Das Projekt Europa ist ins Schlingern geraten. Auf das Entsetzen in den europäischen Hauptstädten über den negativen Ausgang der Referenden in Frankreich und den Niederlanden folgte ein missglücktes Gipfeltreffen der Regierungschefs in Brüssel. Die Differenzen über den zukünftigen Haushalt zeigen deutlich, wie heterogen die Ideen und Konzepte für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunft der Europäischen Union interpretiert werden und wie ausgeprägt die unterschiedlichen nationalen Philosophien sind.

Europa steckt in der Krise und der "Schurke" wurde bereits eindeutig identifiziert: der britische Premierminister Tony Blair. Allein sein Beharren auf einer Reform der Haushaltspolitik hat den sonst üblichen zweifelhaften Kompromiss in der europäischen Familie verhindert.

Aber ist nicht Blair der wahre Europäer? Hat nicht sein Vorgehen die Schockwellen ausgelöst, die dringend notwendig sind, um Europa aus der Lethargie und Erstarrung eines bedingungslosen Klammerns an vermeintlich soziale Strukturen zu lösen?

Das "Nein" der Bürger im Referendum ist ein Reflex auf den wirtschaftlichen Niedergang Europas und die immer gleichen politischen Konzepte aus Paris, Rom oder Berlin. Nimmt man den Erfolg der britischen Volkswirtschaft als Maßstab und Legitimation, so stützt sich Blairs Initiative auf überzeugende Argumente. Das Wachstums-, Beschäftigungs- und Investitionsklima in Großbritannien ist wesentlich besser als in allen anderen großen EU-Staaten. Und eine Neubelebung und -strukturierung der Europäischen Agenda muss nicht zwangsläufig zu einem Kahlschlag des Sozialmodells führen. Die vermeintlichen Bewahrer sollten erkennen, dass jede weitere Verzögerung des Modernisierungsprozesses durch die anhaltende Dynamik der Globalisierung letztlich zwangsläufig zu noch härteren Einschnitten führen wird.

Es scheint, dass die Bürger Europas gedanklich schon weiter sind als ihre politischen Vertreter. Die neuesten Umfragen zeigen, dass die Bevölkerung auf Wandel setzt. Blairs Offensive und die vermutlichen Neuwahlen in Deutschland könnten Europa den nötigen Schub für nachhaltige Reformen bringen. Die freundliche Entwicklung an den Aktienmärkten und die derzeitige Outperformance der europäischen Märkte gegenüber den USA und Asien zeigen deutlich, welche Erwartung derzeit gehandelt wird.

Die Perspektiven für Europa sind so aussichtsreich wie schon lange Zeit nicht mehr.

Quelle: INVESCO