New York (BoerseGo.de) - Kann die Wall Street die am Dienstag gestartete Erholungs-Rallye fortsetzen? „Yes, we can“, lautete die Antwort, für heute jedenfalls. (Auch das Motto des Präsidentschaftskandidaten Obama). Trotz den gestrigen Zinssenkungen - neben der Fed senkte auch die Notenbank von China ihren Leitzins - und Hoffnungen auf weitere (EZB, Japan, Bank of England) kam die Antwort allerdings eher zögernd. Nach einem positiven Start flutschten Dow und S&P 500 für ein Sekündchen in den roten Bereich, konnten sich aber schnell wieder in die Gewinnzone retten. Per Saldo war heute sogar der ruhigste Tag seit Wochen.

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    Das ist auch den Konjunkturdaten zu verdanken. Die heute gemeldete Konjunkturdelle vom 3. Quartal fiel glimpflicher aus als befürchtet. Im 3. Quartal schrumpfte die US-Wirtschaft um 0,3 Prozent (Erwartung: minus 0,5 Prozent, 2. Quartal: plus 2,8 Prozent). Damit ist die Lehrbuchdefinition einer Rezession noch nicht erfüllt (zwei aufeinander folgende Quartale mit schrumpfender Wirtschaft). Viele befürchten zwar, dass sich der Schrumpfprozess - wegen den Turbulenzen an den Finanzmärkten - im laufenden 4. Quartal fortsetzt oder gar verstärkt. Analysiert man aber die Ursachen der Delle, gibt es Anlässe zur Hoffnung.

    Kollateralschäden der Rohstoffspekulation
    Schuld an der schwachen Leistung im 3. Quartal war der Konsum, der zwei Drittel der Wirtschaftsaktivität ausmacht. Die Ausgaben der Verbraucher brachen um 3,1 Prozent ein, stärker als erwartet (Konsens: minus 2,4 Prozent, 2. Quartal: plus 1,2 Prozent). Der Konsum litt im 3. Quartal nicht nur unter dem schwachen Arbeitsmarkt. Er zeigte auch die Kollateralschäden der Rohstoffspekulation, die im Sommer den US-Benzinpreis auf 5 Dollar katapultierte und die Lebensmittel extrem verteuerte. Die Folge war die aktuelle Krise der Autoindustrie (die dort zahlreiche Jobs kostet) und Absatzeinbrüche bei den Einzelhändlern, deren Kunden wegen der Sprit- und Lebensverteuerung weniger Geld zum Einkaufen hatten. Die inzwischen erfolgte drastische Korrektur bei den Rohstoffpreisen (der Benzinpreis fiel in den USA wieder unter die 3-Dollar-Marke zurück) sollte den Konsum allmählich wieder auf die Beine helfen. General Motors erklärte gestern jedenfalls, man habe das Gefühl, der Boden des wirtschaftlichen Abschwung sei jetzt erreicht.

    Das scheint auch für den Job-Markt zu gelten. Die - wie jeden Donnerstag gemeldeten - wöchentlichen Arbeitslosenmeldungen blieben auf 479.000 eingefroren (Vorwoche: 479.000, Konsenserwartung: 475.000).

    Tauwetter am Geldmarkt

    Beobachter sehen aber noch ein zweites Signal, das Hoffnung macht: Der in London ermittelte Geldmarktsatz (Libor) fiel heute bereits den vierzehnten Tag in Folge. Das bedeutet, das gegenseitige extreme Misstrauen unter den Banken - ausgelöst durch den Bankrott der Lehman Brothers - nimmt wieder ab und ihre Bereitschaft, sich gegenseitig Geld zu leihen wächst. Damit dürfte sich auch die Geldversorgung der restlichen Wirtschaft wieder verbessern und die Kreditklemme (Credit Squeeze), die Handel und Wandlel derzeit bremst, abschmelzen, hoffen die Volkswirte.

    Auch die Flut der Quartalszahlen macht Hoffnung. Bislang haben laut Bloomberg 309 Gesellschaften aus dem S&P 500 berichtet. Davon haben 206 die Erwartungen geschlagen, lediglich 97 schnitten schlechter ab. Allerdings gaben viele sehr konservative, sprich enttäuschende, Ausblicke ab. Viele Manager nutzten jetzt anscheinend die Gelegenheit, um sich die bei den nächsten Quartalszahlen zu überspringende Messlatte, möglichst tief zu legen.

    An der New York Exchange kam heute auf fünf Gewinner lediglich ein Verlierer. Der Dow Jones Industrial Average avancierte 2,1 Prozent auf 9.180 Punkte (am 10. Oktober wurde ein Zwischentief von 7.882 Punkte erreicht), der - für den breiten US-Aktienmarkt repräsentative - S&P 500 stieg 2,5 Prozent auf 954 Punkte und der technologielastige Nasdaq Composite Index gewann 2,5 Prozent auf 1.698 Punkte.

    Dow Jones Average: Verlockende Bewertungen

    Unter den 30 Blue Chips des Dow gab es heute nur 4 Verlierer. Da es für die Gewinne kaum Nachrichten gibt, sind sie wohl Schnäppchenjäger zu verdanken, die bei den heutigen günstigen Bewertungen zugriffen.

    Tops:

    Der Top des Dow war Intel mit einem Tagesgewinn von 8,2 % auf 90,69 Dollar. Bei dem Chip-Papier halfen anscheinend positive Branchennachrichten. Der Branchenverband Semiconductor Industry Association beobachtete im September eine starke Nachfrage in der Region Asien-Pazifik. Möglicherweise griffen auch Schnäppchenjäger zu, immerhin ist der Nasdaq-Titel seit August gut 30 Prozent gefallen.
    Hewlett-Packard stieg 6,5% auf 37,69 Dollar. Der Weltmarktführer bei Druckern und PCs war im Oktober um mehr als 20 Prozent gefallen und lockt daher wieder Käufer an.
    Chevron verteuerte sich 4,5% auf 74,18 Dollar. Der Energieriese bewegte sich - wie in jüngster Zeit recht häufig - konträr zum Ölpreis, der heute wieder fiel. Anscheinend weckt der aufkeimende konjunkturelle Optimismus die Hoffnung, dass das Geschäft mit Weiterverarbeitung und Vertrieb (Downstream, also Raffinerien und Tankstellen) die Verlust aus der Produktion mehr als ausgleicht.

    American Express erreichte mit 4,2% auf 26,06 Dollar ein gute Platzierung. Der Kreditkartenanbieter will 7.000 Jobs streichen, um im kommenden Jahr Kosten im Umfang von 1,8 Milliarden Dollar einzusparen. Betroffen sind vor allem Managerpositionen. Außerdem würden die Gehälter des Managements eingefroren und ein Einstellungsstop verhängt.

    Flops:

    Der Flop des Dow war - wie so oft - General Motors, heute mit einem Tagesverlust von 10,2% auf 6,07 Dollar. Die Aussage des Managements, der konjunkturelle Boden sei erreicht, wurde ignoriert. Vielleicht haben ein paar Hedgefonds leerverkauft, mit einem Retter wie bei Volkswagen ist hier ja nicht zu rechnen.

    Überraschender ist, dass Microsoft mit minus 1,6% auf 22,63 Dollar der 2-größte Verlierer war. Nachrichten gab es dafür nicht. Vielleicht stieß ein Fonds Papiere ab, um sich Liquidität zu beschaffen.
    Verluste erlitten auch der Pharma-Titel Johnson & Johnson (minus 1,56%) und Wal-Mart (minus 0,5%).

    S&P 500: Weniger Geld für die Schönheit?
    Tops:

    Office Depot explodierte 48,6% auf 3,12 Dollar. Das 52-Wochenhoch lag allerdings bei 20 Dollar. Der angeschlagene Bürowarenhändler will - wegen der schwachen Gesamtwirschaft - die Eröffnung neuer Läden hinausschieben. Die Wall Street jubelte anscheinend wegen der dadurch - zumindest kurzfristig - eingesparten Kosten.
    Der Rivale Staples sprang 15,6% auf 18,42 Dollar. Der Ausblick des Büroausstatters auf die Zahlen des 3. Quartals fiel besser aus als von den Analysten erwartet. Der Broker Friedman Billings reagierte darauf und verbesserte den Dienstleister von „Underperform“ auf „Market Perform“.

    Bei vielen Unternehmen beflügelten die Quartalsergebnisse.
    CBS gewann 8,1% auf 9,43 Dollar. Der Medienkonzern machte zwar Verlust wegen hoher Abschreibungen, bereinigt um diese Sonderposten verdiente der Dienstleister aber mehr als erwartet.
    Colgate-Palmolive verteuerte sich 7% auf 63,23 Dollar. Der Weltmarktführer bei Zahnpasta steigerte den Gewinn stärker als erhofft, dank höherer Preise und kräftiger Nachfrage aus Lateinamerika.
    Visa avancierte 7% auf 54,25 Dollar. Der Kreditkartenanbieter übertraf bereits gestern die Gewinnerwartungen der Wall Street.
    Waste Management kletterte 6,2% auf 31,44 Dollar. Der Abfallentsorger steigerte seinen Gewinn um fast 12% - mehr als erwartet.

    Die Airlines wurden wieder vom billigeren Öl beflügelt: Continental Airlines plus 10% auf 16,94 Dollar, US Airways 10% auf 9,33 Dollar und AMR, die Mutter der American Airways plus 1% auf 9,20 Dollar.

    Flops:

    Hartford Financial implodierte 52% auf 9,62 Dollar. Der Lebensversicherer hatte bereits gestern einen sehr hohen Verlust gemeldet und darüber geklagt, dass er derzeit - wegen den Finanzmarktturbulenzen - nicht das benötigte frische Kapital beschaffen kann. „Die gestrigen Zahlen lassen Fragen zur Eigenkapitalbasis offen“, kommentierte heute die UBS.
    Prudential Financial taumelte 18% auf Dollar. Der Assekuranzkonzern war in die roten Zahlen gerutscht und hatte mehr Geld verloren als die Wall Street befürchtete.

    Cigna brach 22% auf 15,58 Dollar ein. Die Aktien fielen auf ein 5-Jahrestief. Die Krankenkasse meldete heute einen Gewinneinbruch um 53% im 3. Quartal (gegenüber Vorjahr). Auch der Ausblick macht wenig Hoffnung. Jetzt soll die Zahl der Mitglieder im Gesamtjahr um 1% schrumpfen, zum Jahresbeginn war noch ein Wachstum von 1% in Aussicht gestellt worden.

    Goldman Sachs verlor 6,7% auf 91,11 Dollar. Dort kürzte das übriggebliebene Aktienresearch des untergegangenen Rivalen Merrill Lynch die Gewinnschätzung für 2009.

    Avon Products rutschte 15,4% auf 22,57 Dollar. Der Beautykonzern steigerte zwar seinen Gewinn um 60 Prozent, die Wall Street hatte sich aber mehr erhofft. Außerdem kündigte der Kosmetikhersteller eine schlechtere Gewinnmarge an.

    Motorola sank 5,3% auf 5,17 Dollar. Der Handybauer, der im Konkurrenzkampf mit Nokia, Apple (iPhone) & Co das Nachsehen hat, meldete wieder schlechte Quartalszahlen.

    Nasdaq: Chip Chip Hurra
    Die Nasdaq profitierte auch von der dort reichlich vertretenen heute gut aufgelegten Chip-Titeln. Dazu trug auch noch American Technology Research bei. Der Broker hob die Branche heute von „Untergewichten“ auf „Gleichgewichten“. „Die negativen Einflüsse der gesamtwirtschaftlichen Schwäche und der engen Kreditmärkte sind nun im wesentlichen in den gefallenen Aktienkursen eingepreist“, hieß es. Wertorientierte Investoren (Value Investors) könnten daher selektiv Positionen aufbauen.
    Neben dem Dow-Spitzenreiter Intel gewann dessen Rivale Advanced Micro Devices (AMD) 19,5% auf 3,56 Dollar.
    Der Halbleiterhersteller Conexant Systems erhielt reichlich Vorschusslorbeeren für die heute nach Börsenschluss fälligen quartalszahlen und explodierte 35% auf 2,10 Dollar. Vielleicht eine Torschlusspanik bei den Leerverkäufern.
    Der Philadelphia Semiconductor Sector Index, der 19 Halbleiter-Titel erfasst, gewann 4% auf 235,06 Punkte.

    First Solar sprang 24,5% auf 144,07 Dollar. Das an der Wall Street in jüngster Zeit schwer verprügelte Solatechnikunternehmen meldete gestern starke Quartalszahlen. Goldman Sachs hob das Kursziel auf 105 Dollar (vorher: 103 Dollar), bleibt aber beim Rat „Verkaufen“. Es bestünde weiterhin das Risiko, dass die Subventionen gekürzt werden. Außerdem kämpfe die Branche mit dem Problem der Überproduktion. Der Broker Soleil beförderte das Alternativ-Technologieunternehmen dagegen von „Halten“ auf „Kaufen“. Das Kursziel beträgt dort 160 Dollar. Der Broker Merriman Curhan Ford hob sein Urteil ebenfalls von „Neutral“ auf „Kaufen“ an. Kaufman Brothers („Halten“) schraubte dagegen sein Kursziel von 260 Dollar auf 140 Dollar herunter.

    JDS Uniphase Corporation brach dagegen 8,5% auf 5,49 Dollar ein. Der Telekommunikationsausrüster gab - wie so viele Unternehmen einen enttäuschenden Ausblick ab.

    Apple sprang 6,2% auf 111,04 Dollar. Damit setzten die Kalifornier ihre gestrige Rallye fort und gewannen binnen 2 Tagen rund 20%. Gestern hatte der Broker Sanford Bernstein angeregt, der Technologiekonzern solle doch seine angehäuften Kassenreserven für ein umfangreiches Aktienrückkaufsprogramm ausgeben und damit die Fantasie angeregt. Wenig Fantasie gab es wohl für Research in Motion. Der Smartphone-Rivale bröckelte 0,9% auf 47,39 Dollar. Der Hersteller des BlackBerry leidet schon seit Tagen unter skeptischen Analysteneinschätzungen, auch wegen dem wachsenden Konkurrenzdruck durch das iPhone.

    Internet: Vom Partner zum Rivalen

    Auch die an der Nasdaq notierten Flaggschiffe des Internets wurden von der verbesserten Stimmung angehoben, viele allerdings nur unterdurchschnittlich. Die in jüngster Zeit vernachlässigte Google verbesserte sich 0,5% auf 359,69 Dollar. Yahoo stieg 6,5% auf 12,93 Dollar, bewegt sich aber weiter nahe des 5-Jahrestiefs. Baidu.com, Chinas Marktführer bei den Suchmaschinen, kam um 0,8% auf 213,60 Dollar voran.

    Netflix gewann 4,7% auf 22,78 Dollar. Die Online-Videothek schloss mit Tivo (programmierbare TV-Rekorder) einen Deal. Danach können die US-Kunden der beiden Technologiekonzerne Filme und TV-Shows aus dem Netflix-Angebot via Tivo-Geräte und -Netz direkt auf ihre TV-Geräte „streamen“. Tivo (heute plus 11,3% auf 6,60 Dollar) hat bereits einen ähnlichen Deal mit Amazon.com.

    Möglicherweise belastete die Tatsache, dass ein Geschäftspartner gemeinsame Sache mit einem Konkurrenten macht, den Aktienkurs von Amazon.com. Der E-Commerce-Pionier bröckelte jedenfalls 0,3% auf 56,71 Dollar. Seit dem Zwischentief von letzter Woche (43,30 Dollar) war das Papier allerdings rund 30 Prozent gesprintet. Der E-Commerce-Rivale Ebay avancierte 1,5% auf 15,39 Dollar.

    Öl: Wieder im Rückwärtsgang

    Das Öl legte heute wieder den Rückwärtsgang ein. Der Crude-Kontrakt für Dezember verlor heute an der New York Mercantile Exchange 1,54 Dollar auf 65,96 Dollar, berichtete MarketWatch und verwies dabei auf die Sorgen um die Energienachfrage.

    Gold: Im Schatten des Aktienmarktes

    Das Gold stand heute wieder im Schatten des Aktienmarktes. Außerdem belasteten die Stärke des Dollars und die Schwäche des Öls, beobachtete MarketWatch. Der Gold-Kontrakt für Dezember verlor heute 15,50 Dollar auf 73,8,50 Dollar.