René Descartes war nicht nur einer der größten Philosophen aller Zeiten – er war auch ein großer und leidenschaftlicher Zocker. Er liebte das Glücksspiel, besonders aber jene Spiele bei denen nicht ausschließlich das Glück entscheidet, sondern auch Berechnung und eigene Fähigkeiten mit im Spiel waren. Und er starb wohlhabend.

Descartes war ein äußerst kritischer Mensch. Er glaubte so ziemlich gar nichts, das er nicht selber komplett durchdacht hatte. Als er schon fast an der eigenen Existenz zweifelte, kam er zum Ausgangspunkt seines Denkens.

Cogito, ergo sum – „Ich denke, also bin ich.“

Dass er existierte, sah er durch sein Denken als bewiesen an. Aber sonst?

„Es gibt kaum eine Äußerung eines Gelehrten, deren Gegenteil nicht von einem anderen behauptet worden ist“, schrieb er. Er war extrem skeptisch, wenn eine (große) Mehrheit einer Meinung war, besonders in komplizierten Themen oder wenn eine Mehrheit per Abstimmung etwas entschied.

„Und die Abstimmung über eine Wahrheit führt nicht ans Ziel. Denn bei einer schwierigen Frage ist es wahrscheinlicher, dass nur wenige die Antwort gefunden haben, als dass dies vielen gelungen wäre.“

Max Gunther kann sich mit dieser Denkweise offensichtlich anfreunden. „Wenn Sie als Spekulant Erfolg haben wollen, dann könnten Sie weit Schlechteres tun, als die Schriften dieses harten, klar denkenden Mannes zu lesen.“

Nun kann Gunther als Beispiele auf einige seiner bereits erläuterten Axiome zurückgreifen, die ja oftmals das Gegenteil dessen sind, was allgemein empfohlen wird. Denken Sie nur an die Diversifikation.

Die Mehrheit hält diese Klischees für unerschütterliche Wahrheiten. Gunter überzeugend: „In diesem Zusammenhang ist es lehrreich zu bemerken, dass die meisten Leute nicht reich sind.“ Da ist was dran – wenn die Mehrheit an der Börse Recht hätte, müsste dann nicht die Mehrheit reich sein?

Wer aber nun denkt, dass Gunther sogar ein klassischer Contrarian ist, also immer gegen die Meinung der Masse handelt, täuscht sich.

Nebenaxiom XV: Folgen Sie niemals spekulativen Modeerscheinungen

Der richtige Zeitpunkt zum Kauf ist genau dann gekommen, wenn die Mehrheit der Menschen ruft: „Tu es nicht!“ Wenn jeder schreit: „Ich will es haben!“, sollten Sie auf der anderen Seite des Schalters stehen und lächelnd sagen: „Aber mit Vergnügen!“

Klingt überzeugend, aber Gunther schränkt ein:

Das bedeutet nicht, dass Sie immer automatisch das tun sollten,was die Mehrheit nicht tut.“ Allerdings bedeutet es, dem Gruppendruck hartnäckig widerstehen zu müssen, statt sich von ihm mitziehen zu lassen.

Tatsächlich wäre es unsinnig, automatisch anzunehmen, dass die Masse falsch liegt. Denken Sie z.B. an insolvente Unternehmen. Wenn jeder der Meinung ist, die Aktie eines insolventen Unternehmens ist kein Kauf, dann wird das in aller Regel auch richtig sein. Je simpler der Sachverhalt, desto wahrscheinlicher ist es auch, dass die Masse Recht haben kann – siehe Descartes Aussagen.

Gunther: „Wenn Sie zu der Meinung kommen, die anderen hätten Recht, dann sollten Sie sich unter allen Umständen anschließen. Der entscheidende Punkt dabei: Was Sie auch tun, ob Sie mit oder gegen den Strom agieren wollen, Sie sollten sich zunächst eine fundierte eigene Meinung über die Situation bilden.“

Nun holt er zum Schlag gegen die Contrarians aus: „Manche Spekulanten machen ein Dogma daraus, automatisch gegen die Mehrheit zu agieren. Sie nennen sich Contrarians.“ Die Philosophie der Conrarians: Die beste Zeit zum Kauf ist oft dann gekommen, wenn ein Finanzinstrument am unattraktivsten aussieht. Daher kaufen Contrarians Aktien in der tiefsten Depression und Gold auf dem Höhepunkt des wirtschaftlichen Booms.

Gunther weiter: „Das Problem dieser Denkweise besteht darin, dass sie mit einer guten Idee beginnt und sich zu einer grandiosen Ordnungsillusion verhärtet.“ Die Ordnungsillusion besteht darin, dass eine Gesetzmäßigkeit hergestellt wird zwischen der Meinung der Mehrheit und dem besten Zeitpunkt, in ein Wertpapier einzusteigen. Der Punkt ist aber: Die Meinung der Mehrheit ist ein gutes Indiz, aber nicht mehr. Sie zeigt eine erhöhte Wahrscheinlichkeit an, aber keine Sicherheit. Es ist natürlich fraglich, ob Contrarians wirklich so stur dogmatisch vorgehen wie Gunther unterstellt – oder ob sie in Wirklichkeit seiner Denkweise nicht sogar sehr sehr nahe stehen.

Fazit:



- Die Mehrheit hat nicht immer automatisch unrecht, aber sie hat mir höherer Wahrscheinlichkeit Unrecht als Recht

- Bilden Sie sich eine eigene fundierte Meinung, ehe Sie Ihr Geld aufs Spiel setzen



- Widerstehen Sie dem Massendruck, mit der Mehrheit zu gehen