Das zweite Axiom handelte von der Gier. Die Prämisse des Auftretens eines Gier-Problems ist grundsätzlich, dass die Spekulation gut läuft. Nur dann kann es überhaupt passieren, dass man immer mehr und am Ende zu viel will. Es handelt sich schon fast um ein Luxusproblem.
Aber was wenn eine Spekulation nicht gut läuft? Und das wird häufig passieren. Max Gunther unterstellt, dass die Hälfte aller Spekulationen grundsätzlich daneben gehen wird (in einem späteren Axiom erklärt sich noch, warum er davon ausgeht). Wenn die Hälfte gut geht und die andere nicht, dann kann man also nur Geld verdienen, wenn man mit den positiv verlaufenden Spekulationen mehr verdient als man mit den schlecht laufenden verliert.

Man kann wohl festhalten: Die wichtigste Fähigkeit eines Spekulanten ist es, sich aus einer prekären Situation zu befreien. Und zwar rechtzeitig. Das heißt, wenn das Schiff zu sinken beginnt, nicht wenn es bereits unter Wasser ist.

Ein bekannter Spekulant, Martin Schwartz, brachte es auf den Punkt. „Ich sage Ihnen, wie ich ein Gewinner wurde. Ich habe gelernt zu verlieren“. Diese Fähigkeit unterscheidet auch gute Pokerspieler von chronischen Verlierern. Sie wissen wann es Sinn macht auszusteigen.

Aus einer Spekulation mit Verlust aussteigen tut weh. Und zwar im wesentlichen aus drei Gründen.

1. Angst vor später Reue: Die Aktie die ich mit Verlust verkaufe, könnte doch später wieder steigen? Sich das mit ansehen schmerzt. Es schmerzt so sehr, dass der Großteil der Marktteilnehmer es nicht übers Herz bringt.

Es wird immer wieder mal vorkommen, das ist sicher. Aber viel öfter wird sich der Verkauf als sinnvoll erweisen. Hinzu kommt, dass man den Erlös aus dem Verkauf in eine andere, aussichtsreichere Spekulation stecken kann. Wer den Verlust dagegen ewig aussitzt, blockiert sich selber. Im Extremfall wird er völlig handlungsunfähig.

2. Die Notwendigkeit, einen Teil des Kapitals aufzugeben: Angenommen Sie investieren 10 TSD EUR in eine Aktie. Sie fällt um 20%. Theoretisch haben Sie 2 TSD EUR weniger Vermögen, aber viele Menschen wenden einen psychologischen Trick an. Sie rechnen weiter mit dem investierten Geld und reden sich ein, der Kurs werde wieder steigen. Erst wenn der Verkauf realisiert ist, ist das Geld ja wirklich weg – so die Denkweise. Und erst dann schmerzt es so richtig, denn dann ist es endgültig.

Dass dieses Denken völlig falsch ist können Sie ganz einfach überprüfen. Angenommen Sie kaufen 1000 Aktien der Firma X zum Preis von 10 EUR. Der Preis fällt auf 8 EUR. Nun kaufe ich 1000 Aktien der gleichen Firma zu 8 EUR. Sie werden doch sicher sagen, dass mein Vermögen in diesem Wert 8 TSD EUR beträgt. Können Sie sich dann noch einreden, dass Ihres bei 10 TSD EUR liegt, nur weil Sie mehr bezahlt haben?

3. Sie müssen sich eingestehen, dass Sie sich geirrt haben:

So unterschiedlich Menschen sind, so verschieden groß ist auch diese Problematik beim Verluste-begrenzen. Für einige wenige ist es gar kein Problem, andere haben ein solches Ego dass sie der Meinung sind, sie könnten sich gar nicht irren. Nicht sie haben Unrecht, sondern der Markt!

Vor sich selber und möglicherweise vor anderen zugeben dass man sich geirrt hat, ist für viele fast ein Ding der Unmöglichkeit. Diese Fähigkeit zeichnet aber praktisch jeden erfolgreichen Spekulanten aus. Niemand ist unfehlbar, und je früher man einen Fehler erkennt desto besser. Beim Spekulieren geht es nicht um das Recht haben, sondern darum, möglichst viel Rendite zu erwirtschaften! Wenn Sie Ihr ganzes Geld in ein Projekt stecken und nach 30 Jahren tut sich endlich was, was haben Sie dann davon? Schützen Sie nicht sinnlos Ihr Ego, Sie sind nur ein Mensch wie jeder andere.

Nebenaxiom 4: Akzeptieren Sie mehrere kleinere Verluste als unvermeidlich, während Sie auf einen hohen Gewinn spekulieren.

Einen Verlust positiv zu sehen ist wohl zu viel verlangt – obwohl es oft angebracht wäre. Denn das Realisieren eines kleinen Verlustes bewahrt nur allzu oft vor einem großen Debakel.

Gunther rät, kleine Verluste ebenso einzuplanen wie andere unvermeidbare Kosten – seien es Steuern, Stromrechnungen oder Ordergebühren. Sie sind letztlich der Preis für die Chance, hohe Gewinn einzufahren.

Wie genau soll man bei der Verlustbegrenzung vorgehen? Als Faustformel empfiehlt Max Gunther, bei einem Rückgang von 15 (bis 20%) seit dem Hoch nach dem Kauf auszusteigen. Also angenommen Sie kaufen zu 90 EUR, die Aktie steigt auf 100 und fällt dann. 15% von 100 sind 15 EUR, also sollten Sie spätestens bei 85 EUR verkaufen. Das ist natürlich nur eine sehr grobe Richtschnur und es gibt sicherlich ausgefeiltere Regeln (z.B. charttechnische) wann der Verkauf ratsam wäre.

Spekulanten, die sich von der Qual zur Verkaufsentscheidung befreien wollen, rät Gunther dazu von vornherein Stopps zu setzen, wobei er selber die Methode ablehnt, da sie „denkfaul“ macht. Die eigene, tatsächliche Umsetzung schärft dagegen die Fähigkeit, schwierige Entscheidungen zu treffen.

Fazit:



- Zögern Sie nicht, wenn Probleme auftauchen. Machen Sie sich schnell aus dem Staub.



- Das Prinzip Hoffnung ist bei Spekulationen fehl am Platz



- Zeigen Sie keine Reue nach Ihrer Entscheidung. Sie werden sich oft geirrt haben aber viel öfter war das Verluste hinnehmen richtig.



- Sie können letztlich nicht wissen, wie sich eine Spekulation entwickelt. Deswegen macht es auch keinen Sinn, auf seiner Meinung zu beharren. Der Markt hat immer Recht.



- Es ist keine Schande sich zu irren. Alle anderen irren sich auch regelmäßig. Wenn Sie es sich eingestehen können, sind Sie schon im Vorteil.



- Lernen zu verlieren ist DIE Voraussetzung , das Siegen zu beherrschen.