Ich glaube, wir alle kennen es: eine Position entwickelt sich nicht wie erwartet und sei es nun aus Frust, Resignation oder aus der unbändigen Überzeugung heraus, mit seiner Meinung am Ende richtig zu liegen, wird im Verlust nachgekauft. Das Verbilligen wird uns ja sogar im professionellen Bereich vorgemacht. Auch wenn die institutionellen Trader den Mantel des Schweigens über ihr tägliches Tun legen, anders als durch das Festhalten an der persönlichen Meinung und dem Nachkaufen sind die großen Pleiten institutioneller Trader im Zuge der letzten Krisen nicht zu erklären. Irgendwo auf dem Weg zum Erfolg muss etwas schiefgelaufen sein. Es müssen irgendwo massive Verluste angehäuft worden sein, sonst katapultiert man sich nicht ins Aus!

    Unabhängig davon, ob das Verbilligen im Verlustfall im Institutionellen Bereich gespielt wird oder nicht, Fakt ist, dass diese Spielart bei privaten Tradern sehr beliebt ist. Fakt ist ebenfalls, dass dieses Spiel sehr oft gut geht. Der Trader schafft es durch das Verbilligen oftmals, den durchschnittlichen Einstandspreis so tief nachzuziehen, dass er bei einsetzender Gegenbewegung doch noch mit Plus/Minus Null oder gar einem kleinen Gewinn aussteigen kann. Dies wird umso eher der Fall sein, umso mehr Stückzahlen man beim Verbilligen nachkauft. So kann der Durchschnittspreis nahe am aktuellen Kurs gehalten werden und kleinere Gegenbewegungen reichen aus, um wieder in den Gewinn zu kommen. Die Tatsache, oft mit Gewinn auszusteigen, bestärkt den Trader wiederum, auch zukünftig immer wieder nachzukaufen und wer es geschickt anstellt, kann bestimmt mit Trefferquoten von 80 oder 90 % prahlen.

    Was nützt die höchste Trefferquote, wenn...

    Leider ist die Kehrseite der Medaille genauso ein Faktum. Früher oder später kommt die Trendbewegung, die den gleichen Trader in den Ruin führen wird. Das praktische Problem dabei ist schnell ausgemacht: Der Trend läuft weiter als gedacht und der Trader kann nicht mehr nachlegen. Er ist voll investiert, sitzt auf horrenden (Buch)Verlusten und ist zum Zuschauen gezwungen. Da sich die Kurse weiter gegen einen entwickeln, wird der Druck zu groß und der Trader schließt seine Position mit einem Riesenverlust – wenn ihn nicht schon vorher der Margin Call oder ähnliches aus dem Spiel geworfen hat.

    Nicht selten ist am Ende das Konto platt, selbst oder besser gerade dann, wenn man vorher mit der gleichen Spielart horrende Gewinne erzielen konnte. Schnell sieht sich der Trader in der Gewinnphase als „König der Börsenwelt“, wird gierig und übertreibt! Ich möchte nicht wissen, wie vielen Tradern es im Vorfeld der Corona-Krise so ergangen ist. Jahrelang konnte man Rücksetzer kaufen. In nur wenigen Wochen aber war der DAX so günstig wie zuletzt 2015. Wehe, man war in der Anfangsphase der Krise zu aggressiv und hat zu schnell sein Pulver verschossen.

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    Oder erinnern Sie sich noch an die Zeit, als der Bund Future geradlinig auf 160 zugelaufen ist, einem Preisniveau, von dem man meinte, dass es das nicht geben kann, weil mit diesem negative Zinsen einhergingen? So sah damals der Aufwärtstrend aus und wehe, man shortete den Bund mit jedem neuen Hoch, heute steht der Bund nämlich bei über 175!!!!!

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    Wer an Beispielen noch nicht genug hat, dass es keine Frage des "Ob", sondern nur des "Wann" ist, wann ein Trend weiter läuft, als sich alle Welt ausmalt, hier ein paar weitere reale Ereignisse: Ich kann mich noch an eine Passage aus dem Buch „Magier der Märkte“ erinnern, wo es um eine ähnliche Situation im Bauholz ging. Hier wurde eine gesetzlich festgelegte Preisobergrenze niedergerungen und es folgte eine Bewegung, die niemand auf dem Kurszettel hatte. Wir brauchen aber gar nicht so weit zurückgehen. Erinnern Sie sich noch an 2015? Damals hob die SNB die Preisuntergrenze von 1,20 im EUR/CHF auf, eine Grenze, die noch Minuten zuvor als Mauer galt, nicht zuletzt, weil die SNB dies mehr als deutlich klar machte. Die Aufhebung der Stützungskäufe kam extrem überraschend und schickte die Kurse in den Keller, weiter und schneller, als irgendjemand auf dem Plan hatte. Es gab Trader, die selbst bei extrem exotisch niedrigen Kursen kauften und trotzdem noch verloren (bzw. in die Nachschusspflicht kamen).

    So sah der größte Bärenmarkt aus, den ich bisher erlebt habe!

    Das Prinzip und die Gefühlslage des Verbilligens zeigt abschließend Abbildung 2. Der größte Bärenmarkt in der Geschichte lockte gegen Ende 1999 / Anfang 2000 viele private Trader an die Börse und natürlich kannten diese lediglich die Käuferseite. Nicht nur, weil die Kurse zuvor über Jahre massiv stiegen und alle vom neuen Internetzeitalter sprachen, in dem alles anders sein wird und alte Bewertungsmethoden für die Börse einfach nicht mehr korrekt waren, sondern wohl auch deshalb, weil das Spekulieren auf fallende Kurse damals für private Trader kaum möglich war. Es gab noch keine einfachen Produkte wie CFDs oder Zertifikate. Also wurde gekauft, verbilligt und am Ende war das Konto weg.

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    Was lernen wir daraus? Nicht nachkaufen? Trends können weiter laufen als wir denken? …

    Das ist alles richtig, aber ich finde, es gibt noch einen wesentlich interessanteren Punkt dabei. Eigentlich haben wir soeben die Formel für langfristigen Erfolg kennengelernt. Wenn Sie mir bis hierher zustimmen können, wenn Sie es selbst erfahren und/oder an so vielen Beispielen gesehen haben, wie das Verbilligen zum Ruin führt, dann können Sie eigentlich nur zum gleichen Schluss kommen wie ich: Mache ich ab heute genau das Gegenteil vom Verbilligen, werde ich am Ende Erfolg haben. Statt im Verlustfall nachzukaufen, machen wir dieses nur im Gewinnfall. Wir pyramidisieren. Irgendwann wird der Trend, die Bewegung kommen, die weiter läuft als wir denken und genau in diesem Fall haben wir die größte Position offen. Steigen wir ein und der Markt läuft gegen uns, sorgt unser Stoploss dafür, die Verluste in Grenzen zu halten. Geht der Markt jedoch in unsere Richtung, können wir den Stopp nachziehen und weitere Positionen eingehen. So einfach kann Börse sein, oder?

    In der Theorie schon. Wenn man diesen grundlegenden Plan verfolgt und sich ein wenig Gedanken über das Risikomanagement macht, braucht man noch nicht einmal viel über Börse zu wissen, um langfristig mit sehr großer Wahrscheinlichkeit einen Riesengewinn aus der Börse zu ziehen. Die leidige Frage nach dem korrekten Einstieg rückt in den Hintergrund und stattdessen muss der Trader nur darauf achten, genügend Versuche starten zu können. Die vielen kleinen Rückschläge dürfen den Trader nicht ruinieren, so dass er, wenn die Bewegung denn kommt, noch genügend Kapital zur Verfügung hat, um ordentlich nachlegen zu können. So einfach könnte der Erfolg an der Börse sein, warum aber macht dies kaum einer?

    Die verdammte Psychologie!

    Auf der Suche nach einer Antwort drehen wir den Spieß noch einmal um und fragen uns, warum das Verbilligen im Verlustfall so beliebt ist. Die Gründe liegen auf der Hand:

    1. Man bekommt oft Recht! Man kann viele Trades mit einem wenn auch gemessen am Risiko nur kleinen Gewinn abschließen
    2. Emotionen wie Angst, Gier und Hoffnung „zwingen“ uns zu diesem Verhalten

    Da wir genau das Gegenteil vom Verbilligen machen, drehen sich auch die Vorteile dessen um. Wir werden viele Versuche brauchen, bis die große Bewegung kommt und wer hat schon gerne einen Haufen kleinerer Verlusttrades? Wer kann entspannt damit leben, ein ums andere Mal mit seiner Analyse falsch zu liegen (ich steige ja jedes Mal mit dem Gedanken ein, dass jetzt die passende Bewegung kommt) und trotzdem noch den nächsten Trade zu machen. Und ist erst einmal eine kleine Verlustserie da, dann kommt man beim nächsten halbwegs guten Trade schnell in Versuchung, die Gewinne mitzunehmen um erst einmal das Konto wieder auszugleichen. So leicht wie einem das Verbilligen im Verlustfall von der Hand geht, so schwer fällt den meisten das Gegenteil, auch wenn die langfristigen Erfolgsaussichten um ein Vielfaches höher sind und das Risikoprofil angenehmer wird, vor allem am Aktienmarkt.

    Viel Erfolg

    Ihr Rene Berteit