Externe Quelle: Deutssche Bank Reseach

Olympische Spiele in Beijing. Die ganze Welt schaute auf die chinesische Hauptstadt und sah eine dynamisch wachsende Megastadt, in deren Einzugsgebiet etwa 16 Mio. Menschen leben. Dynamik bedeutet Veränderung, und dies bietet Investitionschancen. Es geht um Wohnungen, Büroflächen und den Ausbau der städtischen Infrastruktur. Doch China ist mehr als Beijing – viel mehr: Es gibt heute fast 100 Millionenstädte in China, viele der ursprünglich kleineren Städte sind deutlich schneller gewachsen als Beijing. Shenzhen, heute mit 7,5 Mio. Einwohnern Chinas viertgrößte Stadt, war 1980 kaum größer als Bonn. Zudem ist der Nachholbedarf in anderen Städten höher als in der Hauptstadt, denn im Vorfeld der Olympischen Spiele wurde gerade in Beijing umfangreich in die Infrastruktur investiert.

Von den rd. 1,3 Mrd. Chinesen leben nach Angaben der Vereinten Nationen heute 530 Mio. Menschen in Städten, also gut 40%. Verglichen mit europäischen Ländern, in denen die Urbanisierungsquote fast doppelt so hoch liegt, ist China damit noch immer sehr stark ländlich geprägt. Die Entwicklung in China zu einer urbanen Gesellschaft verläuft aber seit Jahrzehnten rasant. Noch zur Mitte des letzten Jahrhunderts lebten nur 13% der Chinesen in städtischen Agglomerationen, also gut 62 Mio. Menschen. Dass heute über achtmal mehr Chinesen in Städten zu Hause sind, hat viele Gründe. Der Wichtigste ist die Industrialisierung und die damit verbundene Öffnung des Landes für den internationalen Güterhandel. Daneben sorgten starkes Bevölkerungswachstum und Produktivitätsfortschritte in der Landwirtschaft für sehr billige Industriearbeitskräfte. Die Konzentration der Bevölkerung in Städten folgte damit einem ähnlichen Schema wie jene im Europa des 19. Jahrhunderts. Mit steuerbegünstigten Sonderwirtschaftszonen und der vergleichsweise einfachen Möglichkeit, durch Landerwerb nach außen zu wachsen, wurden auch entscheidende politische Weichen für das Wachstum der Städte gestellt.

Gerade die politische Flankierung sorgte gemeinsam mit den in China verankerten, umfangreichen dezentralen Entscheidungskompetenzen für ein landesweites Aufblühen der Städte. Viele neue Städte sind entstanden, viele kleinere sind regelrecht explodiert. Dadurch verteilt sich die Stadtbevölkerung heute viel gleichmäßiger als vor 50 Jahren: 1950 wohnten fast 90% der chinesischen Stadtbevölkerung in den 100 größten Städten, ein Siebtel der Stadtbevölkerung allein in Beijing und Shanghai. Heute machen die größten 100 Städte „nur“ noch gut die Hälfte der Stadtbevölkerung aus, auf Beijing und Shanghai entfallen heute sogar nur noch rd. 6%. Sogar in den Ballungsräumen Berlin und Hamburg wohnen – bezogen auf die städtische Bevölkerung in Deutschland – mehr Menschen als in den beiden Megastädten Chinas.

Wie geht es weiter? Es ist unwahrscheinlich, dass der Verstädterungsprozess stoppt. Die Vereinten Nationen rechnen damit, dass bis zum Jahr 2030 Chinas Städte um insgesamt rd. 350 Mio. Menschen anschwellen werden; bis zur Jahrhundertmitte würden sogar mehr als 1 Mrd. Menschen in chinesischen Städten wohnen – fast viermal so viele wie heute in den Städten der USA. Das McKinsey Global Institute erwartet sogar, dass die Milliarde bereits im Jahr 2030 erreicht wird. Während die Bevölkerungsforscher der Vereinten Nationen also mit einer deutlichen Verlangsamung des Urbanisierungsprozesses für die kommenden Jahrzehnte rechnen, gehen die Analysten von McKinsey davon aus, dass die jährliche Wachstumsrate von rd. 2,5% zumindest bis 2030 in etwa gehalten wird.

Bemerkenswert an der Prognose der Vereinten Nationen ist darüber hinaus, dass demnach zwar auch in Zukunft kleinere Städte schneller expandieren werden als größere. Der Unterschied in den Wachstumsraten würde jedoch deutlich abnehmen, v.a. weil sich das Bevölkerungswachstum der kleineren Städte im Vergleich zu früheren Jahrzehnten sehr stark abschwächt. Diese unterschiedlich stark ausgeprägten Bremsspuren in der UN-Prognose implizieren die Erwartung, dass die Förderung von neuen, bzw. kleineren Städten durch neue Sonderwirtschaftszonen reduziert wird. Stimmen die Schätzungen des McKinsey Global Instituts wäre dies auch gerechtfertigt. Denn die McKinsey-Forscher sind überzeugt, dass eine stark auf Ballung ausgerichtete Urbanisierungsstrategie das günstigste Kosten-Nutzen-Verhältnis aufweist – insbesondere weil Investitionen in städtische Infrastruktur fokussierter erfolgen könnten. Dies ist weder eine leichte administrative, noch eine einfache politische Aufgabe – nicht einmal in China. So lange die Wirtschaft sehr stark von der industriellen Entwicklung abhängt, ist es zudem eine wirtschaftspolitisch riskante Strategie, denn sehr starke Ballung führt auch zu (noch) stärkerem Lohnanstieg. Und damit würde ein entscheidender Wettbewerbsvorteil Chinas geschwächt.

Für Investoren, Bauunternehmen und Ausrüstungsunternehmen dürfte die Botschaft indes unabhängig vom tatsächlichen Urbanisierungspfad weitgehend identisch sein: China benötigt in den nächsten drei Jahrzehnten zusätzlichen Wohnraum für mindestens 350 Mio. Städter, mehrere Milliarden Quadratmeter zusätzliche Bürofläche, v.a. aber eine moderne kommunale Infrastruktur, also funktionierende Wasser- und Abwassersysteme, neue Schulen, dichtere und effizientere Personennahverkehrsnetze und Hunderte neuer Kraftwerke. Privates Kapital, noch mehr aber das hiesige Know-how sollten zum gegenseitigen Gewinn in den chinesischen Urbanisierungsprozess eingebracht werden – nicht nur in Beijing und Shanghai, sondern gerade auch in Guangzhou, Wuhan, Shenzhen, Xi’an sowie in den anderen 200 Millionenstädten, die es in China im Jahr 2030 geben wird.