Liebe Leserinnen und Leser,

obwohl die Corona-Lockdowns an den meisten Orten in Europa und Nordamerika gerade wieder gelockert werden, dürften die wirtschaftlichen Folgen dramatisch werden. Die US-Wirtschaft dürfte im zweiten Quartal mit einer aufs Gesamtjahr hochgerechneten Rate von 30 bis 40 Prozent schrumpfen und die Gewinne der Unternehmen im S&P 500 sind bereits im ersten Quartal dramatisch eingebrochen. Wie der Portfoliomanager Charlie Bilello in der vergangenen Woche auf Twitter schrieb, haben bisher 88 Prozent der Unternehmen im S&P 500 ihre Zahlen für das erste Quartal veröffentlicht. Im Schnitt lagen die Gewinne pro Aktie 64 Prozent tiefer als im Vorjahresquartal.

Wie passt ein Gewinnrückgang der im S&P 500 enthaltenen Unternehmen von 64 Prozent damit zusammen, dass der Index inzwischen nur noch rund 13 Prozent unter seinem noch im Februar erreichten Allzeithoch steht? Eine Antwort könnte lauten: "Überhaupt nicht." Hat sich der Aktienmarkt völlig von den Fundamentaldaten verabschiedet und steigt nur noch, weil die Notenbanken wie verrückt Geld in den Markt pumpen? Dass die Geldflut der Notenbanken und die Rettungsbemühungen der Regierung für die Erholung mitverantwortlich sind, ist natürlich alles andere als abwegig. Trotzdem ist ein Gewinneinbruch von 64 Prozent nicht so inkompatibel mit der aktuellen Marktsituation, wie es zunächst den Anschein hat.

Eine Aktie ist nichts anderes als ein Anteilsschein an einem Unternehmen. Die (zumindest theoretisch korrekte) Methode zur Bewertung einer solchen Aktie ist einfach: Eine Aktie ist genau das wert, was ein Unternehmen in Zukunft in Form von Cashflows (oder alternativ Gewinnen) pro Aktie verdienen wird. Entscheidend für den Unternehmenswert ist nicht, wie sich der Gewinn im aktuellen oder im künftigen Quartal entwickeln wird, sondern wie viel ein Unternehmen langfristig verdienen wird. Und genau dieser Punkt könnte erklären, warum der Aktienmarkt sich derzeit so viel positiver präsentiert als die realwirtschaftliche Entwicklung.

Dass die wirtschaftliche Lage kurzfristig katastrophal sein wird, ist am Aktienmarkt längst eingepreist. Doch viel entscheidender ist, wie sich nach Einschätzung des Marktes die Gewinne der Unternehmen langfristig entwickeln werden. Hier scheinen die Marktteilnehmer optimistisch zu sein, dass die Corona-Turbulenzen innerhalb weniger Quartale überwunden werden können und langfristig die Gewinnkraft der Unternehmen nicht nachhaltig schmälern werden. Ganz im Gegenteil: Nach wenigen schwachen Quartalen wird die Wirtschaft (abgesehen von einigen wenigen Branchen wie dem Tourismus oder der Gastronomie) wieder ungefähr dort stehen, wo sie vor der Corona-Pandemie stand. Das jedenfalls glaubt derzeit der Aktienmarkt.

Ob dieser Optimismus gerechtfertigt ist, wird sich zeigen. Mit jedem Tag, der vergeht und an dem die Corona-Epidemie weiter den Konsum und die Produktion bremst, wird das optimistische Szenario aber ein klein wenig unwahrscheinlicher. Gut möglich, dass dem Markt ein "böses Erwachen" bevorsteht. Dies könnte zum Beispiel dann geschehen, wenn das Konsumverhalten der Menschen dauerhaft beeinträchtigt wird und sich die Krise viel stärker auf die langfristigen Gewinnerwartungen auswirkt, als dies der Markt aktuell einpreist. Aber das ist noch Zukunftsmusik. Aktuell hofft der Markt auf eine schnelle Normalisierung.

Ihr Oliver Baron

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