientiert, beim Trading selbst sein größter Gegner. Häufig überwiegen die Emotionen, die das Auf und das Ab der Märkte hervorrufen, die rationalen Entscheidungen. Die Folge hiervon sind schlechte oder gar falsche Trading-Entscheidungen. Die Technische Analyse hilft uns, einen objektiven Blick

zu bewahren.

Autor: Daniel Schütz, Quelle: "Trading für Einsteiger: Erfolgreich zum ersten Trade" (FinanzBuch Verlag, 2013) - Veröffentlichung des Auszugs mit freundlicher Genehmigung des Verlags